Das Bild der Deutschen von Polen im Wandel der Geschichte: Das Projekt „perspektywa“

Deutsch-polnische Freundschaft (AK)

Deutsch-polnische Freundschaft (AK)

(Dülmen, AK) Hinter diesem Titel verbirgt sich keine Wiederholung der ausgelutschten deutschen Stereotype über Polen, sondern ein Projekt der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern e.V. in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium des Innern im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ sowie durch die Freudenberg Stiftung.

Ziel von „perspektywa“ ist die Sensibilisierung für das Problem der Polenfeindlichkeit, mit der die NPD in der deutsch-polnischen Grenzregion mobilisiert. (Wir berichteten darüber am 28. Juni 2012 in dem Artikel „Polnische Migration an der deutschen Peripherie“.) Durch Aufklärung und Information soll Zivilgesellschaft gefördert werden.

Themenfelder und Informationsmaterial

Über die nachfolgende Illustration der Genese von Vorurteilen hinaus liefert „perspektywa“ auf der Internetseite sowie auf Flyern Argumente gegen die polenfeindlichen Parolen zu den brisanten Themen Arbeitnehmerfreizügigkeit, Kriminalität im Grenzraum, der Bau polnischer Atomkraftwerke in Grenznähe, der Schwerlastverkehr auf der Bundesstraße 104 und die Inanspruchnahme von Sozialleistungen durch polnische Bürger. Ferner werden deutsch-polnische Vorträge, Fortbildungen und Ausstellungen angeboten.

Stereotype und Vorurteile im Wandel der Geschichte

Niels Gatzke, Projektleiter „perspekywa“, schildert in dem Arbeitspapier „Das Bild der Deutschen von Polen im Wandel der Geschichte“ die gesellschaftliche Akzeptanz von Stereotypen, die häufig schon seit 200 Jahren existieren.

„Dabei zeigt die historische Entwicklung der deutschen Wahrnehmung von Polen, dass die immer gleichen Stereotype und Vorurteile in nur gewandelter Form mehr oder weniger stark auftauchen.“

19. Jahrhundert – Nationenbildung

Ihren Ursprung beschreibt Gatzke in der Wende vom 18. zum 19. Jh., der Zeit der polnischen Teilungen und des Nationenbildungsprozesses, in der das Bild einer rückständigen, unaufgeklärten, unregierbaren Adelsrepublik etabliert wurde.

Aus dieser Zeit rührt auch der Begriff „polnische Wirtschaft“:

„Mit ,polnischer Wirtschaft‘ bezeichnet man eine chaotische Unordentlichkeit, gepaart mit Rückständigkeit, Unfähigkeit und Faulheit. Er soll mit hierzu in Beziehung stehenden Begriffen wie Unregierbarkeit, Anarchie, Unreinlichkeit, Untauglichkeit die Verhältnisse in Polen erklären.“

Polenbegeisterung

Die Polenabneigung schlug in eine Begeisterung um, als sich die Polen im Novemberaufstand 1830/31 durch ihr Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben profilierten. Die Sympathien drückten sich besonders während des Hambacher Fests am 27. Mai 1832 „für Eure und unsere Freiheit“ in zahllosen Zeitungsartikeln, Liedern und Gedichten aus.

Die staatliche Nichtexistenz Polens erleichterte eine nach Bedarf abgestimmte Zuordnung Polens zum östlichen oder westlichen Kulturkreis. Dadurch wurden ihnen einerseits positive Eigenschaften wie Tapferkeit und Freiheitsliebe zugeschrieben, andererseits wurde das Bild des rückständigen Polen aufrecht erhalten.

Konkurrenz

Mit dem Völkerfrühling 1848 schlug das Bündnis der deutschen und polnischen Nationalbewegungen anlässlich von Auseinandersetzungen um die Provinz Posen in ein Konkurrenzverhältnis um.

Aus dem 19. Jh. stammt auch die Festlegung deutscher Nationaltugenden wie „Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit“, die den den Polen zugeschriebenen Charakteristika entgegenstehen. Das positive Selbstbild wurde somit maßgeblich durch das negative Fremdbild geprägt.

„Insbesondere die preußische Germanisierungspolitik im polnischen Teilungsgebiet nutzte negative Stereotype von den Polen für propagandistische Zwecke. Die Stereotype bekamen zum Teil rassistische Ausmaße, Polen wurden als ,minderwertig‘ angesehen.“

Feindbilder

Bis zur Wiedererlangung der polnischen Eigenstaatlichkeit steigerten sich die antipolnischen Haltungen und kulminierten vor dem Hintergrund des Verlusts der deutschen Hegemonie in Feindbildern. Auch die Nationalsozialisten bedienten sich der Vorurteile, um die Bevölkerung auf den bevorstehenden Krieg einzustimmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Polenbild der Deutschen durch die Erinnerung an den Gebiets- und Heimatverlust geprägt. Offiziell standen die DDR und Polen als sowjetische Satellitenstaaten jedoch in einem freundschaftlichen Verhältnis.

