Die Kunst des stilsicheren Fahrradfahrens

Fahrrad fahren in Warschau (Krakowskie Przedmiescie). Photo. Polen.pl (BD)

Fahrrad fahren in Warschau (Krakowskie Przedmiescie). Photo. Polen.pl (BD)

(Freiburg, KL) Die Metropole der urbanen Fahrradkultur ist Kopenhagen. Hier steht der Drahtesel nicht nur für ein Fortbewegungsmittel, sondern auch für ein modisches Accessoire und eine Lebensphilosophie. Es ist daher nicht verwunderlich, dass an diesem Ort der Blog copenhagencyclechic.com und daraufhin die inzwischen international präsente Bewegung entstanden, die auch in Polens größten Städten sichtbar ist.

Cycle Chic

Cycle Chic – das ist die Kunst des stilsicheren Fahrradfahrens. Radlerhosen, Schnelligkeit und Gänge-Schnickschnack sind verpönt, stattdessen setzt man auf Langsamkeit, Einfachheit des Fahrrads und den eigenen Stil. Damit wird an die Glanzzeiten des Fahrradfahrens im auslaufenden 19. Jahrhundert angeknüpft. Die Message hinter dieser Bewegung ist einfach: Ob auf Pumps, im Anzug oder im Kleid – das hindert das Fahrradfahren im Alltag nicht im Geringsten. Trete langsam in die Pedale, genieße den frischen Fahrtwind und komme dafür unverschwitzt am Ziel an.

Laut Cycle Chic versteht sich diese Bewegung nicht als Subkultur der Hobbyfahrradfahrer oder der Umweltaktivisten, sondern der ganz normalen Bürger, für die das Fahrrad ein fester Bestandteil des mobilen Lebens darstellt und die Lebensqualität bereichert. Oft ist es die Freiheit, schnell und einfach in der Stadt voran zu kommen, nicht im Stau zu stehen, dem Gedränge im Bus, Tram oder U-Bahn zu entgehen und stattdessen die Stadt mit allen Sinnen zu genießen. Anders als abgeschirmte Autofahrer stehen Fahrradfahrer im engen Kontakt mit ihrer Umwelt und Mitfahrern. Das kann ein kleiner Flirt an der Ampelkreuzung sein, das Erhaschen von Gesprächsfetzen am Wegesrand – das Gefühl, eben mittendrin zu sein.

Individuelle Ästhetik

Cycle Chic setzt keinen spezifischen Kleidungsstil voraus, denn die Intention ist die Individualität. Keiner soll auf seinen alltäglichen Kleidungsstil zugunsten einer sportlichen Variante verzichten und umgekehrt, denn eine bunte Vielfalt akzentuiert visuell die Stadtlandschaft. Demnach passt sich nicht der Fahrer dem Fahrrad an, sondern das Fahrrad wird passend zum Fahrer ausgesucht und mit einer individuellen Note versehen. Ob es die Fahrradklingel in Form einer Ente ist, ein bunt bemaltes Fahrrad oder ein mit Blumen verzierter Fahrradkorb, es sind die kleinen Dinge, die das Stadtbild prägen und verschönern.

Fahrradkultur in Polen

Mit dem Erscheinen des Blogs copenhagencyclechic.com, welchen Mikael Colville-Andersen, ein dänischer Filmemacher, Journalist und Fotograf, ins Leben gerufen hat, entstand eine Welle der Begeisterung und eine ganze „Cycle Chic Republik“, der auch Polen mitangehört. Ob in Warszawa, Kraków, Gdańsk oder Łódź – es wird stilvoll geradelt. Der Trend ist zwar angekommen, doch das Bewusstsein für die urbane Fahrradkultur – das Fahrrad als ein vollwertiges Fortbewegungsmittel im Straßenverkehr zu erachten und nicht nur als ein Freizeitobjekt – steckt in der breiten Masse noch in den Startlöchern. Diese Tatsache hängt zum einen mit der Infrastruktur und zum anderen mit dem sozialen Status, den das Auto in der Gesellschaft genießt, zusammen.

Ungeachtet dessen besitzt beinahe jede Großstadt in Polen einen „Cycle Chic Blog“, der nicht nur die Philosophie der Bewegung bewirbt, die Eleganz auf Rädern ihrer Stadt ablichtet, sondern es wird ebenfalls auf lokale Initiativen und Stiftungen verwiesen. Gerade diese leisten einen wichtigen Beitrag in Sachen fahrradfreundliche Stadt. Sie führen die Rechte und Pflichten eines Fahrradfahrers auf, geben Ratschläge, wie man bei Wind und Wetter Fahrrad fährt und erklären die Verkehrsregeln für ein sicheres Miteinander auf den Straßen.

