Armut auf polnisch

Altes Fabrikgebäude in Lodz. Foto: Polen.pl (JE)

Häufig besonders von Armut betroffen sind ehemalige Industriestädte im Umbruch. Hier: Lodz.

(Toruń, JE) Armut in Polen erkennt man nicht immer auf den ersten Blick. Relativ häufig passiert es einem hier beispielsweise, dass man von Leuten auf der Straße nach einer kleinen Spende gefragt wird, die auf den ersten Blick überhaupt nicht wie Bettler aussehen. Dass lässt schon erahnen, dass es sich bei Armut in Polen nicht um ein Randphänomen handelt, sondern um etwas, das relativ weit in die Gesellschaft hineinreicht. Der neue Eurostatbericht, der unter der Woche von der Gazeta Wyborcza diskutiert wurde, bestätigt diese Vermutung.

Armut wird häufig versucht, über das zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen zu messen. Die OECD definiert etwa einen Haushalt als arm, wenn er mit weniger als 50 % des nationalen Medianeinkommens auskommen muss. Diese „relative“ Armutsmessung wird jedoch gelegentlich als zu ‚abstrakt‘ kritisiert. Eurostat hat in seinem Armutsbericht – zusätzlich zur Auswertung der Einkommensstatistik – einen anderen Weg gewählt. Es hat bestimmte materielle Notlagen definiert, die häufig mit Armut verbunden sind, und die Leute gefragt, wie oft diese bei ihnen auftreten. Wenn die befragten Personen beispielsweise nicht in der Lage waren, regelmäßig Miete oder Kreditraten zu bezahlen, einmal im Jahr eine Woche in den Urlaub zu fahren, oder sich einen Fernseher, Telefon, und regelmäßige Mahlzeiten mit Fleisch zu leisten – insgesamt mussten mindestens vier von neun Notlagen gegeben sein – wurden sie als ‚arm‘ eingestuft.

Diese materielle Form der Armut wurde bei 14 % der Polen ermittelt (EU-Durchschnitt 8 %), in absoluten Zahlen: ca. 5 Mio. Noch vor sechs Jahren seien es ganze 13 Mio. Menschen gewesen, schreibt die Gazeta Wyborcza und stellt damit eine geteilte Diagnose: Polen hat absolut gesehen nach wie vor die meisten Armen aller EU-Länder, hat in den letzten Jahren aber auch den größten Sprung nach vorne gemacht (von 34 auf 14 % in sechs Jahren). Wissenschaftler machen in dem Artikel vor allem EU-Subventionen für polnische Bauern, aber auch die Abwanderung von etwa zwei Millionen Polen ins Ausland bzw. deren Transfers ins Heimatland für die Verbesserung der Statistik verantwortlich. Gleichzeitig weist die Soziologin Hanna Palska darauf hin, dass die reale Zahl der Armen höher liegen könnte – viele Menschen würden sich ihrer materiellen Not schämen und diese in einer Befragung verheimlichen.

In einem weiteren Artikel zu dem Thema sprach die Gazeta Wyborcza mit der Armutsforscherin Wielisława Warzywoda-Kruszyńska von der Universität Łódź. Sie ergänzte: Besonders betroffen von Armut sind in Polen Kinder (22,5 %) und in steigender Zahl ältere Menschen (ab 65 Jahren) – ihr Armutsrisiko habe sich in den letzten fünf Jahren von etwa sieben auf 14,2 % verdoppelt! Insgesamt sieht Warzywoda-Kruszyńska nach einem starken Sinken der Armut von 2005 bis 2008 aktuell wieder ein leichtes Ansteigen. Grund zur Euphorie gebe es also keinen. Die ‚moderne Armut‘ äußere sich zudem häufig in extrem hoher Verschuldung.

Die Ergebnisse des Eurostatberichts können Sie hier in englischer Sprache einsehen:

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/

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  1. Juergen

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