Couch statt Hotelbett – ein Reisetipp für Polen

Foto: GearedBull CC BY 3,0, Quelle: de.wikipedia.org

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Ich lasse Fremde in meine Wohnung und manchmal sogar in mein Bett“, erklärt die Warschauer Couchsurferin Agnieszka Kornas selbstbewusst in einer Juliausgabe der Zeitung Gazeta Wyborcza. Kornas ist eine von 33.815 polnischen Couchsurfern (Stand 14.08.2012, 18:32 Uhr), welche über die Internetseite Couchsurfing.org Reisenden einen Schlafplatz in ihrem Zuhause anbieten. Wer Lust hat, auf einer Fahrt durch Polen Land und Leute hautnah kennenzulernen, sollte Couchsurfing testen. Für alle, die zu Hause bleiben und polnischen Touristen einen Unterschlupf gewähren wollen: Die beliebtesten Gastgeschenke bei polnischen Couchsurfern sind die Milchschaumpralinen „Ptasie Mleczko“ und der Büffelgraswodka Żubrówka, der bei uns in Deutschland als Grasovka verkauft wird.

Reisen jenseits touristischer Ziele

Der Sommer geht zur Neige, die Urlaubszeit nähert sich dem Ende. Wer sich jetzt noch spontan für eine Reise nach Polen entscheiden möchte, müsste sich nicht einmal um die Hotelbuchung sorgen. Über Website wie Couchsurfing.org können sich Globetrotter in aller Welt via Internet mit Menschen an ihren Zielorten vernetzen – ganz ohne Gebühren. Unter einer „Couch“ verstehen die Mitglieder dieser Community eine kostenlose Übernachtungsgelegenheit bei einem anderen Nutzer. Das muss nicht zwingend ein zur Schlafgelegenheit umfunktioniertes Sitzmöbel sein: Feldbetten, Gästematratzen oder freie Flächen auf dem Fußboden, auf denen Isomatte und Schlafsack ausgebreitet werden können, sind ebenso häufig. Bezüglich der korrekten Übersetzung des Wortes Couchsurfing herrschen allerdings Kontroversen zwischen den polnischen Usern: Diese reichen von wortwörtlichen Interpretationen wie „kanaposurfing“ über erklärende Begriffe wie „poszukiwanie kanapy“ – Suche nach einer Couch.

Wer bereits einen Schlafplatz gebucht hat und trotzdem (weitere) neue Menschen am Urlaubsort treffen will, kann sich mit anderen Netzwerkmitgliedern auch auf einen Kaffee oder eine gemeinsame Stadtbesichtigung verabreden. Agnieszka Kornas schätzt, dass die 4 Millionen starke, weltweite Community ungefähr 400.000 wirklich aktive User hat, als so genannter „Host“ Reisende bei sich beherbergen oder als Couchsurfer die Gästebetten anderer unsicher machen.

Absolute Voraussetzung für die Nutzung der Internetseite ist die Einrichtung eines möglichst ausführlichen Profils, über das sich potentielle Couchsurfer und Hosts ein Bild von einem machen können. Couchsurfer sollten beachten, dass jeder potentielle Host frei entscheiden kann, ob er eine Couch-Anfrage annimmt oder ablehnt. Es empfiehlt sich deshalb, gezielt nach Gastgebern zu suchen, mit denen einen ähnliche Interessen verbinden und dieses in einer persönlichen Anfrage deutlich zu machen. Aus den meisten Profilen lässt sich außerdem ablesen, welche Bedingungen den Couchsurfer vor Ort erwarten. Vertrauen soll innerhalb des Netzwerks übrigens über persönliche Referenzen und so genannte verifizierte Nutzer geschaffen werden. Im Zuge der Verifikation eines Mitglieds werden dessen Name und Adressdaten über ein ausgeklügeltes System gegen ein kleines Entgelt überprüft. Somit wird bestätigt, dass die betreffende Person tatsächlich die ist, die sie im Internet zu sein vorgibt.

Regel Nr. 1: Der Host bestimmt seine Grenzen

Wer couchsurfen möchte, muss sich darüber im Klaren sein, dass der Gastgeber die Regeln des zeitweiligen Zusammenlebens festlegt. Er entscheidet beispielsweise, ob er jemandem die Schlüssel zu seiner Wohnung überlassen möchte oder wo er den Couchsurfer einquartiert. Hält sich ein Couchsurfer/ Host nicht an die Abmachungen, muss er mit einer negativen Referenz auf seinem Profil rechnen. Diese könnte ihm in Zukunft hinderlich bei der Aufnahme weiterer Kontakte sein. Agnieszka Kornas meint allerdings, dass schlechte Referenzen eher selten geschrieben werden. Viele fürchteten, dass die Betroffenen ihrerseits mit negativen Einschätzungen reagieren. Aber auch aus nichtssagenden Referenzen ließe sich viel interpretieren: Wer keinen Zugang zu seinen Couchsurfer oder Host fand oder ihn sogar als langweilig einstuft, verliert am Ende in der Regel nur ein paar nette allgemeine Worte.

