HARTHOF: Rock mit Punk- und Polen-Attitüde

Mateusz von der Harthof-Band. Foto: Florian Büttner

Mateusz von HARTHOF. Foto: Florian Büttner

(Berlin, JW) Eine aufstrebende Rock-Pop-Band mit Punk-Attitüde aus Berlin macht auch in Polen von sich reden – obwohl die Texte der Band deutsch sind. Wie das geschehen konnte, zur generellen Frage der Musik zwischen Polen und Deutschen und warum manchmal die Sprache gar nicht so wichtig ist: Dem sind wir in einem ausgesprochen spannenden und interessanten Interview mit Mateusz von der Band ‚HARTHOF‘ auf den Grund gegangen.

Das Interview führte Jens für Polen.pl.

HARTHOF und Polen

Mateusz, erlaube mir eine Frage zu Anfang: Warum interessieren sich Polen für die deutschsprachige Band HARTHOF? 

Mateusz: Das ist eigentlich nichts als ein großer Zufall. Mein Vater hat noch die polnische Staatsbürgerschaft, wir leben aber schon lange in Berlin. Eine Bekannte meiner Mutter ist Redakteurin der Gazeta Wyborcza, der großen Tageszeitung in Polen. Sie wurde auf uns als Band aufmerksam. Und dann gab ich ein – ungelogen drei Stunden langes – Interview. Das wurde auch zum Teil in einer Gazeta-Beilage abgedruckt, und seitdem melden sich immer mehr Menschen auch aus Polen, die unsere Band interessant finden.

Da werde ich neugierig, aber zuerst mal ein paar Worte zur Band: Was macht Ihr eigentlich für Musik? Und wer seid Ihr?

Mateusz: Eine gute Frage. Das ist ja immer so eine Sache mit den Musikkategorien. Aber man kann es wohl am besten als Pop und Rock mit starken Einflüssen von Punk bezeichnen. Wichtig sind bei uns Musik und Texte, die sich mit Gefühlen und alltäglichem Besonderen beschäftigen. Und wir wollen ‚hörbare Musik‘ machen, die auch melodisch Spaß macht. Am besten sollte man es sich einmal anhören. Das geht natürlich im Internet auf unserer Website (Anmerkung Polen.pl: Der Link findet sich unten) oder auf einem unserer Konzerte. Ein bisschen Werbung: Am kommenden Samstag spielen wir in Berlin im Magnet-Club… (lacht)

Wir, die Band HARTHOF, sind zu viert: Christoph, Tim, Tobias und ich. Der Nachname von Tobias ist Szczesny. Klingt polnisch, ist er aber nicht. Bei mir ist es anders: Mateusz ist eindeutig polnisch, obwohl ich keinen polnischen Pass habe.  Mein Vater allerdings schon.

Natürlich wollen wir etwas über Eure Nähe zu Polen wissen: Sprecht Ihr Polnisch? Fahrt Ihr ab und an dorthin?

Mateusz (berlinert ein bisschen): Ich spreche Polnisch, ich würde sogar sagen, ziemlich gut. Natürlich mit Akzent, klar. Das liegt daran, dass wir zu Hause viel auf Polnisch kommunizieren. Sogar seitdem ich mit meinem Bruder zusammenwohne, sprechen wir immer noch so einen Mix aus Deutsch und Polnisch; bei meinen Eltern ist es dann richtiges Polnisch. Mir ist wichtig, dass ich die polnische Sprache nicht verlerne; ich sehe es als großen Luxus an, zweisprachig aufgewachsen zu sein. Deshalb lese ich immer wieder Bücher auf Polnisch, Harry Potter und anderes natürlich auch. Und wir fahren ziemlich häufig nach Polen in den Urlaub, zum Beispiel an die Ostsee nach Międzyzdroje. Wenn ich mal nach Krakau komme, denke ich auch immer wieder, was das für eine coole Partystadt ist.

