Buchtipp: Im Herzen Europäer

Stadtplatz in Zagreb (Kroatien), Quelle: (c) Christa Klickermann

Stadtplatz in Zagreb (Kroatien), Quelle: (c) Christa Klickermann

„Wen, glaubst du, interessiert es, was in Bulgarien oder bei den Slowenen passiert?”, fragte ein junger Brite die Autorin Christa Klickermann herausfordernd. Diese Frage stellen sich wohl insgeheim viele Europäer. Seit dem Vertrag von Maastricht (1992) besitzen wir neben der nationalen Staatsbürgerschaft auch die Unionsbürgerschaft, die unsere gemeinsame europäische Identität stärken und fördern soll.  Die Erhebungen der Europäischen Kommission im Rahmen des Eurobarometers offenbaren jedoch einen begrenzten Erfolg: Auf die Frage, ob man sich selbst nicht nur als seiner jeweiligen Nationalität zugehörig fühle und sich auch als Europäer wahrnehme, antworten EU-weit 43% der Befragten mit „niemals“ (09/2006). Für Christa Klickermann war die einfache Frage einer italienischen Zollbeamtin „Woher kommen Sie?“ der Auslöser eines Findungsprozesses der eigenen Identität innerhalb der europäischen Gemeinschaft.

Die Reise beginnt

Nikosia (Republik Zypern), Quelle: (c) Christa Klickermann

Nikosia (Republik Zypern), Quelle: (c) Christa Klickermann

Die Autorin geht der Frage nach unserer europäischen Identität auf den Grund und nimmt uns mit auf ihre ganz persönliche Reise durch die Hauptstädte der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU). Zunächst bekommt der Leser ein paar Fakten und Eckdaten zur EU mit auf den Weg und schon kann es losgehen. Jedes der 28 Kapitel bietet neben der Vorstellung der jeweiligen Hauptstadt vor allem zahlreiche Begegnungen, verschiedene Blickwinkel und Gespräche mit Einheimischen. Den Abschluss bilden spannende Interviews, sei es mit innovativen Unternehmensgründern, Künstlern oder multikulturellen Familien.

Nach und nach werden die herrschenden Vorurteile durch eigene Erfahrungen korrigiert, persönliche Beziehungen zu den Menschen geknüpft und auf diese Weise der Abstand innerhalb der europäischen „Meta-Heimat“  verkleinert. In Dänemark beispielsweise stellt Christa Klickermann fest, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und es auch dort soziale Armut gibt. In Rumänien bekommt sie wiederum zu hören: „Um uns muss man sich in Europa nicht mehr Sorgen machen, als um jedes andere Land auch. Bitte schreibe das unbedingt in dein Buch, Christa; denn ich glaube, im Ausland hört ihr nicht viel Gutes über Rumänien, oder?”

Warschau, wo Chinesen und Schweden zu Hip Hop tanzen

Altstadt in Warschau (Polen), Quelle: (c) Christa Klickermann

Altstadt in Warschau (Polen), Quelle: (c) Christa Klickermann

Natürlich ist auch die polnische Hauptstadt mit von der Partie. Inmitten der aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges wiederaufgebauten Kulisse spürt die Autorin „wie sehr das entsetzliche Unrecht und die Grausamkeiten, die Deutschland vor mehr als 60 Jahren begangen hat, noch immer in den Gedanken der Menschen verankert sind.“  Aber die deutsch-polnische Aussöhnung, gründend auf Vergebung und nicht auf Verdrängung, ist seit dem Kniefall von Willy Brandt im Jahr 1970 auf dem richtigen Weg.

Einst hinter dem Eisernen Vorhang versteckt, hat sich Warschau heutzutage zum modernen Geschäftszentrum Mittel- und Osteuropas gemausert. Dabei hinterlässt die Stadt bei Christa Klickermann den Eindruck, „dass die Menschen in Polen aus dem, was sie haben, stets versuchen, das Beste rauszuholen. Wenn’s sein muss, auch durch Imitation und Improvisation.“ Kreativität und Einfallsreichtum werden in Polen großgeschrieben. Schon ein bekanntes polnisches Sprichwort besagt „Polak potrafi!“ (Der Pole kann es/schafft es!), im Sinne von er wird es schon irgendwie hinkriegen.

Europa – „In Vielfalt geeint“

Auch wenn es in der EU auf politischer oder wirtschaftlicher Ebene kriselt, sollten wir das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. „Im Herzen Europäer“ ruft uns in Erinnerung, dass die EU vor allem ein Solidaritätsprojekt ist, welches erheblich zur Völkerverständigung beiträgt und seit Mitte des letzten Jahrhunderts den Frieden auf unserem Kontinent garantiert. Dabei stellt auch die europäische Sprachenvielfalt kein Hindernis dar: „Die Sprache, die wir alle verstehen und die uns Europäer ganz eng verbindet, ist die Sprache des Herzens. Verstehen wollen, mitfühlen, miteinander lachen, sich füreinander interessieren“, das sind die Voraussetzungen für ein gelungenes Zusammenleben. Und dabei soll Europa keineswegs ein homogenes Gebilde sein, sondern vielmehr „ein kreatives Orchester von Individuen, die auf Grundlage des freien Wollens zusammen spielen, weil sie spüren, dass es allen gut tut.“ Christa Klickermann wollte uns mit ihrem Buch inspirieren und für die Zukunft Europas zuversichtlich stimmen, und das ist ihr wunderbar gelungen. So sehr, dass man selbst Lust bekommt aufzubrechen und sich auf Entdeckungsreise durch Europa zu begeben.

Im Herzen Europäer, Quelle: (c) Christa Klickermann

Im Herzen Europäer, Quelle: (c) Christa Klickermann

 

Christa Klickermann: Im Herzen Europäer – 28 Hauptstadtgeschichten vom Suchen und Finden. More than books UG, Groß Sarau 2013.
ISBN 978-3-9816183-0-3
€ 29,50 [D], € 30,33 [A]

Weitere interessante Informationen finden Sie auf http://europeans-at-heart.eu/

 

 

 

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