Das besetzte Warschau mit den Augen eines deutschen Postbeamten

Buch: Alltagsperspektiven im besetzten Warschau

Buch: Alltagsperspektiven im besetzten Warschau

(Bottmingen, HF) Der Verlag des Herder-Instituts hat in der Reihe Materialien zur Kunst, Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas Anfang 2013 das von Rudolf Jaworski und Florian Peters in deutscher und polnischer Sprache verfasste Buch „Alltagsperspektiven im besetzten Warschau – Fotografien eines deutschen Postbeamten (1939-1944)“ veröffentlicht. Die Bilder, denen hohe dokumentarische Bedeutung zukommt, hatte Hermann Beyerlein (1910-2004) während der deutschen Besetzung Polens in Warschau angefertigt.

Das Herder-Institut und Warschau

Virtuelle Ausstellung Warschau - Der letzte Blick

Virtuelle Ausstellung Warschau – Der letzte Blick

Die Herausgabe des vorliegenden Buches ist nicht die erste Aktivität des Herder-Instituts zum Thema Warschau im Zweiten Weltkrieg. Bereits vor einigen Jahren hatte es eine Ausstellung von Luftbildern des Stadtzentrums organisiert, die vor dem Warschauer Aufstand – und der großen Zerstörung – aufgenommen worden waren. Diese Ausstellung existiert unter dem Titel „Warschau: Der letzte Blick“ weiterhin virtuell im Internet. Ein gegenwärtiger Schwerpunkt des Instituts liegt beim Forschungs- und Editionsprojekt „World War II – Everyday Life Under German Occupation. Der Zweite Weltkrieg – Alltag unter deutscher Besatzung.„, in dessen Rahmen auch das hier besprochene Buch verlegt wurde.

Propagandaaufnahmen prägen unser Bild

Historische Fotografien prägen zunehmend unser Bild von der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Bilder erschließen sich schneller als Texte, wirken direkt emotional und sind vermeidlich objektiv. Dabei kommt aber dem Kontext, in dem die Bilder entstanden sind, hohe Bedeutung für ihre richtige Interpretation zu.

Buch Im Objektiv des Feindes

Buch Im Objektiv des Feindes

Gerade aus dem besetzten Warschau sind häufig inszenierte Propagandaaufnahmen der deutschen Besetzer für unser Bild der Ereignisse prägend. Bernd Boll benannte diesen Mechanismus als „Bild als Waffe“; denn die Fotos sollten Wirkung und nicht die Wahrheit zeigen. So waren deren Autoren, eingezogene Journalisten und Berufsfotografen, in Propagandakompanien der Wehrmacht organisiert. Ein ausgewählter Teil dieser Art von Warschau betreffenden Aufnahmen, die u.a. aus dem Bundesarchiv und dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz stammen, erschien 2008 in einem zweisprachigen Bildband unter dem deutschen Titel „Im Objektiv des Feindes – Die deutschen Bildberichterstatter im besetzten Warschau 1939-1945“.

Eine andere Sicht der Dinge – der Alltag

Der vorliegende Band behandelt eine Auswahl von Bildern im besetzten Warschau, die von Hermann Beyerlein, einem höheren deutschen Postbeamten der Besatzungsmacht, in einem anderen Kontext gemacht wurden. Es handelt sich um Bilder seines Alltags, die er aus der Sicht eines hohen Beamten im vermeidlich ruhigen Besatzeralltag in Warschau, der wichtigen Drehscheibe des Generalgouvernements, machte.

Das Buch

Die Autoren gliedern das Buch in sechs Kapitel, denen sie eine Einführung in die Situation Warschaus im Zweiten Weltkrieg voran- und einen Epilog zum 29. Oktober 1944 – nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand wurden an diesem Tag Aufnahmen der zerstörten Stadt von einem Kollegen Beyerleins gemacht – nachstellen. Die Kapitel behandeln die Frage nach der Funktion von Fotografien als Quelle zur Alltagsgeschichte des besetzten Warschaus, charakterisieren Hermann Beyerlein, stellen das Fernsprechamt Warschau sowie seine deutschen Mitarbeiter vor und blicken auf die polnische Umgebung in und außerhalb Warschaus. In den letzten beiden Kapiteln werden die Gewalterfahrungen, das Verhältnis von Deutschen und Polen sowie die autobiografische Verarbeitung der Warschauer Jahre kompetent erläutert und in einen Gesamtzusammenhang gestellt.

