Betroffenheit verbindet

Foto: Kamila Palubicka, Kulturerben

Foto: Kamila Palubicka, Kulturerben

Jedes Jahr treffen sich Jugendliche aus der Grenzregion, um die Friedhofsgedenkstätte in Słońsk (Sonnenburg) instand zu setzen. Sie erinnern damit an die Opfer des Nationalsozialismus. Organisiert werden die Workcamps vom Team der „Kulturerben“, das nebenberuflich Projekte zum Kulturgutschutz umsetzt. Was aber treibt junge Menschen aus Polen und Deutschland heute an, sich gemeinsam mit unserer schwierigen Geschichte auseinanderzusetzen? Katrin Westphal von den „Kulturerben“ schilderte Polen.pl im Interview ihre Eindrücke aus dem vergangenen September.

 

Polen.pl: Katrin, eine lebendige Erinnerungskultur aufrecht zu erhalten – das ist Teil eines im weiteren Sinn verstandenen Kulturgutschutzes. Wie kam es aber, dass Ihr Euch ausgerechnet in Słońsk in der deutsch-polnischen Grenzregion engagiert?

Katrin: Die Stadt ist besonders durch den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten gezeichnet. Die Nazis errichteten hier eines der ersten Konzentrationslager. Schnell wurde es zum Straflager und zur so genannten „Folterhölle“ für politische Gefangene aus den besetzten Ländern. In das Gedächtnis der Menschen in Słońsk haben sich vor allem die Ereignisse in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 eingebrannt. Ein SS-Exekutionskommando ermordete damals in einer Massenerschießung über 800 Häftlinge. Unweit der früheren Erschießungsmauer widmete man den Opfern in den 1970er Jahren eine Gedenkstätte und ein Museum. Schon 20 Jahre zuvor wurde um das Massengrab eine Friedhofsgedenkstätte eingerichtet.

Durch unsere Kontakte zur Stiftung Brandenburg und zum örtlichen Johanniterorden waren wir vor einigen Jahren das erste Mal in Słońsk. Wir fanden eine verwahrloste Friedhofgedenkstätte vor. Das „Museum der Märtyrer von Słońsk“ war nach einem Wasserschaden in einem schlechten Zustand. Für die Instandsetzung fehlte das Geld. So kamen wir auf die Idee, diese Orte mit unseren Workcamps zu unterstützen. Außerdem wollten wir, dass sich junge Menschen aus Deutschland und Polen mit der Geschichte ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auseinandersetzen können. Und dass sie sich dabei gegenseitig näher kennenlernen.

Polen.pl: War es schwer, Teilnehmer zu finden?

Katrin: Ganz und gar nicht. Über den Johanniterorden hatten wir einen direkten Draht zu der städtischen Schule von Słońsk. Auch die Schule St. Bernhardinum in Fürstenwalde (Brandenburg) war sehr offen gegenüber dem Projekt. Von dieser Schule haben sich Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren freiwillig für die Teilnahme am Workcamp gemeldet.

Foto: Kamila Palubicka, Kulturerben

Foto: Kamila Palubicka, Kulturerben

Polen.pl: Wer jung ist, reisen und sich für eine gute Sache engagieren möchte, dem bieten sich heute unzählige Möglichkeiten. Was war die Motivation der Schüler, bei Euch mitzumachen?

Katrin: Die wichtigste Motivation der Jugendlichen aus Słońsk war es, sich intensiver mit der Geschichte ihrer Heimatstadt zu beschäftigen. Außerdem spielte für viele der deutschen Teilnehmer die Nähe des Ortes zur Grenze eine große Rolle. Słońsk (Sonnenburg) gehörte schließlich früher zu Deutschland. Dass unweit ihrer Heimat vor wenigen Jahrzehnten so schreckliche Dinge passiert sind, übersteigt die Vorstellungskraft junger Menschen. Immerhin ist Słońsk nur eineinhalb Autostunden von Berlin entfernt. Und es geht um ein Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte, das bis jetzt die Gegenwart prägt.

Polen.pl: Reißt es nicht eher alte Wunden auf, wenn Polen und Deutsche sich gemeinsam mit der NS-Zeit beschäftigen? 

Katrin: Hinter den Tätern und Opfern von damals stecken Menschen wie Du und ich. Menschen empfinden Leid oder fügen es anderen zu. Genauso teilen wir als Menschen heute die Betroffenheit über die Verachtung und Grausamkeit der Nazis – jenseits von kulturellen Unterschieden oder sprachlichen Barrieren. Das zu erfahren, ist eine wichtige Voraussetzung für die gegenseitige Annährung. Die Vergangenheit würdig aufzuarbeiten ist immer der erste Schritt, um gemeinsam neu anzufangen.

