7 Fragen zum praktischen Tourismus in Polen: Ein Reiseleiter im Gespräch

Blick auf Karkonosze (Riesengebirge) mit Industrie. Foto: Polen.pl (JW)

Das Riesengebirge ist touristisch noch eher unbekannt – aber spannend.

(Berlin, JW) Wir sprechen im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der Xing-Gruppe ‚Reiseland Polen‘ immer wieder einmal mit Menschen, die mit dem Tourismus in Polen zu tun haben. So war schon ein Reiseveranstalter im Gespräch mit uns, auch mit einem Hotelier hatten wir ein Interview. Diesmal gehen wir mal ganz in den praktischen Bereich und sprechen mit jemandem, der bei seiner Arbeit immer mit Touristen im direkten Kontakt steht. Jarek Pohorecki ist 35 Jahre jung und kommt gebürtig aus Jelenia Góra (Hirschberg), also einem touristisch nicht uninteressanten Ort in Polens Südwesten. Der zweifache Vater ist ausgebildeter Deutschlehrer und macht seit über zehn Jahren Reiseleitungen auf Polnisch und Deutsch. Dadurch kennt er die Menschen, die Polen besuchen: Besonders natürlich die, die seine ‚Schwerpunktregionen‘ Niederschlesien und das Riesengebirge erleben möchten. Auch seine Frau hat mit Tourismus zu tun, und das auf spannende Weise: Sie leitet das Restaurant ‚Gasthaus bei Hauptmann‘ im Gerhart Hauptmann Haus in Jagniątków (Agnetendorf), wo man heute als Gast typisch schlesische Gerichte genießen kann. Wir freuen uns auf das Gespräch. 

Herr Pohorecki, erst einmal vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu einem Gespräch. Sie haben sicher viel zu tun? Wann eigentlich ist die Hauptsaison für Touristen in Schlesien? Und überhaupt: Welche Gäste aus Deutschland besuchen heute Schlesien?

Bild des interviewten Reiseleiters

Reiseleiter Pohorecki im Einsatz

Ich habe immer etwas zu tun: Man muss immer am Ball bleiben, wie man so schön sagt (lacht). Die Hauptsaison beginnt bei uns ab Ostern, dann bleibt es bis Oktober anstrengend. Nach ein wenig Ruhe sind dann noch 10 Tage in Dezember sehr sehr gut gebucht. Was ich feststellen kann: Die Zeit, in der viele Gäste kamen, die früher hier in Schlesien wohnten, ist fast vorbei. Viele sind wahrscheinlich für die Reise schon etwas zu alt. Heute kommen viele Gäste zu uns, die keine Wurzeln in Schlesien haben. Wir haben sehr viele Besucher, die einfach einmal etwas Neues kennenlernen möchten und daher auf die Idee kommen, Schlesien zu besuchen. Warum auch nicht? (lacht) 

Erzählen Sie uns doch bitte kurz, welche Regionen in Polen Sie Ihren Gästen präsentieren – und vor allem: Wie? Was ist das Besondere an Polen, warum sollten Menschen aus Deutschland dort unbedingt Urlaub machen. Und was ist Ihr persönlicher Geheimtipp?

Ich fahre mit meinen Gäste dorthin, wo ich etwas Interessantes zeigen und erklären kann. Logischerweise ist mein Gebiet vor allem Schlesien. Also: Das Riesengebirge mit Breslau als Landeshauptstadt. Hier kenne ich mich am allerbesten aus, hier kenne ich jeden Stein. Sehr beliebt bei den deutschen Touristen ist allerdings die Region Südpolens. Um ehrlich zu sein: Vor allem die Großstadt Krakau. Deswegen habe ich dort auch einige Programme. Ebenso übrigens in Nordpolen, dort sind deutsche Touristen vor allem nach Masuren unterwegs.