Der Fotograf Beyerlein

Beyerlein hatte 1937 bei der Deutschen Reichspost in Berlin seine Arbeit begonnen und wurde kurz darauf nach Kiel versetzt. Auf eigenen Wunsch hin wurde er dann aber zur Deutschen Post Osten nach Warschau entsandt, wo er von 1939 bis 1944 tätig war. Ab 1941 war er als Postrat für das Funktionieren des Warschauer Fernmeldeamtes, einer strategisch wichtigen Einrichtung für die Besatzungsmacht, verantwortlich.

Die Bilder

Beyerleins Bilder zeigen Innen- und Außenansichten sowie den Alltag des heute noch bestehenden Fernmeldeamtes in der Nowogrodzka-Strasse 45, private Ansichten der Dienstwohnung, Bilder von Wochenendausflügen, Warschauer Strassenszenen und Bilder aus dem noch nicht so stark zerstörten Warschau. Er macht aber auch Bilder vom Warschauer Aufstand 1944, den er von seinem Dienstsitz aus verfolgt.

Die Bedeutung der Bilder

Warum sind diese Aufnahmen von Bedeutung? Beyerleins Aufnahmen unterscheiden sich von den bisher veröffentlichten deutschen Aufnahmen im besetzten Warschau darin, dass sie keine offizielle Perspektive der Besatzungsmacht und keine ideologisch bestimmte Propaganda wiedergeben. Die Bilder nehmen aber auch nicht den Standpunkt des polnischen Widerstandes ein. Obwohl der Fotograf auch ein uniformierter Deutscher und somit ein Repräsentant des Besatzungsregimes war, behandeln seine Fotografien doch meistens private oder individuelle berufsbezogene Themen.

Kein Bildband, sondern eine Studie

Das Buch ist kein ausgesprochener Bildband mit großformatigen Bildern und kurzen Textbeiträgen, sondern eine auch für Nicht-Wissenschaftler sehr gut lesbare Studie mit schwarz-weissen Illustrationen aus beigefügten Bildmaterial der Sammlung Beyerlein, welche rund 300 Bilder enthält und im Herder-Institut aufbewahrt wird. Jede der Querformat-Seiten ist in zwei Spalten geteilt, um den deutschsprachigen Text parallel mit dem polnischen Text führen zu können. Damit beschränkt sich das maximale Bildformat leider auf die Breite einer Spalte, doch hat dies den Vorteil, dass sich die Bilder immer nahe beim entsprechenden Text befinden.

Der (stadt-)geschichtlich Interessierte dürfte ein größeres Format der Bilder und eine bessere Detailschärfe mit stärkeren Kontrasten vermissen. Allerdings handelt es sich um abfotografierte Kleinbildaufnahmen, deren Qualität möglicherweise nicht mehr zuließ. Für denjenigen, der sich mit dem Thema (wissenschaftlich) weiter beschäftigen möchte, steht ein umfangreicher wissenschaftlicher Apparat zur Verfügung.

Diesem außerordentlich interessanten und sehr gut aufbereiteten Buch sind viele Leser zu wünschen, damit sich der heutige deutsche Blick auf das besetzte Warschau von den Propagandabildern lösen kann.

Rudolf Jaworski und Florian Peters
Alltagsperspektiven im besetzten Warschau
Fotografien eines deutschen Postbeamten 1939 – 1944
Materialien zur Kunst, Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Band 2
Verlag Herder-Institut, Marburg 2013
74 Seiten, Querformat
ISBN 978-3-87969-380-1
Ladenpreis 25 €

 

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  1. Pole

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