Bahnfahren in Polen: Der Schienennahverkehr

Zug der Koleje Mazowieckie. Foto: Polen.pl (BD)

Ein Zug einer regionalen Bahngesellschaft, hier: Koleje Mazowieckie

(Bottmingen, HF) Der polnische Schienennahverkehr dient Reisenden für Verkehrsverbindungen innerhalb einer Wojewodschaft oder zwischen zwei benachbarten. Dieser Verkehr wird von den sechszehn Wojewodschaften organisiert und finanziert, da die Einnahmen aus Fahrkartenverkäufen nur einen Bruchteil der Kosten wettmachen. Informieren Sie sich in diesem Artikel über die Struktur der polnischen Bahnen.

Zugskategorien im Nahverkehr – unterschiedliche Dienstleistungen

Im Schienennahverkehr Polens werden grundsätzlich nachfolgende Zugkategorien von verschiedenen Verkehrsunternehmen angeboten:

  • Schnellzüge, so genannte Regionalexpresszüge, die große Städte verbinden, mit Halt in ausgewählten Zwischenstationen;
  • Personenzüge im Vorortverkehr, sie verkehren auf den Hauptlinien und den Linien 2. Priorität mit Halt an allen Stationen und Haltestellen, mit Ausnahme der den Stadtbahnen in den Agglomerationen vorbehaltenen Haltestellen;
  • Stadtbahnzüge, sie dienen den Verbindungen zwischen Städten eines Agglomerationsraums mit Bedienung aller Haltestellen, häufig besitzen sie eigene Gleise sowie Liniennummern;
  • Vorortbahnen, sie bedienen auf Hauptlinien Verbindungen in Richtung Hauptbahnhof, bzw. auf Umsteigezentren zu, manchmal werden auch separate Gleise (z.B. Schmalspurbahnen) oder Stromversorgungssysteme verwendet.

Przewozy Regionalne – Ein Sorgenkind mit Aussichten auf Besserung

Seit Ende 2008 sind die Wojewodschaften gemeinsam Eigentümer des mit 13500 Beschäftigten bedeutenden Verkehrsunternehmens ‚Regionalverkehr‘ (PR, Przewozy Regionalne). PR war ehemals Tochtergesellschaft der Polnischen Staatsbahnen PKP (Polskie Koleje Państwowe) und wurde im Rahmen von Restrukturierungen aus dem Verkehrskonzern ausgegliedert. Ziele dieser Restrukturierungen waren die Trennung des Bahnbetriebes vom Management der Bahninfrastruktur sowie die Bildung selbstständiger Gesellschaften.

Bei einigen Verkehrsangeboten herrscht nun wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen dem Unternehmen PR der Wojewodschaften und dem Staatskonzern PKP. Wobei letzterer auf attraktiven Strecken, ohne Bestellung durch die Wojewodschaften, eigene Verkehrsleistungen anbietet und damit den bestellten Verkehr ‚kannibalisiert‘. Die Wojewodschaften sehen sich dabei gleichzeitig in der Situation, einerseits die Nahverkehrsleistungen unter Wettbewerbsbedingungen ausschreiben zu müssen, andererseits mit der ihnen gehörenden ‚Regionalverkehr, PR‘ einem Quasi-Monopolisten gegenüberzustehen, der häufig die Bedingungen diktiert und Einblick in Grundlagendaten erschwert.

'Koleje Mazowieckie' sind auch auf Unterstützung der Woiwodschaft angewiesen. Foto: Polen.pl (BD)

'Koleje Mazowieckie' sind auch auf die Unterstützung der Woiwodschaft Masovien angewiesen. Foto: Polen.pl (BD)

Dabei ist PR für die Wojewodschaften nicht etwa gewinnbringend. Wie die Gazeta Wyborcza in ihrer Online-Ausgabe vom 13. März 2012 berichtet, hatte die PR-Vorstandsvorsitzende Małgorzata Kuczewska – Łaska Mitte März bekannt gegeben, dass ‚Regionalverkehr, PR‘ im Jahr 2011 immer noch einen Nettoverlust von 55 Millionen PLN eingefahren hat. In diesen aktuellen Zahlen ist bereits ein Betrag von 73 Millionen PLN der Schulden gegenüber der Infrastrukturbetreiberin PKP PLK enthalten. Insgesamt schuldet PR der Infrastrukturbetreiberin rund 400 Millionen PLN für Infrastrukturleistungen der letzten Jahre.

Die Ergebnisse der Gesellschaft ‚Regionalverkehr, PR‘ beginnen sich aber systematisch zu verbessern: Im Jahr 2009 betrugen die Verluste noch 300 Millionen PLN, in 2010 rund 170 Millionen und im letzten Jahr 55 Millionen PLN. Im Jahr 2011 hat PR das erste Mal seit die Wojewodschaften die Gesellschaft übernommen haben, einen Betriebsgewinn in der Höhe von 8 Millionen PLN erwirtschaftet. In der Prognose für das laufende Jahr wird eine Verringerung des Nettoverlustes auf 41 Millionen PLN erwartet, wobei der Betriebsgewinn 20 Millionen erreichen sollte und 59 Millionen zur Entschuldung gegenüber PKP PLK aufgeworfen werden sollen.

