Die Zukunft der Danziger Werftlandschaft

Das Tor Nummer 2 der Danziger Werft

Das Tor Nummer 2. Foto: Polen.pl (AS)

(Berlin, AS) Mehr als 30 Jahre lang arbeitete mein Großvater als Kranführer in der Danziger Leninwerft, meine Eltern wurden dort zu Zeitzeugen der Auguststreiks von 1980 und ich besuche die Werft heute nur noch als Touristin. Ein Ort, drei Generationen und jede Menge Veränderungen. Auf dem Gelände hinter dem berühmten „Tor Nr. 2“ mit der Aufschrift Stocznia Gdańska (Danziger Werft) wird in den nächsten Jahren ein neues Stadtviertel entstehen, dass von Diskussionen um die zukünftige Gestaltung des Areals begleitet wird. Wer das Werftgelände besucht, wird zum Zeugen dieser Transformation.

Für einen Augenblick scheint die Welt am Plac Solidarności in Gdańsk (Danzig) still zu stehen: Frische Blumen und brennende Kerzen schmücken wie immer die drei 40 Meter hohen Kreuze des Denkmals für die 1970 gefallenen Werftarbeiter, ältere Damen sitzen auf den Bänken um den Platz herum, deren Enkelkinder essen genüsslich ein Eis, während die Straßenbahn Nummer Acht vorbeifährt. Doch da ist der Lärm der Bagger von nebenan zu hören, wo das Gebäude des Europäischen Solidarność-Zentrums (Europejskie Centrum Solidarności) gebaut wird. Und es ist nicht die einzige Baustelle auf dem Werftgelände.

Blick aus dem ehemaligen Kraftwerk. Foto: Polen.pl (AS)

Blick aus dem ehemaligen Kraftwerk. Foto: Polen.pl (AS)

Neue Zeit, neue Nutzung

Die Bauarbeiten für das Europäische Solidarność-Zentrum sind fast abgeschlossen. Die Institution, die 2007 ins Leben gerufen wurde und seitdem Diskussionsveranstaltungen und Konferenzen organisiert, erinnert am historischen Ort der Danziger Werft an die gesellschaftspolitische Solidarność-Bewegung. Auf über 24.000 Quadratmetern Nutzfläche wird im rostfarbenen Gebäude eine Dauerausstellung, eine Bibliothek, ein Archiv und eine Mediathek entstehen. Das Gebäude mit seiner leicht geneigten Außenform ist bereits jetzt eine Sehenswürdigkeit der Stadt, die Touristen aus aller Welt von allen Seiten fotografieren. Es ist einer der ersten Neubauten auf dem Werftgelände.

Der südliche Teil des Werftareals wird nicht mehr für den Schiffsbau genutzt. Weite Teile des Geländes wurden wegen wirtschaftlicher Verluste verkauft. Zu Zeiten der Volksrepublik war die Werft mit 17.000 Arbeitsplätzen der große Arbeitgeber der Stadt, heute sind es noch etwa 2.000 Stellen. Früher wurden hier bis zu 32 Schiffe im Jahr gebaut, wenn heute ein Schiff fertig wird, ist das bereits ein großer Erfolg. Es ist eine der traurigsten Geschichten der polnischen Transformationszeit. Die Werft, der Ort an dem im August 1980 eine landesweite Streikwelle begann, die Solidarność entstand und die entscheidenden Weichen für die politische Wende von 1989 gelegt wurden, steckt in einer Dauerkrise. Immer wieder, auch gegenwärtig, droht das endgültige Aus.

Das Europäische Solidarność-Zentrum. Foto: Polen.pl (AS)

Das Europäische Solidarność-Zentrum. Foto: Polen.pl (AS)

Seit Jahren siedelt in einigen verlassenen Werftbauten das Kunstinstitut Wyspa (Insel). Das Kunstprojekt nutzt zum Beispiel das ehemalige Kraftwerk der Werft, rekonstruierte eine ehemalige Werkstatt, in der Lech Wałęsa arbeitete und organisiert Diskussionsabende sowie Ausstellungen. Zurzeit kann man eine Ausstellung mit alternativen Vorschlägen zur Gestaltung des südlichen Werftgeländes besuchen; denn nicht alle heißen die aktuellen Bebauungspläne gut.