Das klingt vielleicht ein wenig abgedroschen, damit ist es aber nicht falsch (lacht): Unsere Gastfreundlichkeit in Polen ist das,was uns anders und besonders macht. Dazu kommt, dass sich in den letzten Jahren, erst relativ lange nach den Auswirkungen des Sozialismus, Hotels und Verpflegung sehr verbessert haben. Dieses kombiniert damit, dass fast jede jüngere Polin oder jeder jüngere Pole Deutsch oder Englisch als Fremdsprache beherrscht, macht Polen immer attraktiver als Ziel eines Urlaubs. Verständigungsprobleme gibt es kaum mehr, der Standard der Unterbringung und der Verpflegung ist auch kein Hindernis mehr. Daher ist mein Geheimtipp eigentlich kein Geheimtipp: Kultur und Landschaft lohnen sich, die Preise sind noch deutlich niedriger.

Stoßen Sie auf Vorbehalte? Wir erleben es bei unseren Reisen immer wieder, dass Klischees aufkommen. Dass sich Besucher an unsanierten Gebäuden stören und sich bei sanierten über die dafür ausgegebenen EU-Mittel aufregen. Dass die Geschichte noch immer touristische Besuche überschattet. Oder sind wir da zu empfindlich?

Alle, die dann erst einmal eine Reise mit mir machen, korrigieren solche Vorbehalte ganz schnell. Aber ja: Es gibt die Klischees und diese vorgefertigten Meinungen. Wenn ich mit meinen Gästen aber darüber spreche und wir uns die Dinge ansehen, sind die meisten Menschen ganz schnell davon überzeugt, dass ihr Vorurteil unberechtigt war. Ein Indiz dafür ist für mich auch, dass die Zahl der Polenwitze deutlich und sehr merklich nachgelassen hat. Ich weiß nicht genau warum, aber es ist so. Sicher: Viele sehen, dass die EU-Mittel hier viel Positives bewirken, manche werden neidisch. Mit den Subventionen ist das eine Frage der Einstellung. Da wird man es nie allen Recht machen.

Schlesien: In Deutschland assoziieren viele mit dem Namen entweder ‚Vertriebene‘, ‚Bergwerke‘ oder einfach gar nichts. Wir wissen natürlich, dass das unberechtigt ist. Die Region ist spannend. Aber so richtig scheint das nicht bei den potenziellen Touristen anzukommen. Sind es nicht immer dieselben Menschen, die Schlesien besuchen?

Ich meine, es wird zu wenig Werbung für Schlesien gemacht. Es passiert zwar teilweise auch, dass die gleichen Gäste seit vielen Jahren nach Schlesien kommen und zu Stammgästen werden. Das trifft zum Beispiel vielfach auf die Kurgäste in Bad Flinsberg zu. Aber Sie kommen, weil Sie sich dort wohl fühlen. Dort können sie ihre Akkus wieder aufladen und Gesundheit auftanken. Das hat nichts direkt mit Schlesien zu tun, sondern liegt einfach an der schönen Gegend und den für sie attraktiven Rahmenbedingungen. Das Besondere an Schlesien, die Architektur, die Gegend und die Gastfreundschaft müssten viel stärker beworben werden!

Herr Pohorecki, was war Ihr schönstes Erlebnis bei Ihren Reiseleitungen?

Ach, da fällt mir auf die Schnelle gar nichts so Besonderes ein. Ich freue mich einfach jedes Mal, wenn die Gäste zufrieden sind und wieder kommen – vor allem wenn wir uns dann weider treffen und ich wiedererkannt werde. Aber das klingt wahrscheinlich nach gar nichts Besonderem, mich macht es aber zufrieden (lacht).

Und was das Unangenehmste?

Das ist eher das Formale: Ein unangenehmes Ereignis für Reisende im Bus sind oft die Kontrollen der  BAG (auf Polnisch ITD). Ich muss den Gästen das immer sehr genau erklären, weil viele Gäste es als Störfaktor wahrnehmen.

Eine letzte Frage noch: Welche Gegend oder welche Sehenswürdigkeit müsste aus Ihrer Sicht unbedingt in den Programmen der Veranstalter auftauchen, tut es aber bisher nicht.

Was ich schade finde: Die kleineren Sehenswürdigkeiten bleiben oft unter dem Radar. Solche Dinge wie der Ritterturm in Boberröhrsdorf mit den weltlichen Fresken aus dem Mittelalter. Ich finde es dort wunderschön, aber viele kennen es gar nicht. 

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

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  1. Müller
  2. Jens Hansel

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