Für jedes Portemonnaie eine Alternative

logo zug intercity pkp bahn express transport Photo: Polen.pl (BD)

ICs sind die teurere Variante, Polen Bahn zu fahren

‚Regionalverkehr, PR‘ führt die von den Wojewodschaften finanzierten Nahverkehrszüge unter der Bezeichnung REGIO. Diese Züge führen nur Wagen 2. Klasse, manchmal auch Wagen für den Transport von Fahrrädern. Ebenso betreibt sie die seit 2009 geführten Fernschnellzüge interRegio, die eine preisgünstige Alternative zu den Zügen der Konkurrenzgesellschaft PKP Intercity SA darstellen. Des Weiteren fährt sie gemeinsam mit der deutschen DB Regio im Grenzraum zu Deutschland die internationalen Nahverkehrsverbindungen als REGIOekspres. Im Verkehr zwischen den Regionen steht ‚Regionalverkehr, PR‘ heute in direkter Konkurrenz mit der Gesellschaft PKP Intercity TLK, welche Schnell- und Nachtzüge führt.

Miete für die Benutzung der Bahninfrastruktur

Die ‚Regionalverkehr, PR‘, wie die meisten anderen Verkehrsunternehmen, besitzt keine eigene Schienen- oder Bahnhofsinfrastruktur für den Betrieb ihrer Linien. Daher muss sie Fahrberechtigungen (Trassen) auf dem Netz der Infrastrukturbetreiberin PKP PLK (Polskie Linie Kolejowe) kaufen und für die Bahnhofsnutzung Gebühren zahlen. Die Preise legt PKP PLK jährlich in Abhängigkeit von den staatlichen Subventionshöhen fest. Das Netz wird von ihr unterhalten und ausgebaut und sie erstellt für alle Verkehrsunternehmen die Fahrpläne. Für die polnischen Verkehrsgesellschaften ist der schlechte Zustand des Netzes ein großes Problem, das zu häufigen Verspätungen führt.

Lokomotiven und Wagen: Das Rollmaterial

Fast alles in Betrieb stehende Rollmaterial (Lokomotiven und Wagen) gehört den Eisenbahnunternehmen, wie z.B. ‚Regionalverkehr, PR‘. Die meisten Regionen haben dazu in den letzten Jahren noch neues Rollmaterial mit finanzieller Unterstützung durch die Regierung über den ‚Bahnfonds‘ (Fundusz Kolejowy) und durch die EU beschafft und so ihre Flotte modernisiert. Einige Regionen (z.B. Koleje Mazowieckie) und private Unternehmen haben gebrauchtes Rollmaterial von ausländischen Verkehrsunternehmen erworben.

Wojewodschaftsbahnen

Einige Wojewodschaften, wie die Masowsche, besitzen auch eigene Nahverkehrsunternehmen. Die Masowschen Bahnen (Koleje Mazowieckie), führen in der erweiterten Agglomeration Warschau den Nahverkehr durch. Eine Erschließung des Siedlungsgebiets südöstlich von Warschau betreibt auf einer 36 km langen eigenen Strecke die Warschauer Vorortbahn WKD (Warszawska Kolej Dojazdowa). Ursprünglich war auch diese eine Tochter der PKP, die aber von den Selbstverwaltungsbehörden der Wojewodschaft, der Stadtverwaltung Warschaus und von sechs an der Linie liegenden Gemeinden aus dem Konzern PKP herausgekauft wurde.

Neben den Wojewodschaftsbahnen bestehen auch noch private Anbieter von Schienenverkehrsleistungen, so z.B. die Arriva RP S.A. in der Wojewodschaft Wielkopolska, einer international tätigen Tochter der deutschen DB.

Aufgaben der Verkehrsbesteller

Das polnische Gesetz über den öffentlichen Verkehr (Ustawa z dnia 16 grudnia 2010 r. o publicznym transporcie zbiorowym) legt fest, dass Gemeinden, Gemeindeverbände, Kreise und Kreisverbände, die Wojewodschaft oder der zuständige Verkehrsminister den öffentlichen Verkehr durch ihre Behörden organisieren müssen. Sie sind dann die Aufgabenträger des öffentlichen Verkehrs. Deren Aufgaben umfassen insbesondere die Verkehrsentwicklung, die Organisation und das Management des öffentlichen Verkehrs.

Diese Aufgaben sind europaweit ähnlich. Die deutsche Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr als Vereinigung der deutschen Aufgabenträger hat ein entsprechendes internationales Handbuch herausgebracht.

Der Verkehrsplan und Verkehrsverträge

Die Behörden haben so die Verpflichtung, einen Plan zur nachhaltigen Entwicklung des öffentlichen Verkehrs zu erarbeiten, der rechtlich verbindlich wird. Dieser Verkehrsplan (Plan Transportowy) befasst sich mit dem Netz des öffentlichen Verkehrs, der Verkehrsnachfrage, der Verkehrsfinanzierung, den bevorzugten Verkehrsmitteln und mit der Regelung des Verkehrsmarktes. Weiter werden der erwünschte Standard der Verkehrsdienstleistungen und die vorgesehene Art der Verkehrsinformation für Reisende festgelegt.

Zur Erstellung eines Verkehrsplans sind Gemeinden mit mehr als 50.000 Einwohnern und Kreise bzw. Gemeinde – und Zweckverbände der Gemeinden mit mindestens 80.000 Einwohnern verpflichtet. Dies gilt auch für Kreisverbände und Zweckverbände der Kreise, die 120000 Einwohner umfassen. Der Plan muss öffentlich bekannt gemacht werden. Die Verkehrsleistungen werden dann ein Jahr vor Leistungserbringung ausgeschrieben und der günstigste Anbieter erhält den Auftrag zur Erbringung der Verkehrsleistung, das heißt zum Führen der Züge. Eine Direktvergabe von Verkehrsleistungen ist unter bestimmten Umständen möglich. Ein Verkehrsvertrag darf im Bereich der Bahnen nicht länger als 15 Jahre laufen.

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