Hat Eure Musik etwas mit Polen zu tun? 

Mateusz: Hmmm, eine schwierige Frage. Darauf antworte ich mit ein klaren ‚Ja und Nein‘. Unsere Texte beschäftigen sich nicht mit Polen, die Inhalte sind eher genereller menschlicher Natur und haben keinen in irgendeine Richtung gehenden nationalistischen Ansatz. Vielleicht sage ich dazu ein paar Worte zu meinem Selbstverständnis: Ich persönlich sehe mich als Polen, der gern in Deutschland lebt. Klar, das passt nicht so ganz in ein Nationenschema, zumal ich natürlich einen deutschen Pass habe. Polen ist mir wichtig, das ist auch ein Grund, warum ich Mateusz und nicht Matthäus genannt werden möchte; das soll auch so bleiben. Allerdings lebe ich zurzeit sehr gern in Deutschland, weil ich hier meine Vorstellungen besser verwirklichen kann. So etwas wie die Band in Polen wäre zumindest ein schwierigeres Unterfangen, weil es Newcomer-Bands dort einfach schwerer haben. Es gibt weniger gute Clubs für Rock, so dass nur die ganz Großen auf den großen Konzerten spielen, es aber keine richtige Rock-Nachwuchsszene gibt. Und auch mein Job als Sozialarbeiter in der stationären Jugendarbeit, den ich sehr liebe: Den gibt es so in Polen – vielleicht noch – gar nicht. In Polen ist soziale Arbeit, was ich auch studiert habe, eine Nischenerscheinung und zudem noch sehr viel schlechter bezahlt als in Deutschland.

Es gibt also auch keine musikalischen Einflüsse aus Polen auf Eure Musik?

Harthof-Band. Foto: Florian Büttner

Die Berliner Band HARTHOF. Foto: Florian Büttner

Mateusz: Doch, die gibt es. Zwar ist die Musik, wie wir sie machen, in Polen nicht so populär. Allerdings gibt es grandiose polnische Bands wie ‚Kult‚, die uns auch inspirieren. Jedoch: Einen etwas anderen Zug haben die Bands in Polen meist, so spielt ‚Kult‘ unter anderem mit Bläsern. Zurzeit sind in Polen musikalisch eher andere Richtungen angesagt, Techno und Trance zum Beispiel, traditionell natürlich auch Jazz – und es werden auch die aktuellen Pop-Songs aus aller Welt gespielt. Wir haben auch schon einmal für polnische Feste in Berlin unsere Lieder auf Polnisch übersetzt; das klingt zwar manchmal etwas unmelodischer, weil die Texte eben ursprünglich ein anderes Versmaß hatten, kam aber sehr gut an.

Seid Ihr schon einmal in Polen aufgetreten?

Mateusz (lacht): Nein, bisher nicht. Wir wollten schon einmal, aber das hat nicht geklappt. Toll wäre es aber, wenn wir mal auf einem Festival wie ‚Haltestelle Woodstock‚ spielen könnten. Ich glaube nicht, dass die Nationalität unserer Band eine Barriere wäre; da ist eher die Sprache das Problem. In Deutschland haben wir aber schon öfter auf Veranstaltungen der ‚Polonia‘ gespielt, zum Beispiel bei den Konzerten des Weihnachtshilfe-Orchesters. Die ‚Deutsch-Polen‘ haben natürlich kein Problem mit unserer Musik und den Texten, die ‚Polen-Polen‘ schon eher – wegen der Sprache.

Wie siehst Du das generell mit der ‚Sprachbarriere‘ zwischen Polen und Deutschen?