Polen und die DDR

Mit der gemeinsamen Verurteilung des Prager Frühlings 1968 sowie durch die Einführung des visafreien Grenzverkehrs 1972 verbesserten sich die deutsch-polnischen Beziehungen:

„Die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Polen wurde weithin geschätzt. Typisch waren Kommentare wie ,in Polen lässt es sich leben‘ oder ,wir fühlen uns hier wie zu Hause‘.“

Dem gegenüber standen die Mobilisierungsmaßnahmen alter Stereotype der DDR-Führung, um ein Überspringen der polnischen Demokratiebewegung Solidarność auf die DDR-Bevölkerung zu vereiteln. Auch der Begriff „polnische Wirtschaft“ fand wieder Verwendung.

Wende

Mit der Wende 1989/90 wuchs das deutsche Interesse, Polen in Westeuropa zu integrieren:

„Aus Sicht der breiten Öffentlichkeit hatte die Überwindung des realexistierenden Sozialismus in Polen zunächst Eigenschaften der Polen in den Vordergrund gerückt […]: hohes Verantwortungsbewusstsein, Kreativität bei der Lösung der Verfassungsprobleme am runden Tisch, Kooperationsbereitschaft etc. Dagegen schien die weitere innenpolitische Entwicklung die alten Vorurteile zu bestätigen: Unfähigkeit der politischen Eliten sich zu einigen, extreme Zersplitterung des Parteiensystems, ständige Regierungskrisen und Wechsel der Regierungschefs. In Polen wurde eine unberechenbare Bedrohung für das vereinte Deutschland gesehen.“

In der Einführung der Visafreiheit 1991 hat das Vorurteil krimineller Polen seinen Ursprung genommen, dies tat der gegenseitigen Öffnung der deutschen und polnischen Gesellschaften jedoch keinen Abbruch.

Europäische Union

Mit dem EU-Beitritt Polens traten Ängste vor Arbeitsplatzkonkurrenz und ansteigender Kriminalität an die Oberfläche. Zudem zeigen sich innerhalb der EU-Politik immer wieder divergierende Standpunkte, z.B. in Bezug auf den Irak-Krieg, den EU-Reformvertrag von 2007 oder die Ostseepipeline. Hierzu erklärt Gatzke,

„dass sich der offizielle Polendiskurs in Deutschland – in Krisensituationen – immer wieder auf die Unwirksamkeit der politischen und wirtschaftlichen Handlungen Polens und die Gebrechlichkeit des polnischen Staatswesens bezieht. […] Diese politischen Turbulenzen und die begleitenden negativen Meldungen zeigten deutlich Einfluss auf die deutsche Bevölkerung.“

Es solle eine Unvereinbarkeit der polnischen mit der westeuropäischen politischen Kultur aufgezeigt werden. Allerdings haben sich die politischen und persönlichen Beziehungen mithilfe zahlreicher Projekte -Austauschprogramme, Partnerschaften, Projekte von NROs- in den vergangenen 20 Jahren maßgeblich verbessert.

Stellungnahme

Angesichts der anschaulichen Darstellung Gatzkes, dass Stereotype -genau wie der Fußball- immer wieder politisch instrumentalisiert werden, sehe ich gute Chancen für eine weitere Annäherung und engere deutsch-polnische Beziehungen im wirtschaftlichen wie auch privaten Bereich; während der EURO 2012 kam Polen in den Medien in Dauerschleife mit positiver Kritik weg. Die vielen Reporter und EM-Touristen konnten sich von der polnischen Gastfreundschaft, der guten Organisation und Sicherheitslage sowie den hohen europäischen Standards überzeugen und Vorurteile widerlegen. Das führte auch zu positiven Umfragewerten, bei denen die Fußballfans angaben, Polen weiterzuempfehlen und selbst wiederkommen zu wollen.

Ferner gibt der Blitzerfolg der Rentenreform im Mai 2012 Anlass dafür, das Stereotyp der politischen Handlungsfähigkeit zu überdenken.

Es ist nicht leicht, sich von althergebrachten Vorurteilen und Stereotypen zu befreien, doch sollte man stets offen dafür sein, sich von aktuellen Ereignissen eines Besseren belehren, wenn nicht sogar überraschen zu lassen.

Quellen:

www.perspektywa.de/fileadmin/team/Working_Paper/RAA_Polenbild.pdf

www.perspektywa.de/aktuelles/ak-details/article/mit-argumenten-gegen-polenfeindliche-parolen-raa-veroeffentlicht-neues-infoblatt/

www.perspektywa.de/fileadmin/team/Flyer/RAA_Flyer_polenfeindliche_Parolen.pdf

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  1. Andreas Jüttemann
  2. Anna

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