Autoklau ist ‚Problem der Polizei‘: Botschafter Polens wird für Interview-Äußerung kritisiert

Auto Lancia Thesis. Foto: Polen.pl (JW)

Autodiebstahl in der Grenzregion löst Diskussion aus

(Berlin, JW) Es sei „zunächst ein Problem der Polizei des Landes (…), in dem die Autos gestohlen werden. Sie muss damit besser fertig werden“ wird der Botschafter Polens in Deutschland, Marek Prawda, in einem Interview der Märkischen Oderzeitung zitiert. Diese Passage ist Teil seiner Antwort auf die Frage, wie die polnische Seite die große Häufung von Kriminalität – oft durch polnische Täter – in der Grenzregion sieht.  Nicht nur diese Aussage, sondern auch ein Statement zur Atomkraft sorgen in einigen Internetforen und Kommentaren für kritische Äußerungen und Irritationen.

Zu einfach, Autos zu stehlen

Möglicherweise „sei es zu ja noch zu einfach, in Deutschland Autos zu stehlen“, lautet die am meisten diskutierte Passage des Interviews. Zwischen sachlich und emotional-aufgeregt schwanken die Kommentare. Während mancher Kommentator und Leserbriefverfasser noch differenziert und versucht, auf sachliche Weise das Problem der Grenzkriminalität zu beschreiben, ergehen andere sich in Pauschalierungen über ‚die Polen‘ und ‚die Deutschen‘ und angeblich grundsätzliche Unterschiede in den Wertvorstellungen zum Thema Eigentum. Letzteres ist den Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht förderlich und nicht ausreichend differenziert, was außer Frage steht. Und es macht den Kontext, in dem die Frage gestellt und beantwortet wurde, noch einmal wichtiger: Gefragt wurde, inwieweit die in der Grenzregion hohe wahrgenommene und nach einigen Zahlen auch tatsächlich höhere Kriminalität sich auf die deutsch-polnischen Beziehungen auswirken.

Prawda antwortete dazu neben dem umstrittenen Satz auch, dass es Expertengruppen in den Polizeikommandanturen der Grenzwojewodschaften gäbe, die mit der deutschen Polizei zusammen arbeiten, und dass es in der Frage der Grenzkriminalität weniger hilft, über die Belastung der politischen Beziehungen zu sprechen, als mehr für die Prävention zu tun. Zumindest letzteres kann man so lesen, dass dies auf beiden Seiten der Oder geschehen soll, womit sowohl die Prävention vor dem Diebstahl als auch die Prävention vor ‚kriminellen Karrieren‘ von Menschen gemeint sein dürfte. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, Reden von Botschafter Marek Prawda zu hören, dürfte sich über die wenig diplomatische Formulierung des kritisierten Satzes wundern; das kennt man gar nicht von diesem sonst sachlichen und ausgleichenden Politiker.

Atomkraft in Polen und Atomkraft in Kaliningrad

Ähnlich wirkt dies bei der nächsten Frage im Interview, als Prawda auf die deutschen Initiativen gegen Atomkraftwerke in Polen angesprochen wird. Seine Antwort ist eine Gegenfrage: „Beschäftigt sich diese Gruppe auch mit den Plänen für ein Atomkraftwerk in Kaliningrad, oder nur mit denen in Polen?“. So provokant kennt man das selten. In der nächsten Antwort, die auf den Hinweis des Interviewers Dietrich Schröder zur gewünschten ‚Sensibilisierung der polnischen Bevölkerung gegenüber der Atomkraft‘ folgt, erläutert Prawda – diplomatisch und sachlich – dass es aus Sicht Polens gute Gründe für die Atomkraftplanungen gäbe, dass aber die Bevölkerung durchaus schon seit längerem sensibilisiert sei. So gesehen könnte sein Hinweis, dass die Atomkraftkritiker doch sehr in ihrem Umkreis agierten, als Hinweis zur Angemessenheit zu werten sein.

Einfach genug von Klischees?

Es bleibt die Frage, warum – so untypisch für den Botschafter – diese zwei Antworten im Interview derart provokant ausfielen und offenbar für einige Leser des Interviews auch als ‚abgehoben‘ und ‚realitätsfern‘ erschienen. Laut Aussage einiger Medienberichte ‚wollte die Brandenburger Landesregierung die Äußerungen des Botschafters nicht kommentieren‘. Möglicherweise sollten die Hinweise, dass man ‚zunächst vor der eigenen Haustüre kehren solle‘ darauf hindeuten, dass auch dort Handlungsbedarf sei. Vielleicht war aber tatsächlich auch gemeint, wie man auch aus den Sätzen lesen kann, dass die Anstrengungen gemeinsam und nicht nur auf polnischer Seite geschehen müssten. Oder vielleicht hatte der Interviewgeber auch einfach genug von den wiederkehrenden Klischees vom ‚polnischen Autodiebstahl‘ und der ‚polnischen Atomkraftsucht‘. Denn selbst, wenn es auch solche Klischees immer wieder begründende Handlungen und Akteure finden, so sind es doch keine Massenbewegungen in Polen. Ganz sicher nicht.

Weitere Informationen: Interview in der Märkischen Oderzeitung  (www.moz.de)

Beitrag im Spiegel (www.spiegel.de), Beitrag in der BZ (www.bz-berlin.de), Beitrag in ‚Der Westen‘ (derwesten.de), Beitrag in der Morgenpost (www.morgenpost.de)

 

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