Ein neues Stadtviertel

Hier wird das Stadtviertel Młode Miasto (Junge Stadt) entstehen, eine Verlängerung des heutigen Danziger Stadtzentrums in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof und zur Altstadt. Das über 70 Hektar große Gelände, das zwischen dem Plac Solidarności und dem Ufer der „Toten Weichsel“ liegt, ist eine begehrte zentrumsnahe Fläche. Die Bebauungspläne für das neue Stadtviertel stehen noch nicht endgültig fest, doch eines ist klar: Für seine Gestaltung werden Teile der ehemaligen Werftanlage abgerissen und eines der ersten Bauprojekte wird ein neues Einkaufszentrum sein. Die nötigen Genehmigungen liegen dem Investor bereits vor.

Baustelle für die neue Straße  „ul. Nowa Wałowa“. Foto: Polen.pl (AS)

Baustelle für die neue Straße „ul. Nowa Wałowa“. Foto: Polen.pl (AS)

Die Diskussion über die Veränderungen des Werftgeländes dauert bereits seit vielen Monaten an. Dabei geht es nicht nur um den Bau eines weiteren Einkaufszentrums in der Stadt oder um den Abriss von Gebäuden und den Schutz des industriellen Erbes. Besonders kontrovers wird von vielen Danzigern der Bau einer neuen vierspurigen Straße, der ulica Nowa Wałowa, diskutiert. Die Bauarbeiten dazu sind schon im vollen Gange und sollen im Frühjahr 2014 teilweise abgeschlossen werden. Das Konzept einer Transitstraße, die laut ihren Befürwortern in Zukunft die Stadt vom Transitverkehr entlasten wird, gefällt nicht allen. Für die Gegner der neuen Straße zerstört die Strecke den historischen Charakter des Werftareals und reduziert das Viertel Młode Miasto auf eine Transportfunktion.

Detailansicht Werfttor Nummer 2. Foto Polen.pl (AS)

Detailansicht Werfttor Nummer 2. Foto Polen.pl (AS)

Und was ist noch geplant?

Eine neue Wohnsiedlung für 10.000 Bewohner soll in Młode Miasto entstehen, samt dem Weg zur Freiheit (Droga do Wolności) – einer Fußgängerpassage mit Cafés und Geschäften, die vom Plac Solidarności bis zum Ufer der „Toten Weichsel“ verlaufen wird. Wie die Flaniermeile endgültig aussehen wird, ist noch offen. Ein Gewinner des Wettbewerbs für die Weggestaltung wird letztendlich im November dieses Jahres feststehen. Schon jetzt wurden über 70 Entwürfe aus ganz Europa eingereicht.

Das Gelände ist attraktiv, nicht nur für Investoren. Polens bekanntester Regisseur Andrzej Wajda nutzte letztes Jahr das Werftareal, um Szenen für seinen neuesten Film „Wałęsa“ zu drehen. Der Film soll im Oktober 2013 nach mehreren verschobenen Startterminen in die Kinos kommen. Lokale Künstler wie z.B. der Reggae-Musiker David d´Light nutzen die Kulissen aus verrosteten Schiffen und verlassenen Werkhallen für Fotoshootings und Jogger finden hier zurzeit eine betonfreie Laufzone. Und auch bei Touristen wird der Ort immer beliebter. Vor dem „Tor Nummer 2“ startet mehrmals die Woche eine Werftsafari der „Subjektiven Linie“, ein Projekt bei dem ehemalige Werftarbeiter zu ihrem alten Arbeitsort führen. Es sind persönliche Geschichten, die man hier hört – das alles in einem historischen Bus aus Zeiten der Volksrepublik.

Das Werftareal. Foto: Polen.pl (AS)

Das Werftareal. Foto: Polen.pl (AS)

Nützliche Informationen:
Wer das Werftgelände nicht auf individuelle Weise erkunden will, kann mit einem lokalen Projekt eine historische Bustour mitmachen. Die Tour dauert etwa 90 Minuten und kostet ca. 3 Euro. Die Plätze sollten vorab reserviert werden: http://www.wyspa.art.pl.

Informationen zur Architekturreise 2013:
Industrielle Hinterlassenschaften, Spuren der Moderne, eine Werft und ein neues Museum – das sind die vier Themen der Artikelreihe Polen-Architekturreise 2013. Auf einer Tour quer durch Polen blieb ich an vier Stationen etwas länger stehen und traf Menschen, die mit mir ihre Zeit und ihr Wissen teilten. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken, ebenso beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, das die Recherchereise unterstützte. Weitere Informationen unter agnieszka@polen.pl.

Die Baustelle des Europäischen Solidarność-Zentrum. Foto: Polen.pl (AS)

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