Schwierige Rahmenbedingungen

Ein großes Problem ist sicherlich die mangelnde Infrastruktur, die jedoch in Gdańsk, Kraków und Łόdź im Rahmen der Charta von Brüssel ausgebaut wird. So verpflichten sich die Städte, die diese unterzeichnet haben, den Fahrradverkehrsanteil bis 2020 um 15 % zu erhöhen. Doch in wie weit die Planung einer Fahrradstraße ein bürokratisches Abenteuer darstellt, kann man sich auf der anschaulichen Grafik der Seite Rowerowa Lodz rowerowalodz.pl/baza-wiedzy/proces-powstawania-drogi vergegenwärtigen. Der Antrag muss viele Instanzen durchlaufen bis die Umsetzung tatsächlich stattfindet.

Zugegeben, mit dem Fahrrad ist man schnell und bequem in der Stadt unterwegs, doch denjenigen, die neu auf das Fahrrad umsteigen, kann die Orientierung im Stadtverkehr kompliziert vorkommen. Eine praktische Hilfestellung dafür bietet die Anwendung „jak dojade rowerem“ der Seite ibikekrakow.com. Vom Start bis zum Ziel errechnet das Programm die Route und zeigt den schnellsten und sichersten Weg für Radfahrer an. Viele Informationsseiten bieten zusätzlich Karten, auf denen nicht nur Fahrradstraßen, sondern auch Parkmöglichkeiten und Fahrradwerkstätte verzeichnet sind.

Masa Krytyczna

Fahrradfahrer haben eine Stimme und jene äußert sich in der Bewegung Critical Mass, die 1992 in San Francisco entstanden ist und sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat. Sogar die Tradition, sich am letzten Freitag im Monat zu versammeln und gemeinsam als Gruppe durch die Stadt zu fahren, hat sich nicht verändert. Der Grundgedanke ist überall der gleiche: Präsenz auf der Straße zeigen und damit die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Fahrradfahrer lenken. Sicherlich ist nicht nur der Protest, sondern auch das Fahren in einer Gemeinschaft durch die Stadt, die Schutz und Sicherheit ausstrahlt, mitverantwortlich für die große Beliebtheit der Treffen. In Polen finden in sehr vielen größeren Städten regelmäßige Treffen der Masa Krytyczna statt. Auch hier versammeln sich die Rowerszysty immer am letzten Freitag im Monat an einem bestimmten Ort um gemeinsam unter dem Motto „My nie blokujemy ruchu ulicznego, my jesteśmy ruchem ulicznym.“ (Wir blockieren nicht den Straßenverkehr, wir sind der Straßenverkehr) durch die Stadt zu fahren.

Urbane Fahrradkultur. Foto: Polen.pl (KL)

Jeder kann mitmachen und das ist auch das Ziel, denn bei solchen Fahrten partizipieren manchmal bis zu 1000 Fahrradfahrer. Dieses bunte Treiben ist für viele Passanten ein Sehspektakel. Vor allem in der Herbstzeit, wenn es früh zu dämmern beginnt, ist das Meer an Fahrradlichtern und den zusätzlichen Deko-Lämpchen eine Augenweide. Begleitet von dem Gelächter, dem Ringen von Fahrradklingeln und der Musik, die aus den Lautsprechern strömt, vibriert die Luft, weshalb diese Masse nicht zu übersehen oder zu überhören ist.

Fahrt Fahrrad!

Die Vorteile des Radfahrens in der Stadt liegen klar auf der Hand: Entlastung des Stadtverkehrs, wenig Lärm, keine Abgase und vor allem gesunde Fortbewegung. Allerdings spielen diese Argumente bei der persönlichen Entscheidung meistens eine sekundäre Rolle, denn häufig sind psychologische Faktoren ausschlaggebend. Das kann ein Trend, die Zugehörigkeit zu einer Subkultur, der persönliche Geschmack oder ein ökonomischer Grund sein. Cycle Chic und die vielen anderen Initiativen setzten genau hier an, denn sie sprechen die Menschen auf einer ästhetisch-psychologischen Ebene an und verfolgen dabei ein Ziel: das Fahrrad in der urbanen Stadtlandschaft wieder zu verankern, um aus dem Revival eine dauerhafte Fahrradkultur zu schaffen.

Auf das Fahrrad muss in den kalten Monaten nicht verzichtet werden: mit einer warmen Mütze, einem Schal und Handschuhen ist man auf der richtigen Seite und es kann in den langen Winter geradelt werden.

 

Links:

www.copenhagencyclechic.com

warsawcyclechic.blogspot.de

www.krakowcyclechic.com

lodzcyclechic.blogspot.de

gdanskcyclechic.blogspot.de/

www.velo-city2009.com/ziele.html

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  1. Jens Hansel

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