Autobahndiskussionen in Polen

Warschauer Schnellstrasse am Südring, Bau im Juni 2011. Foto: Polen.pl (BD)

An Polens Autobahnen wird gebaut - gut so?

(Berlin, JW)Sieh Dir das doch an: Die Autobahnen kriegen sie zur EM wieder nicht fertig. So geht das schon seit Jahren.“ – „Kein Wunder, dass die Wirtschaft nicht so vorankommt, wie sie könnte, ohne vernünftige Autobahnen“ – „Wenn Sie was bauen, dauert das ewig und dann hält es nur ein paar Jahre„. Die Autobahnen sind in Polen so etwas wie ein Seismograph für die Kritik an den Fähigkeiten des eigenen Staates. Was auch daran liegt, dass Autofahren in Polen extrem ‚en vogue‘ ist. Was wiederum sicherlich mit fehlenden interessanten Alternativen etwa auf der Schiene zusammenhängt, aber auch einem speziellen Verhältnis vieler Menschen in Polen zu ihren vorhandenen oder geplanten Autobahnen. Kaum ein Thema erregt die Bewohner mehr, als die Autobahnen. Warum eigentlich?

EM als Durchbruch-Inkubator

Fast noch mehr, als sich viele Polen für die Stadt Łódź schämen (siehe unser Beitrag), schämen sie sich für den Fortschritt – oder Nichtfortschritt – beim Autobahnbau in ihrem Land. Irgendwie haben viele Menschen im Land den Eindruck, dass es trotz offenbar bestem Willen seitens der Politik, der Bauarbeiter und überhaupt aus unerfindlichen Gründen nicht vorwärts geht. Ob diese Wahrnehmung nun berechtigt ist, oder nicht, das sei einmal dahingestellt. Für viele scheint zu gelten: ‚Ein Land ohne Autobahnen ist unterentwickelt‘. Aber: Auch andere Länder in der Nachbarschaft verfügen über nicht gerade vorbildliche Autobahnnetze. Daneben: Die Verherrlichung vieler und breiter und gut instandgehaltener Autobahnstrecken kann ja auch durchaus kontrovers betrachtet werden, zum Beispiel aus ökologischer Sicht oder aus Sicht anderer Verkehrskonzepte mit alternativen Fortbewegungsmitteln.

Dennoch: Die Fußball-Europameisterschaft im kommenden Jahr brachte viele auf den Gedanken, damit auch eine ganze Reihe von Autobahnsorgen gleich mit erledigen zu können. So malte man sich aus, dass im Zusammenhang mit dem Ballspiel-Event 2012 auch zumindest die wichtigsten Autobahnrouten fertig sein könnten. Die EM sollte gewissermaßen als Durchlauferhitzer für die Motivation der Autobahnbauer und vor allem derjenigen, die diesen Bau beauftragen, wirken. Das schien auch zunächst zu funktionieren: Mehrere Autobahnbaumaßnahmen wurden vom zuständigen Ministerium ausgeschrieben und es wurden auch Bauunternehmen beauftragt.

Ohne Staat ist nicht alles besser

Mautpflichtige Autobahnen sind in Polen bekannt: Es gibt einige davon. Die privat betriebenen Strecken haben – bis auf die immer als zu hoch empfundenen Mautgebühren – einen recht guten Ruf. So hoffte man auch, das ‚Autobahnwunder‘ zur EM mit solchen privaten Partnern realisieren zu können. Die Strecke zwischen der Deutsch-polnischen Grenze bei Słubice und Nowy Tomyśl soll bis zum Jahresende fertig werden, die Durchfahrt von Berlin bis nach Łódź damit möglich sein.

