Bewegung im ‚Stempelstreik‘

Medikamente (Tabletten und Salbe). Foto: Polen.pl (JW)

Neuerungen in der Praxis der Rückerstattung von Arzneimittelkosten sorgen für erhebliche Probleme im polnischen Gesundheitswesen.

(Toruń, JE) Für einigen Wirbel sorgt in Polen seit Beginn des neuen Jahres ein Gesetz, dass Ärzte bei der Verschreibung von Medikamenten zwingt, zunächst den Versicherungsstatus des Patienten zu überprüfen, um dann auf dem Rezept per Stempel zu vermerken, in welcher Höhe die Kosten für das Arzneimittel vom Nationalen Gesundheitsfonds (NFZ) zurückerstattet werden. Erweist sich der Stempel des Arztes im Nachhinein als falsch, da der Patient keinen Anspruch auf diese Rückerstattung hatte, soll der Mediziner dafür finanziell haftbar gemacht werden. Viele Ärzte sehen diese Strafandrohung als Affront und verweigern die Prüfung, indem sie prinzipiell „zur Entscheidung des Nationalen Gesundheitsfonds“ auf die Rezepte stempeln (Polen.pl berichtete). An dem Protest beteiligen sich vor allem Ärzte, die im öffentlichen Gesundheitswesen tätig sind.

Ärzte geben ‚Schwarzen Peter‘ ab

Anstatt der Ärzte müssen sich nun die Apotheken mit dem Nachweis der Versicherung abmühen; Leidtragender ist im Zweifel jedoch der Patient. Entscheidet die Apotheke, dass kein überzeugender Versicherungsnachweis vorliegt, berechnet sie vorsichtshalber den vollen Preis – um nicht selber für einen möglichen Fehler haften zu müssen. Für Patienten mit schweren Krankheiten, die auf teure Medikamente angewiesen sind, geht es hier allerdings im doppelten – gesundheitlichen und finanziellen – Sinne um die Existenz. Der derzeitige Zustand ist daher absolut untragbar.

Der Kern des Problems liegt letztlich in der komplizierten ‚Beweisführung‘: Polnische Versicherte verfügen in der Regel weder über eine eigene Versicherungskarte, noch gibt es eine elektronische Datenbank mit Patientendaten, auf welche die Ärzte zurückgreifen – und mal schnell den Versicherungsstatus checken – könnten. Ein solches Computerregister, so lesen wir in der Gazeta Wyborcza, hat jetzt Digitalisierungsminister Michał Boni versprochen. In etwa einem halben Jahr soll es fertig sein.

Die Regierung reagiert

Um den unsäglichen aktuellen Zustand zu beenden, möchte die Regierung zudem möglichst schnell Änderungen an dem neuen Gesetz zur Refinanzierung verschreibungspflichtiger Medikamente durchführen. Gestrichen werden soll laut Rzeczpospolita unter anderem die Androhung von Strafen für Ärzte, die unversicherten Patienten fälschlicherweise Rezepte für Versicherte ausstellen. Damit sollen die Ärzte zum Einlenken bewegt werden, denn die öffentliche Empörung über die Situation richtet sich in erster Linie gegen die Regierung. Strittig ist weiterhin die Frage, in wie weit Ärzte die Freiheit haben sollen, Medikamente abweichend von den Vorschriften im Arzneitmittelregister anzuwenden und zu verschreiben. Das neue Gesetz stellt diese Praxis, die laut Rzeczpospolita und Gazeta Wyborcza in vielen Bereichen ganz normal ist, ebenfalls unter Strafe, wogegen sich die Mediziner wehren.

Vertreter der Ärzteschaft signalisierten unter der Woche Zustimmung zu den geplanten Reformen der Reform, die Aussetzung des ‚Stempelstreiks‘ knüpften sie jedoch laut dziennik.pl an das Vorlegen eines „klaren Zeitplans für die Einführung von Änderungen im Gesetz“ seitens der Regierung. Die Apotheken fordern ihrerseits ebenfalls die Streichung der finanziellen Haftbarkeit und drohen laut gazeta.pl mit Protest, sollte die neue Gesetzesänderung nur die Forderungen der Ärzteschaft berücksichtigen. Fürs erste also nur bedingt gute Nachrichten für die Patienten.

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Comments
  1. Bartek
  2. OhneWorte
  3. OhneWorte

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