Aufbauprogramm Radfahren

Fahrradweg entlang der Halbinsel Hel. Foto: Polen.pl (BD)

Fahrradweg auf der Halbinsel Hel

(Kolobrzeg, JW) Absperrungen halten Fußgänger vom Betreten der Straße ab. Wachpersonal passt auf, dass nicht doch Menschen über die Straße gehen. Überall wehen Fahnen von bekannten Fahrradherstellern, viel Publikum säumt die Straße der kleinen Stadt an der Ostsee: In Kołobrzeg (Kolberg) findet ein Radrennen statt. So ergab sich diese Szene im Mai 2014 mitten im Zentrum des Urlaubsortes und normalerweise würde sich niemand darüber wundern.

Wer aber den Zustand der Kopfsteinpflasterstrecken bei diesem Radrennens, bei dem zierlich-schlanke Rennradreifen über den Boden gleiten sollen, wundert sich: Einerseits über den Mut der Rennradler, das teure Material gerade hier für ein Qualifikationsrennen zu ruinieren, andererseits über die Chuzpe der Veranstalter, just hier Rennräder auf die ruckelige Spur zu setzen. Doch dieser Wagemut aus Sicht verwöhnter Asphaltrennradler ist kein Einzelfall. Man hat den Eindruck, die durchtrainierten und schick gestylten Rennradeigner wollen partout unter Nichtbeachtung der Rahmenbedingungen radeln. Und damit bestätigen Sie einen Trend in Polen: Radfahren ist im Kommen.

Ohne Frage sind die Radfahrbedingungen noch lange nicht so gut wie man das von den rot gepflasterten und grau asphaltierten Radwegen in Deutschland selbst in der hintersten Provinz kennt. Stolz ist man auf einige Radwegeneubauten der vergangenen Jahre und unbenommen: Kaum eine Straßensanierung geschieht, ohne dass am Rande der Straße ein Radweg entsteht. Aber noch ist die Infrastruktur besonders auf dem Land nicht lückenlos; wer lange Routen hinter sich bringen möchte, muss dann doch immer wieder auf die befahrenen Straßen oder auf buckeligen Wegen durch Felder und Wälder rollen. In den größeren Städten klappt es schon ganz gut, auch das Beispiel Kołobrzeg zeigt: Es tut sich was. Vielleicht, weil hier der Ostseeradweg entlangführt. Doch auch im Inland entsteht eine Route nach der anderen.

Es tut sich was im Radfernwegnetz

Eben berichtet das Polnische Fremdenverkehrsamt über mehrere große Radfernweg-Investitionsprojekte entlang der Weichsel und in Ostpolen. Die Touristiker sprechen optimistisch davon, dass Polen den Radtourismus entdecke – und liegt dabei wohl richtig. Waren es bislang eher Urlauber aus Deutschland, die mit hochwertigem Manufaktur-Rad und teuren Gepäcktaschen auf verwunderte polnische Autofahrer trafen, die sich ob der unnötigen Mühe mit den Pedalen gegenüber dem bequemen Tritt aufs Gaspedal die Stirn krausten, so entdeckt die polnische Mittelschicht den Radsport für sich. Es beginnt tatsächlich mit dem Sport und weniger mit dem Alltagsrad, betrachtet man die Sichtbarkeit von Rennrädern und Mountain Bikes gegenüber klassischen Alltagsrädern. Verkaufszahlen dazu konnten wir nicht dazu finden, daher bleibt das eine bloße Beobachtung.