Der Vorfinanzierungsbedarf bei solchen Projekten scheint aber enorm zu sein. So musste auch hier der polnische Staat aushelfen. Der Gefahr der Korruption – glaubt man den Statistiken, liegt Polen hierbei ziemlich an der Europas Spitze – wollte man durch Ausschreibungsverfahren aus dem Wege gehen. Der Druck auf die staatlichen Finanzen hatte die unangenehme Folge, dass man sich extrem auf den zu zahlenden Preis fixiert hatte. Als ein chinesisches Unternehmen namens Covec, das zwar kaum ähnliche fertige Projekte in Europa vorweisen konnte, aber einen extrem günstigen Preis von mehr als 30 Prozent unter dem Projektbudget anbot, schien die Freude des Inftrastrukturministers Grabarczyk grenzenlos zu sein.

So gewann das chinesische Unternehmen die Ausschreibung für zwei der wichtigsten Autobahnstrecken, nämlich denen zwischen Łódź und Warschau. Stimmen, die von unhaltbaren Dumpingpreisen der Anbieter aus dem ‚Land der Mitte‘ sprachen, gab es bereits mit der Bekanntgabe der Vergabe des Auftrags: diese sollten offenbar recht behalten. Aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten wurde den Auftragnehmern der Auftrag gekündigt. Nun sind also ‚die Chinesen‘ schuld, dass der Autobahnbau in Polen wieder stockt. Das Ergebnis ist bekannt: Man regt sich auf; beginnt, an den eigenen Fähigkeiten für die Errichtung eines zukunftstauglichen Verkehrsnetzes zu zweifeln.

Alternativen wenig im Fokus

Dass der Straßenbau, insbesondere der Autobahnbau, einen hohen Stellenwert hat, verwundert nicht: Man ist autobegeistert in weiten Teilen der polnischen Gesellschaft und ganz sicher ist ein funktionierendes Straßennetz ein Garant für eine höhere Zufriedenheit der Bürger und ein Anhalten des wirtschaftlichen Aufschwungs. Doch die Alternativen, insbesondere bei der Bahn, kommen in diesem Rahmen etwas zu kurz. Immerhin werden einige Bahnhöfe zur EM im kommenden Jahr saniert. Bei der Qualität der Verbindungen hingegen tut sich vergleichsweise wenig, wenn auch einige hundert Schienenkilometer verbessert werden sollen. An ein schnelles Vorwärtskommen mit der polnischen Bahn ist aber nach wie vor nicht zu denken. Wie der Warschauer Korrespondent der Zeitung ‚Welt‘, Gerhard Gnauck, in einem lesenswerten Artikel über das ‚schreckliche Polen – aus Sicht der Polen‚ allerdings richtig ergänzt: Dafür sind die Preise der polnischen Bahn auch sehr niedrig.

In Sachen Flugverbindungen immerhin geschieht immerhin so einiges: Insbesondere für die günstigen Flugverbindungen in Emigrationsländer wie Großbritannien oder Irland gibt es immer mehr Angebote, die Flughäfen werden dazu auch teilweise modernisiert.

Vielleicht, der Hinweis sei erlaubt, sollte die Ausgangsbasis weniger als Hürde denn als Chance betrachtet werden? Bekannt ist, dass sich die Begeisterung für PS-starke Geländewagen, rasante Sportflitzer und statusgebende Luxuslimousinen in allen Gesellschaften nach einer gewissen Zeit legt; besonders wenn die ökologischen Folgekosten transparenter und zunehmend tatsächlich berechnet werden. Soll heißen: Wenn auch heute ein Auto noch zum wichtigsten Statussymbol in Polen gehört, kann – und wird – das morgen schon anders sein. Mit Blick auf die vielfältigen Visionen für ein Verkehrskonzept der Zukunft mit emissionsfreieren, kleineren und vielleicht auch langsameren Fahrzeugen, mit Gruppentransportmitteln, mit einer flexibleren Nutzbarkeit des Schienenverkehrs könnte es zumindest einen Gedanken wert sein, Investitionen verstärkt in diese Richtung zu lenken. Auch wenn das zurzeit vom Wähler vermutlich nicht goutiert werden wird. Ist ja auch nur eine Idee.

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  1. Rainer
  2. Jens
  3. Juergen

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