„God’s away on business“ – Dt.-pl. Musik-Theaterprojekt in Auschwitz

Theaterstück: God's away on business. Foto: Ratsgymnasium Stadthagen

Theaterstück: God's away on business. Foto: Ratsgymnasium Stadthagen

(Köln, MST) God’s away on business ist der Titel eines Theaterstück, das in Zusammenarbeit der Schülerschaft des Ratsgymnasiums Stadthagen und den Schülern des Lyceums Słupca (Slupca) inszeniert wurde. Gemeinsam erarbeiteten die insgesamt 24 Jugendlichen eine Collage aus Musik, szenischem Material, körperlichen Aktionen und Text. Das Projekt entstand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Notwendigkeit der Erinnerung“, organisiert durch den Förderverein ehemalige Synagoge Stadthagen e.V. im September 2011. Das Stück war auch in Oświęcim (Auschwitz) zu sehen.

Wo war Gott?

Unter der Leitung von M. Wojtkowiak, A. Kraus, H. Ruprecht und D. Post erarbeitete die Schülergruppe, die zu gleichen Teilen aus Deutschen und Polen bestand, eine anspruchsvolle Theater-Collage in zwei Sprachen. Die Texte der Inszenierung basieren zum einen auf dem Theaterstück in drei Akten: „Der Prozess von Schamgorod, so wie er sich am 25. Februar 1649 abgespielt hat“ des Schriftstellers Elie Wiesel, zum anderen auf dem Poem „Der große Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ des polnisch-jüdischen Dichters Jichzak Katzenelson.

Die Wahl der Inszenierung eines Theaterstücks, das im 17. Jahrhundert spielt, mag für den Zuschauer zunächst befremdlich wirken. In der Umsetzung aber bemerkt das Publikum bald, dass sich die Jugendlichen vor allem mit den Szenen auseinandersetzen, zu welchen sie einen Bezug herstellen können. Im Mittelpunkt der Aufführung steht die geschändete Tochter eines jüdischen Wirts. Wie auch in der Textvorlage spielt sich in seinem Gasthaus eine Gerichtsverhandlung gegen Gott ab. Typisch für die Werke Elie Wiesels ist dabei stets die Frage nach Gott. Wo war er während all der Pogrome und vor allem im zweiten Weltkrieg? Die Schüler greifen Motive aus dem Theaterstück auf und konfrontieren die Zuschauer mit Themen wie Gewalttätigkeit aufgrund eines „Nicht-hin-Sehens“, dem Umschlag des Freund-Feind-Schemas und der ständigen Versuchung, die das Gute begleitet. Schließlich macht die Frage nach dem Walten Gottes – unabhängig davon, welche Gräueltat gerade geschieht – die Inszenierung zeitlos.

Kontraste gegen Betroffenheitskitsch

Das Stück God’s away on business fährt unter die Haut. Der Kontrast zwischen Schönheit und Grauen, zwischen Lachen und Mord birgt eine Portion an Irritation. Mit dem Effekt, dass „Rührkunst“ und „Betroffenheitskitsch“ keine Chance haben gegen echte, anrührende Sensibilität, Intimität und Momente des Mitgefühls. Deutlich wird dieser Kontrast besonders in der Vorfreude und den Vorbereitungen auf die Hochzeit der Tochter des Wirts und der anschließenden brutalen Vergewaltigung.

Neben den Textvorlagen nutzen die Schüler auch Musik, um ihrem Stück eine weitere Dimension zu verleihen. Zwei Stand-Mikrophone werden genutzt, um die deutsche und polnische Übersetzung der Lieder „God’s away on business“ und „Misery is the river of the world“ von Tom Waits in das Stück einfließen zu lassen. Das polnische Gesangsduo schafft es den aggressiv rauen Sound überzeugend wiederzugeben. Gleichzeitig finden sich aber auch ruhigere Stücke, beispielsweise der polnischen Band Myslovitz oder Musik vom Esbjörn Svensson Trio als Kontrast in God’s away on business wieder.

Mittel zum gezielten Weiterfragen

Doppelungen, Zweisprachigkeit, stummes Spiel, Leerstellen und Brüche verlangen viel an Konzentration seitens des Publikums vor der Bühne in Oświęcim (Auschwitz). Das Schauspiel nimmt den Zuschauer mit in die Verantwortung und gemeinsames Handeln schlägt hier den gängigen Diskurs über Gewalt. Theater gibt vielleicht keine Antworten auf politische oder philosophische Probleme. Es kann aber mit dem Körper, mit allen Sinnen und Emotionen ein wichtiger Beitrag zur „klügeren Erinnerungskultur“ (Charlotte Knobloch) sein. Eine soziale und öffentliche Kontaktzone, die Einzelne stärkt, Verbindungen bekräftigt und ermutigt zum gezielten Weiterfragen.

Quelle: Ratsgymnasium Stadthagen

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