Damit kann der geplante Weichselradweg auf eine wachsende Nutzerschaft setzen. Ähnlich wie der Weser- oder Donauradweg heute Massen von Radlern anziehen und auch touristisch wichtig sind, so könnte auch die landschaftlich reizvolle Weichsel ein Publikumsmagnet  für Radler werden. An der Weichsel soll man nach Fertigstellung der neuen Trasse von der Quelle bis zur Mündung auf dem Sattel bleiben können. Die Route führt dann – wenn sie fertig ist – an zahlreichen Sehenswürdigkeiten vorbei, so etwa der Toruńer (Thorner) Altstadt, an Chełmno (Kulm) mit einer schönen mittelalterlichen Altstadt und am Bydgoszczer (Bromberger) Wasserknoten. Los geht der Radfernweg in Wisła (Weichsel), er wird in Gdańsk (Danzig) enden. Die Wiślana Trasa Rowerowa (so heißt der Weichselradweg auf Polnisch) ist danach 1.300 Kilometer lang und bietet durchaus genug Strecke für die großen Ferien. Gebaut wird die Strecke vielfach auf den Schutzdämmen des Flusses, wozu eine Gesetzesänderung notwendig war. Die Aktivurlauber werden auf der Strecke nicht nur durch Beschilderungen und eine App geleitet, sondern finden auch Rastplätze vor. Wenn er denn dann fertig ist: Erst bis 2020 sollen, unter anderem mit EU-Fördermitteln, alle Streckenabschnitte fertiggestellt sein. In den sechs Jahren bis dahin lassen sich zwar weite Strecken auf guten Wegen oder wenig befahrenen Straßen beradeln, aber durchgängig klappt das noch nicht. Wer nicht bis 2020 warten will, findet Informationen zu geeigneten Strecken beispielsweise in den Radwanderführern. Das laufende Bauprojekt lässt sich zum Beispiel unter wtr.kujawsko-pomorskie.pl (Internetseite auf Polnisch und teilweise auf Deutsch) verfolgen.

Ein weiterer geplanter Fernweg  für Radler namens ‚Green Velo’ (greenvelo.pl (Polnisch)) soll schon 2015 fertig sein. Und er wird mit 2.000 Streckenkilometern durch Ostpolen sogar länger als der Weichselradweg sein. Die sehr naturnahe Radroute kann auf einige bereits bestehende Strecken sowie Bahn- und Wasserschutzdämme zurückgreifen und führt im Wesentlichen durch wenig angetastete Naturlandschaften. Beginn der Route ist Sielpia in der Woiwodschaft Świętokrzyskie (Heiligkreuz), weiter geht es über Podkarpackie (Karpatenvorland), Lubelskie (Lubliner Land), und Podlaskie (Podlachien) bis zum Frischen Haff in der Woiwodschaft Warmińsko-Mazurskie (Ermland-Masuren). Laut Fremdenverkehrsamt werden fünf Nationalparks, 15 Landschaftsparks und 62 Tier- und Naturschutzgebiete auf der Strecke passiert. Neben dem hohen Anteil von Wald- und Flusstalstrecken ist diese Route auch spannend: Zamość  und Sandomierz liegen am Weg, Städte die man unbedingt gesehen haben muss. Białystok und die Kopernikusstadt Frombork (Frauenburg) gehören ebenfalls zu den sehenswerten touristischen Orten. Die Gegend ist geprägt durch viele Ethnien und Religionen, auch aufgrund der heutigen Grenze zur Ukraine, zu Belarus, Litauen und dam Kaliningrader Gebiet. Bis 2015 sollen auch 220 Rastplätze für Radler fertig sein, so dass man spätestens alle 30 Kilometer sanitäre Anlagen, Gastronomie und Fahrradservice vorfindet. Alle 50 Kilometer wird man eine Übernachtungsmöglichkeit vorfinden.

Regionaler Radverkehr wird ebenfalls weiterentwickelt

Nicht nur in Kołobrzeg an der Ostsee, sondern auch beispielsweise rund um Wrocław (Breslau) wird das regionale Radwegenetz ausgebaut. Und auch an vielen anderen Orten. Wrocław spricht von 130 Kilometern neuen Radwegen und einer ‚Fahrradautobahn‘ von rund 80 Kilometern zum Naherholungsgebiet Militscher Teiche (Stawy Milickie). Letztere soll bereits 2016 bereit stehen und weitab vom Autoverkehr geführt werden.

Noch werden solche Projekte stark durch EU-Fördermittel aktiviert und zu einem nennenswerten Teil finanziert. Das hat dazu geführt, dass die Akzeptanz des Verkehrsmittels und Freizeitgerätes Fahrrad sichtlich steigt: Auf manchen der neuen EU-geförderten Fahrradstrecken, insbesondere den oft landschaftlich schönen Wegen über alte Bahndämme, wird es manchmal am Wochenende schon richtig voll. Voll ist es übrigens auch im Sommer auf dem Ostseeradweg in Kołobrzeg, der ebenfalls finanziell gefördert wird.

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