Alles teurer? Preise steigen, Löhne auch

Eine Autobahnmautstelle. Foto: Polen.pl (JW)

Mit den steigenden Benzinpreisen machte die PiS Wahlkampf.

(Toruń, JE) Die kurze Frage ‚Jak żyć?‘ – wörtlich übersetzt ‚Wie leben?‘, hier zu verstehen als ‚Von was sollen wir leben?‘ – war ein steter Begleiter des gerade zu Ende gegangenen Wahlkampfes in Polen. Gestellt wurde sie zuerst vom Landwirt Stanisław Kowalczyk bei einem öffentlichen Treffen mit Premier Donald Tusk Mitte August. In der Folgezeit diente sie PiS und SLD als Steilvorlage für eigene Wahlkampfspots mit dem Titel ‚Wie sollen wir leben, Herr Premier?‘. Deren Message war klar: Steigende Preise, stagierende Gehälter und die Regierung ist schuld. Doch ist es wirklich so einfach?

Europäisierung der Einkommen

In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Polityka kommt Redakteurin Joanna Solska zu einem anderen Fazit. Im Gegensatz zur allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung, dass die Polen mit ihrem Geld immer weniger kaufen könnten, zeigt die Statistik insgesamt ein stärkeres Wachstum der Löhne als der Preise. Rechnerisch hat sich die Kaufkraft des durchschnittlichen Polen in den letzten fünf Jahren damit erhöht und nicht verringert. Das ließe sich auch daran ablesen, dass der Anteil des Familieneinkommens, der für Lebensmittel ausgegeben wird, seit Polens Beitritt zur EU von 27 auf 24 Prozent gesunken ist – es bleibt also mehr Geld für ‚Extras‘ wie Besuche von Restaurants oder Hotels (Anstieg von 3,9 auf 6,8 Prozent des Haushaltsbudgets). Als aussagekräftigen, jedoch kaum messbaren Indikator des gestiegenen Lebensstandards nennt Solska „massenhafte Renovierungen der Badezimmer in den Dörfern“ und bilanziert: „Unsere Haushaltseinkommen europäisieren sich. Insgesamt gesehen leben wir heute besser“.

Weniger Brot, mehr Fleisch

Unbestritten ist jedoch der Preisanstieg vieler Produkte, der von der Autorin mit dem Beitritt zur EU beziehungsweise Spekulationen auf Lebensmittelpreise an den internationalen Börsen erklärt wird: Kostete ein Kilo Äpfel in Polen im Jahr 2006 durchschnittlich 2,37 Zl, waren es im Juli 2011 4,80 Zl (+102,5 Prozent), auch Brot und Mehl sind heute um mehr als 60 Prozent teurer als vor fünf Jahren. Geringer fiel der Anstieg bei Kartoffeln, Fleisch und Milch (jeweils etwas über 10 Prozent) aus. Berücksichtigt man allerdings die gestiegenen Löhne, bedeutet dies, dass der durchschnittliche Pole heute von dem Geld, das ihm monatlich zur Verfügung steht, zwar weniger Äpfel, Brot, Mehl oder Butter kaufen kann als 2006, dafür aber mehr von fast allen anderen Produkten des täglichen Gebrauchs (zum Beispiel Fleisch, Milch, Eier und Kartoffeln). Selbst Zucker und Benzin – gerne angeführt als Negativbeispiele der Preisentwicklung – sind heute für die Polen theoretisch in größeren Mengen zu erstehen als vor fünf Jahren. Allerdings lohnt es sich genauer hinzuschauen, der gespürte Preisanstieg dieser Produkte ist durchaus real, wenn man nur das letzte Jahr betrachtet. Ließ das monatliche Budget 2010 noch den Kauf von 933 Kilo Zucker zu, sind es ein Jahr später nur noch 598! Schuld daran ist laut Polityka auch der schwache Zloty.

Wie auch immer, die Statistiken täuschen darüber hinweg, dass arme Familien besonders unter dem Preisanstieg leiden. Sie geben den größten Anteil ihres Budgets für Lebensmittel aus und profitieren kaum davon, dass ein neuer Kühlschrank heute um 18,8 Prozent günstiger ist als 2006. Das Anwachsen des monatlichen Durchschnittslohns in Polen von 1685 Zl im Jahr 2006 auf 2420 Zl heute taugt nicht, um Euphorie auszulösen. Während der Liter Milch in Polen inzwischen genau so viel kostet wie in Deutschland (etwa 70 Cent), klaffen die Durchschnittsgehälter meilenweit auseinander. Während die (erwartete) Angleichung der Preise an das EU-Niveau seit Polens Beitritt 2004 in Eilschritten vorangeht, hinkt die viel beschworene Homogenisierung der Löhne weit hinterher.

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