Polen.pl: Und wie intensiv war die Begegnung zwischen der deutschen und der polnischen Gruppe? Wie habt Ihr Euch zum Beispiel verständigt? 

Katrin: Für die Mehrzahl der deutschen Teilnehmer brachte die Zeit in Słońsk den ersten intensiven Kontakt mit Gleichaltrigen aus Polen. Am ersten Tag hat die enorme Sprachbarriere noch gewirkt. Wir haben das Programm aber bewusst sehr interaktiv gestaltet. Zum Beispiel haben sich die Jugendlichen in gemischten Gruppen auf die Befragung mehrerer Zeitzeugen vorbereitet. Das erleichterte die deutsch-polnische Kontaktaufnahme. Außer unseren beiden grandiosen Dolmetscherinnen und meiner Kollegin Kamila Palubicka sprachen noch zwei Schüler aus Fürstenwalde Deutsch und Polnisch. Sie alle haben beim Übersetzen geholfen. Wie so oft stand am Ende für beide Seiten die Erkenntnis, dass man sich in seinen Träumen, Sorgen und Nöten ähnlicher ist als vermutet.

Polen.pl.: Was meinst Du, gehen junge Menschen aus Deutschland und Polen jetzt anders mit der Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs um als die Generationen vor ihnen?  

Katrin: Dazu lassen die Erfahrungen aus unseren Workcamps sicher keine Verallgemeinerungen zu. Fakt ist: Je länger historische Ereignisse zurückliegen, desto leichter fällt es, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Bemerkenswert war für uns, mit welcher Ernsthaftigkeit die Jugendlichen das Thema angegangen sind. Wir haben kein verlegenes Kichern oder Grinsen erlebt – häufig eine  Reaktion der Hilflosigkeit bei Schülern, die zum ersten Mal eine Gedenkstätte besuchen. Stattdessen waren alle sehr engagiert. Rechtes Gedankengut wird nach den Eindrücken in Słońsk nicht so schnell eine Chance bei den Jugendlichen haben, schätzte sogar der begleitende Lehrer aus Fürstenwalde. Seine Schüler wollen nun zum Gedenken an die Massenerschießung am 31. Januar 2014 noch einmal nach Słońsk fahren. Wir Kulturerben organisieren die Fahrt für sie.

Am Ende haben übrigens alle Jugendlichen bestätigt, dass sie unser Workcamp jederzeit noch einmal mitmachen würden.

Polen.pl: Welche waren Deine bewegendsten Eindrücke aus der gemeinsamen Zeit in Słońsk? 

Katrin: Am meisten hat mich berührt, dass es trotz des schwierigen Themas die ganze Zeit eine positive Energie in der Gruppe gab. Die Jugendlichen von beiden Seiten der Grenze verbindet der katholische Glaube. Vor der Erschießungsmauer haben sie zusammen für die Opfer gebetet – jeder in seiner Sprache.

Polen.pl: Wie finanzieren sich denn Projekte wie dieses? 

Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie das Deutsch-Polnische Jugendwerk haben unser Workcamp finanziert. Dank ihrer Förderung mussten sich die Eltern der Jugendlichen nicht an den Kosten beteiligen. Sehr hilfreich bei der Organisation war übrigens auch die Stiftung Brandenburg aus Fürstenwalde.

Polen.pl: Und – last but least – wie sehen Eure Pläne für das kommende Jahr aus? Wird es wieder ein Workcamp in Słońsk geben und was ist noch zu tun?

Katrin: Wir wollen wieder mit Schülern aus Fürstenwalde nach Słońsk fahren – dieses Mal mit anderen Teilnehmern. Unser Fotoprojekt zum Gedenken an die 800 Opfer der Massenerschießung ist noch lange nicht abgeschlossen. Außerdem gibt es auf der Friedhofsgedenkstätte immer etwas zu tun.

Polen.pl: Was können sich unsere Leser denn konkret unter dem Fotoprojekt vorstellen?

Katrin: Dafür lassen sich die Jugendlichen vor der ehemaligen Erschießungsmauer fotografieren – vor dem Gesicht ein Kartonblatt mit dem Namen eines dort Ermordeten. Wir werden weiter machen, bis es zu jedem der Opfer ein solches Bild gibt.

Polen.pl: Dafür wünschen wir Euch auch im kommenden Jahr viel Kraft. Vielen Dank für das Gespräch.

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