10-Jahres-Vergleich: Assoziationen zu Polen

Stimmen von Schülern zum Austausch

Höflichkeit und Gastfreundschaft fielen 2002 auf

(Berlin, JW) Jetzt habe ich mit dem Aufräumen meines kleinen Büros daheim begonnen. Dieses Papiersortier-Projekt mit angegliedertem Ausmisten von unsinnigen Technik-Gadgets und Sichten jahrzehntealter Kontoauszüge (waren das noch Zeiten!) hat mich zu einem Ordner – natürlich ein klassischer Leitz  – geführt, dessen Inhalt mich wiederum zu diesem Beitrag motivierte.

Nun könnte man sagen, dass das wohl ein klassisches Symptom des gerade modernen Fast-Krankheitsbildes der Prokrastination sein dürfte: Während ich hier tippe, sortiert sich leider keiner der Kontoauszug- und Versicherungspolicen-Ordner von selbst. Aber dennoch bin ich der Überzeugung, dass sich dieser kleine Rückblick lohnt: Es geht um Assoziationen zu Polen. Und gefunden habe ich in dem Ordner die Dokumentation eines deutsch-polnischen Begegnungsprojektes, das ich mit Jugendlichen im Jahr 2002 durchführte. Dokumentiert sind unter anderem die Papierbögen, auf denen die jugendlichen Teilnehmer nach dem Projekt ihre Einstellungsveränderungen notierten.

Wie war’s in Polen?

2002 war das Reisen nach Polen auch schon nicht mehr wirklich exotisch. Aber es war doch noch völlig anders als heute, rund zehn Jahre später. Die Sätze auf dem Fragebogen hätte ich als Fragesteller heute vielleicht etwas anders formuliert, aber doch auch trotz der noch etwas jugendlich-unerfahrenen Formulierung der Fragen finden sich spannende Antworten. Die man gut mit den Eindrücken von heute vergleichen kann.

Stimmen von Schülern zum Austausch

Ja, auch die Trinkfestigkeit wurde thematisiert…

‚Was hat Dich in Polen überrascht‘, ‚Was hat Dich in Polen am meisten genervt‘ und ‚Was hat Dir in Polen am besten gefallen‘ sind die ersten drei Fragen auf dem Papier. Antworten: Positiv aufgefallen sind vor allem Gastfreundschaft, keine Schuldzuweisung an ‚die Deutschen‘, Atmosphäre, der Fortschritt, die Kultur, die Offenheit, die Höflichkeit der Jungen und die Englischkenntnisse. Negativ bemerkten die Schüler die schwierige Verständigung wegen der Sprachbarriere, die Toiletten und Duschen, die Unpünktlichkeit und – ja leider – auch einige Lehrer und Begleiter. Ja, ich war auch Begleiter und hoffentlich nicht gemeint. (:-)) Einige Kuriositäten ergänzen noch diese Feststellungen bei einer Frage wie ‚Was sich die Deutschen von den Polen abgucken sollten‘, etwa der Sirup im Bier (ist ja passiert, wenn ich die Ära der Biermischgetränke richtig interpretiere). Aber tatsächlich ist die Verwunderung über Höflichkeit und Fortschrittlichkeit am größten. Auch, dass ‚weit weniger in Polen geklaut wird als man denkt‘ ist ein Thema.

Wie ist’s in Polen?

Wie gesagt, die Fragen wurden nach einem – ich würde sagen – sehr gut gelungenen Schülerbegegnungsprojekt im Jahr 2002 beantwortet. Heute würde vermutlich einiges anders beantwortet werden: Die Höflichkeit der polnischen Jugend in Bezug auf das Aufhalten der Tür oder das Aufstehen für ältere Menschen in der Straßenbahn ist merklich zurückgegangen. Die ‚Fortschrittlichkeit‘ Polens dürfte heute auch keinen der Schüler mehr überraschend treffen, ebenso die Kultur, die Sprachkenntnisse oder das Ausbleiben von Schuldzuweisungen zum ‚Deutschsein‘. Bleiben also noch Unterschiede wie die Sprachbarriere, an der sich nichts getan haben dürfte und vielleicht das andere Verständnis von Pünktlichkeit. Dazu sicher noch die aktuell wieder hochkochende Auto-Diebstahl-Diskussion.

Zehn Jahre Schnellannäherung

Schnellannäherung in zehn Jahren: So lautet zumindest mein Vergleich von 2002 zu 2012. Die früher noch so augenfällig von den Teilnehmern der Begegnungsfahrt geäußerten Unterschiede zwischen Polen und Deutschland sind innerhalb dieses Zeitraums auf ein Minimum geschrumpft. Selbst der Sirup im Bier ist nun überall erhältlich, und an diesem Beispiel wird deutlich, dass es sich nicht nur um eine Annäherung auf polnischer Seite handelt. Ein gutes Zeichen, wenn damit auch die Exotik des Nachbarlandes natürlich etwas zurückgegangen ist – es ist eben normaler geworden. Wie auch schon in unserem Beitrag ‚Zu viel Normalität zwischen Deutschland und Polen?‚ festgestellt. Woran es liegt? Das ist ein anderes Thema und würde das Aufschieben doch zu weit treiben.

Nun kann ich also weiter aufräumen.

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  1. Jochen

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