Das Land der Innovation und Disziplin: Eine Anzeigenkritik

Anzeige aus dem Lufthansa-Magazin, fotografiert.

‚(…) Land der Innovation und Disziplin_

(Berlin, JW) Irgendeine Dienstreise, irgendein Flugzeug. Irgendein Abend: Etwas müde blättere ich an Bord das Lufthansa-Magazin durch und stutze auf Seite 59. ‚made in Poland‘ lese ich, und blicke auf die verglaste Skyline eines Hochhauses. Rechter Hand vom ‚made in Polen‘ (warum ist das ‚made‘ eigentlich klein geschrieben?) sehe ich ein mir unbekanntes stilisiertes Polska-Logo. Und gekrönt ist die ganze blau-weiße Seite von der Headline ‚Hergestellt in einem Land der Innovation und Disziplin‘. Innovation und Disziplin, das klingt nach kreativer Behörde, oder? Der weitere Text sagt mir, dass ich für meine nächste Unternehmung doch einmal Polen ins Auge fassen solle. Weil dort ein einzigartiges Wachstum stattfinde, das Wort Zukunft immer positiv besetzt sei und weil in Polen jeder immer mehr erreichen möchte.

Allein das würde für eine Gesellschaftsstudie ausreichen, aber es geht noch weiter: Man könne sich gegen Polen kaum als Konkurrent durchsetzen, weil man dort wisse, was gut ist und wie man es bewertet. Dafür aber seien Menschen aus Polen als Freunde und Partner ideal. Nein, nicht was man denkt: Man möchte im Geschäft partnerschaftlich agieren, denn der abschließende Satz drückt die Hoffnung aus, dass mein nächstes Geschäft – immerhin werde ich persönlich angesprochen – wieder das Zeichen ‚made in Polen‘ tragen solle.

Jeder möchte immer mehr erreichen

Was ich eben so ein bisschen lässig überheblich abgehandelt habe, ist natürlich von mir in keinster Weise überheblich gemeint. Eher gibt es mir zu denken: Da wirbt das polnische Wirtschaftsministerium, so ist unten auf der Anzeigenseite zu lesen, für das eigene Land mit der Kombination aus Innovation und Disziplin. Sind das die beiden entscheidenden Charakterzüge Polens? Nichts gegen Innovation: Die steht mittlerweile in jeder zweiten Unternehmens-Selbstdarstellung. Aber Disziplin? Zumindest bei mir ist Disziplin – mit Verlaub – besonders im Kontext mit Unternehmungen eine nicht nur positiv belegte Eigenschaft. So gelten disziplinierte Menschen typischerweise entweder als unkreativ – wogegen das ‚Innovation‘ einen hübschen Konterpart bildet – oder aber auch als fügsam. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang noch einmal an Juttas  Beitrag über die müden Lemminge Polens oder Jochens Rezension eines Arbeitswelt-Jahrbuchs. Ob das damit gemeint ist?

Auch möchte, so der Anzeigentext, in Polen jeder immer mehr erreichen. Eine klassisch zukunftsgläubige Fortschrittsgesellschaft soll damit also beschrieben werden, zumal die Zukunft immer positiv belegt sei. Schlechter kann es also nicht mehr werden, ist das eine typische Haltung? Gut, das ist vielleicht etwas zugespitzt. Aber da ist doch etwas dran?

Wirklich komisch wird es dann aber, als die Konkurrenzlosigkeit des Landes beschworen wird, mit dem man sich lieber als Freund und Partner gut stellen möge. Ich hoffe, es handelt sich nur um eine etwas holprige Übersetzung des von der EU kofinanzierten Werbefeldzugs für das Wirtschaftsland Polen. Denn selbst bei gutartiger Auslegung klingt das für mich nach etwas  zwischen einem erheblich übertriebenem Selbstbewusstsein und einer Drohung gegenüber anderen Standorten.

Wirtschaftsförderung in Polen

Anzeige aus dem Lufthansa-Magazin, fotografiert.

Und hier noch einmal in Gänze: Die Anzeige (fotografiert)


Es ist so schön einfach, über Anzeigen, Gestaltung und Texte in diesen zu lästern. Normalerweise tue ich das nicht, wenn mir nicht etwas wirklich eigenartig vorkommt. Bei dieser Anzeige ist es mir so gegangen. Nichts gegen das Ansinnen, die Förderung der Wirtschaft Polens durch Auslandsinvestitionen zu stützen. Auch habe ich nichts gegen das Vorgehen, dazu eine Kampagne mit Anzeigen zu schalten. Schon gar nichts habe ich gegen die Entscheidung, dies in businessnahen Medien wie dem Lufthansa-Magazin und in businesshaften blaugrauen Farben mit Skyline-Motiven zu tun. Ganz und gar nicht.

Was mich an der Anzeige wundert, ist zweierlei: Einerseits die Headline, zu dem man geschmacksbasierend wahlweise eine positive oder eine negative Meinung haben kann (gern auch gar keine, dann macht es aber nicht mehr so viel Spaß). Vor allem aber die Reduktion der Vorstellung des Landes auf strebsame, arbeitsfrohe, rein leistungsorientierte Menschen und die Behauptung, nur mit Polen als Freunden und Partnern würde man im Geschäftsleben glücklich werden.

Genug der Kritik

Eine gute Nachricht gibt es aber doch: Folgt man dem Link, der in der Anzeige genannt ist, landet man auf der Internetseite gemachtinpolen.de. Diese, gemacht von der Abteilung für Handel und Investitionen der Botschaft der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland (hoppla, das ist ein langer Titel), tut das, was man von ihr erwartet: Sie informiert sachlich und umfassend über die Möglichkeiten von Wirtschaftsinvestitionen in Polen, bietet Datenbanken dafür und informiert kurz und knapp über Land und Menschen. Ich kannte diese Seite vorher gar nicht und bin der oben so harsch kritisierten Anzeige nun doch dankbar: Dass sie mich auf diese Website geführt hat.

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Comments
  1. Thomas
  2. tomek
  3. Jens Hansel
  4. Pole

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