Buchvorstellung: „Polnische Literatur in Bewegung“

transcript 2013

Polnische Literatur in Bewegung.

(Berlin, AS) Die polnische Literatur, die außerhalb Polens entsteht, wirft häufig die Frage nach ihrer Besonderheit auf. Im Kontext verschiedener polnischer Auswanderungen sticht vor allem die Emigration von Schriftstellern in den 1980er Jahren hervor. Autoren wie zum Beispiel Adam Zagajewski, Janusz Rudnicki, Krzysztof Maria Załuski, Krzysztof Niewrzęda oder Artur Becker verließen Polen zu dieser Zeit häufig als politische Exilanten, wobei die Übergänge zu anderen Migrationsmotiven fließend sind. Die politische Transformation von 1989 in Mittel- und Osteuropa veränderte den Exilstatus der Autoren, auch den ihrer Werke. Mit dieser komplexen Beschaffenheit befasst sich der Sammelband „Polnische Literatur in Bewegung. Die Exilwelle der 1980er Jahre“, der im März 2013 im wissenschaftlichen Fachverlag transcript von den Slawisten Daniel Henseler und Renata Makarska herausgegeben wurde.

Zwischen den Lebenszentren

In der polnischen Kultur gibt es eine lange Tradition der politischen Emigration: So gingen nach dem verlorenen Novemberaufstand von 1830/31 bedeutende Persönlichkeiten im Zuge der so genannten „Großen Emigration“ aus dem geteilten und besetzten Polen insbesondere nach Frankreich, ebenso in der Exilwelle nach 1945, die als „Unabhängigkeitsemigration“ oder „Emigration nach Jalta“ bezeichnet wird. Vor allem Paris entwickelte sich zum kulturellen Zentrum des polnischen Exils.
Mit der literarischen Emigration der 1980er Jahre, der letzten politischen Exilwelle, kamen weitere geografische Ziele wie z. B. Schweden und die USA hinzu und vor allem die Bundesrepublik Deutschland wurde zum Zufluchtsort zahlreicher Schriftsteller. Nach der Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 verließen etwa eine Million Polen als „politische Flüchtlinge“ oder als so genannte „Spätaussiedler“ das Land und ein Großteil von ihnen ließ sich in der Bundesrepublik nieder.
Elf von insgesamt 20 Beiträgen des Sammelbandes befassen sich mit dem Thema der polnischen Literatur in Deutschland. Die Autoren, die sich in der Bundesrepublik niederließen, polemisieren in ihren Werken häufig mit dieser. So wird die deutsch-polnische Geschichte und Nachbarschaft am Beispiel des „Durchgangslagers“ zum Thema des Schaffens Krzysztof Maria Załuskis und Dariusz Muszers, was Renata Makarska in ihrem Beitrag im Sammelband verdeutlicht. Anders als bei den vorherigen Exilwellen scheint bei den in den 1980er Jahren emigrierten Autoren zudem ein Interesse für die fremde Gemeinschaft zu bestehen. Auch die Unmöglichkeit an einem unbekannten Ort und in einer neuen Gesellschaft vollkommen heimisch zu werden wird im Aufsatz Hanna Gosks nicht mehr als Makel, sondern als Möglichkeit einer neuen Selbstschöpfung verstanden.

Zwischen Exil und Migration

Was die literarische Migrationsströmung der 1980er Jahre u. a. besonders macht, ist die durch den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 veränderte Lage der polnischen Exilschriftsteller. Der politische Kontext, der ihnen bis dahin anhaftete, ging plötzlich verloren. Mit der demokratischen Transformation ist zudem die Aufteilung der Literatur in einen ersten und zweiten Umlauf auf der einen Seite und in eine „Exilliteratur“ auf der anderen Seite aufgehoben worden, weshalb die Autoren des Sammelbandes den Begriff der „Exilliteratur“ nicht mehr für dieses Forschungsfeld benutzen. Der Begriff bleibt aber weiterhin im Gebrauch. Neue Wortschöpfungen etablieren sich nur zögerlich. Małgorzata Zduniak-Wiktorowicz beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den terminologischen Fragen und diskutiert neue Bezeichnungen wie zum Beispiel „Quasi-Emigration“, „Transmigration“ oder „Poetik des Auslands“. Ob „Die letzte politische Exilwelle“, „Postexil“, „migrierte Autoren“, „Nomaden“, „Transmigranten“, „migrierte Literatur“, „Migrationsliteratur“ oder „Diasporaliteratur“ – die Begrifflichkeiten haben sich noch nicht endgültig geklärt, worauf auch die im Sammelband häufig anzutreffende Schreibweise „e-migrierte Autoren“ hinweist. Die Schreibweise bietet sich ebenso deshalb an, weil begriffliche Zuordnungen nicht immer eindeutig bestimmte Phänomene beschreiben können, wie Isabelle Vonlanthen am Beispiel des Dichters Zbigniew Herbert verdeutlicht. Herbert, der nie aus Polen emigrierte, sich jedoch mit Fragen der Emigration und den damit verbundenen Entscheidungsprozessen konfrontierte, befand sich in einem wiederholten Weggehen aus und einer Rückkehr nach Polen.

Zwischen den Sprachen

Der Sammenlband versucht eine Forschungslücke im Bereich der deutschen und polnischen Literatur- und Kulturstudien zu schließen, denn bisher befassten sich u.a. polnische Wissenschaftler fast ausschließlich mit den „e-migrierten“ Autoren, die ihre Werke auf Polnisch publizierten. Die Schriftsteller der 1980er Jahre behielten vielfach Kontakt zu der polnischen Öffentlichkeit, publizierten wie u.a. Janusz Rudnicki in polnischer Sprache und in Polen. Aber es gibt auch den umgedrehten Fall. Artur Becker zum Beispiel entschied sich gegen seine Muttersprache und begann auf Deutsch zu schreiben, weshalb er vordergründig hierzulande rezipiert wird. Was den Sprachwechsel betrifft, so sind polnische Autoren diesem gegenüber eher zurückhaltend eingestellt, worauf Hans-Christian Trepte in seinem Beitrag hinweist. Er nutzt zudem den Begriff der so genannten „Podolski-Generation“ für einige Autoren, d. h. für diejenigen, die zum Teil in Deutschland aufgewachsen und daher sozial und sprachlich fast vollkommen von dem Land geprägt sind.
In dem Sammelband sind 20 Texte zu fünf Oberthemen vereint. Die einzelnen Aufsätze beschäftigen sich mit den Besonderheiten der polnischen Auslandsliteratur, den neuen Themen der „E-Migration“, dem Migrationsdiskurs im Allgemeinen und besonders mit der polnischen Literatur in und aus Deutschland. Die Autoren der einzelnen Beiträge sind Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaftler aus Polen und Deutschland. Auch im Polnischen ist das Buch unter dem Titel „Poetyka migracji“ (deutsch: Poetik der Migration) im Warschauer Verlag Elipsa erschienen. Der Sammelband gehört in jede Slawistik-Bibliothek und ist allen zu empfehlen, die sich mit dem Thema der polnischen Literatur außerhalb Deutschlands tiefgründiger auseinandersetzen wollen.

„Polnische Literatur in Bewegung. Die Exilwelle der 1980er Jahre“
Herausgegeben von Daniel Henseler und Renata Makarska
Erschienen 2013 im Verlag transcript
368 Seiten, 36,80 Euro

Link zur Buchseite bei Amazon.de

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*