Alles ist möglich

Für viele Nutzer ist Couchsurfing aber nicht nur die Chance auf eine billige Übernachtung. Wer couchsurft, sollte offen dafür sein, andere Kulturen, Lebensweisen und Perspektiven kennenzulernen. Viele Hosts zeigen ihren Couchsurfern nicht nur ihre Lieblingsplätze und das Nachtleben ihrer Stadt, sondern nehmen ihre Gäste auch zu einem Besuch bei Freunden und Familienmitgliedern mit. Kontakte enden oft nach den gemeinsam verbrachten Tagen, in manchen Fällen entstehen allerdings langfristige Bekanntschaften, zuweilen sogar Beziehungen oder Ehen mit Kindern. Zwar sind die polnischen User von Couchsurfing gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung ihres Landes gegenüber den deutschen schlechter repräsentiert (96.824 Mitglieder derzeit in Deutschland). Das Netzwerk Couchsurfing wird aber auch in Polen zunehmend populärer.

Bereits im Gründungsjahr das erste polnische Mitglied

Netzwerke wie Couchsurfing haben bereits eine längere Tradition, aber erst das Internet verschaffte ihnen den Durchbruch. Im Jahr 1940 gründete Bob Luitweiler die internationale nichtkommerzielle Organisation „Open Doors“ für Weltenbummler, die 50 Jahre später immerhin einige hundert Mitglieder umfasste. 2002 folgte schließlich die Internetseite Hospitality Club. Couchsurfing.com ging schließlich im Jahr 2003 das erste Mal auf Initiative des Amerikaners Casey Fenton online. Casey hatte zweieinhalb Jahre früher vor einer Reise nach Island 1500 Studenten per Email bezüglich einer Übernachtungsgelegenheit angefragt. Seine folgenden Bekanntschaften mit unterschiedlichsten weltoffenen Isländern inspirierten ihn zur Gründung von Couchsurfing.

Bereits im Gründungsjahr trat das erste polnische Mitglied bei, wie das Portal TUR-INFO.PL berichtet. Andrzej Grzesik, der heute in Warschau lebt, fuhr seinerzeit auf einen Studentenaustausch in die USA. Durch einen Ferienjob in einem Restaurant in New Hampshire lernte er den Bruder des Couchsurfing-Gründers Fenton kennen und damit dessen Idee des Reisens. Eine neue Version ging 2006 nach einem verhängnisvollen Serverausfall unter der Domain couchsurfing.org ans Netz.

Firmengründung – Ungewisse Zukunft für User

Aus dem Projekt Freiwilliger, das sich durch Spenden finanzierte, wurde kürzlich eine Firma mit festen Mitarbeitern und Investoren. Seitdem ändert sich bereits optisch viel auf der Seite – um so mehr wird unter den Nutzern über weitere Neuerungen spekuliert. Viele fürchten nun, dass aus vormals kostenlosen Angeboten Bezahldienste werden oder dass der neue Betreiber ihre Daten zu kommerziellen Zwecken vermarktet. Sie machen ihrem Frust durch Banner über den Profilbildern und Protestgruppen Luft. Wer sich neu registrieren möchte, sollte sich der zur Zeit von Statten gehenden Restrukturierung bewusst sein.

Agnieszka Kornas möchte trotzdem nicht auf ihre alten Kontakte und die vielen zukünftig möglichen interessanten Bekanntschaften verzichten. Für manch einen polnischen Nutzer ist Couchsurfing zudem eine Gelegenheit, das eigene Land und dessen große Entwicklungsfortschritte stolz zu präsentieren. Andrzej Grzesik versucht, überkommene Vorurteile und Klischees bei seinen Gästen aufzubrechen:. „Ich bemühe mich, mit ihnen aufzuräumen und zu zeigen, dass wir zivilisatorisch lange nicht so weit hinten sind, wie viele meinen.“ Eine Couch in Polen wird also auch noch demnächst immer zu haben sein.

Quellen (Zugriff 05.08.2012):

Couchsurfing (2012): www.couchsurfing.org

Adrian Bąk (2010): Couchsurfing, czyli nocleg za free, in http://edukacja.gazeta.pl/

Maciej Stańczyk (2012): Couchsurfing – podróż inna niż wszystkie, in: http://przewodnik.onet.pl/

tur-info.pl (2007): Couchsurfing – sposób na tanie zwiedzanie świata, in: http://www.tur-info.pl/

Katarzyna Surmiak-Domańska (2012): Wpuszczam do domu obcych, in: http://m.wyborcza.pl/

Agata Pańczyk (2007):Couchsurfing – poznaj świat i śpij za darmo, in: http://www.wiadomosci24.pl/

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Comments
  1. peter2

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