Mateusz: Einerseits ist es natürlich schwierig etwa in der Musik, weil die Texte da oft auch mit Worten spielen – das macht es natürlich kompliziert. Im Alltag, zum Beispiel im Urlaub sehe ich da überhaupt keine Probleme: Ich habe schon so oft erlebt, wie unkompliziert es auch für nicht polnisch sprechende Urlauber in Polen ist. Die Polen sind ja nun nicht so selbstbewusst, dass sie von jedem ausländischen Besucher Polnischkenntnisse erwarten würden, das erlaubt man sich in Polen nicht. Man ist eher hochgradig erfreut und überrascht, wenn mal ein Ausländer ein paar Worte Polnisch spricht oder es sogar lernen möchte. Im Alltag kommt man dann mit Händen, Füßen und so weiter immer gut klar; dafür sind die Polen viel zu gastfreundlich, um nicht alles zu versuchen. Das frühere Beschimpfen von Deutschen als ‚Schwab‘ gehört schon lange der Vergangenheit an.

Wie war das so, mit einer polnischen Identität in Deutschland aufzuwachsen?

Mateusz: Man lernt mehrere Perspektiven kennen, wofür ich sehr dankbar bin. So habe ich eine sehr liberale Einstellung von meinen hervorragend integrierten Eltern erlernen können, hatte viel Kontakt zu den polnischen Institutionen in Deutschland. In der ‚Polonia‘ sind meine Eltern aktiv, ich selbst nicht so sehr; wenn ich mich für politische Themen interessiere, dann eher für die in Deutschland. Meine Eltern sind um 1980 vor dem Kommunismus in Polen geflüchtet, so dass sie natürlich automatisch mehr an politischen Themen interessiert sind. Da ich aber auf einer katholischen Schule in Berlin-Neukölln war, war ich quasi automatisch in der ‚Polonia‘. Das ist bei fast jeder katholischen Schule in Berlin so, und da gibt es dann auch Typen, die einen richtigen Polen-Kult aufbauen. Ich habe Polen nie verherrlicht, aber auch immer einen engen Bezug zu dem Land gehalten. Noch heute nehme ich gern Freunde mit in den Urlaub nach Polen, die auch immer alle megabegeistert sind. Und: Natürlich liebe ich die polnische Küche, mit Piroggen, Gofry und Bigos kann man mich ganz einfach kriegen… (lacht)

Noch einmal zu HARTHOF: Was können wir als nächstes erwarten? 

Natürlich freuen wir uns, dass immer mehr Leute zu unseren Konzerten kommen. Früher haben wir manchmal vor wenigen Zuschauern gespielt, heute sind fast immer 200 Leute in den Locations. Aber auch vor 5000 Zuschauern haben wir schon mal gespielt, das war genial. Die Band sichert uns heute noch nicht unsere Existenz, so dass ich etwa die Hälfte meiner Zeit in meinem Job in der sozialen Arbeit verbringe, und die andere Hälfte für die Band einbringe. Das finde ich auch super so, weil mir beides großen Spaß macht und mir viel gibt. Unsere neue Platte – übrigens mit unserem weiterentwickelten Stil mit mehr Rock, weniger Punk und einigen Jazz-Elementen – kommt im Januar heraus. Wir sind schon sehr gespannt, wie die ankommt.

Wir sind sicher, dass auch die neue Scheibe wieder toll wird und wünschen Euch alles Gute. Und: Vielleicht sehen wir uns bald nicht nur in Berlin auf einem Konzert, sondern auch mal in Polen? Wer weiß…

Mehr Informationen zur Band auf der Band-Website: www.harthof-band.de

Oder bei Facebook: www.facebook.com/HARTHOF

Das nächste Konzert findet am 22.10.2011 in Berlin im Magnet-Club statt, dort spielen auch ‚C for Caroline‘ und ‚Leo hört rauschen‘. Los geht es um 19.30 Uhr, der Eintrittspreis beträgt 8 Euro im Vorverkauf (über die Band-Website) und 12 Euro an der Abendkasse.

Am 5.11.2011 spielt HARTHOF in der Halle 5 in Leipzig.

 


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  1. Bartek

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