Das Land, in dem das Leid am schwersten zu tragen ist

Warschauer Bushaltestelle. Foto: Polen.pl (BD)

Erkenntnisse von der Bushaltestelle

(Warschau, MM) Morgens eile ich zum Bus. Ich stehe bereits an der Ampel an der gegenüberliegenden Straßenseite, als der Bus gerade an der Ampel an mir vorbeifährt, um ein paar Meter weiter an der Haltestelle zu halten. Ich laufe los, als die Ampel endlich auf grün schaltet, schaffe es noch zur Haltestelle – und als der letzte Opa vor mir einsteigt, schließt sich die Tür einfach vor meiner Nase.

Ich winke dem Busfahrer, klopfe sogar an die Scheibe, doch der Bus fährt los. Sein Pech – es kommt gleich der nächste Bus, der meinen entflohenen 131 an der nächsten Haltestelle einholt, ich stürme den Bus und marschiere verärgert zum Busfahrer – ich weise ihn darauf hin, dass er mir an der letzten Haltestelle einfach die Tür vor der Nase zumachte. Der lacht einfach und meint: „Ich lass‘ die, die zum Bus rennen nicht ein“. Ich daraufhin: „Ich stand doch bereits an der Haltestelle und wollte gleich nach dem letzten einsteigendem Mitreisenden auch einsteigen.“ „Da waren sie anscheinend wieder zu langsam“.

Ja, ich dachte mich trifft der Schlag und ich werde zum ersten Mal gegen eine Person am Arbeitsplatz Kraft ausüben. Ausnahmefall?

Stellen Sie sich vor: sie gehen nach der Arbeit zum Bäcker (tut man das eigentlich in Deutschland, Brötchen für den nächsten Tag kaufen?)

OK, stellen wir uns mal vor, wir wollen Kuchen für den Nachmittags-Kaffee kaufen. Also: Man geht zum Bäcker, reiht sich ein. Nach einer Weile ist man endlich dran: Die Verkäuferin sieht einen an und…. fängt an mit der Kollegin zu quatschen. Sie dreht ihren Kopf ja eigentlich uns zu, doch dann: „Du, ich hab so einen Heißhunger!“ „Na und ich erst?! Ich steh hier schon seit 6 Uhr morgens!“ Nach circa 15 Sekunden sind wir wirklich dran: „Ja….?“ kommt uns ein gelangweiltes, in anderen Sprachen auch als „Sie wünschen“ übersetzt, entgegen. Und man denkt sich, eigentlich wollte ich ein Familiengeschäft unterstützen, ich kaufe ja gerade hier ein, in dem kleinen Laden ohne Klimaanlage, doch mit einer großen Auswahl an Kuchen und Gebäck dazu stehe ich auch noch schön lange Schlange…?           … unterstützte ich vielleicht Menschenquälerei?

Unsere ganz private Theatervorstellung ist aber noch nicht vorbei. „Ich hätte gerne 2 Mohnbrötchen“ – sagt die Frau hinter mir, worauf die Verkäuferin nach einem kleinen Weizenbrötchen greift und bevor man noch auf die Bestellung hin Protest einlegen kann, steckt sie sich dieses in den Mund. Die Frau guckt verdutzt, ich auch. Die Verkäuferin packt dann auch die bestellten Mohnbrötchen ein und guckt mich ziemlich auffällig kauend an: „Ich esse unsere Brötchen selber, ist doch die beste Empfehlung!“

Leider kann man so die Verhältnisse von der Mikro- in die Makroskala einfach unverändert übertragen.

Polen sind Europa-Meister…

…im Staustehen vor der Stadteinfahrt (http://forsal.pl/artykuly/631545,najwieksze_w_europie_korki_sa_w_warszawie.html). Die Meisterschaft ist den Politikern doch nicht ganz recht. Man baut einen Parkplatz, um die Leute dazu aufzufordern, nun doch die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und vielleicht ein bisschen Zeit zu sparen; vom CO2-Ausstoß garnicht zu sprechen („Ist eh alles Humbug mit der Klimaerwärmung, der Winter ist hier immer kalt„). Doch man baut den Parkplatz da, wo der Stau sich auflöst, und man den Gewinner des Duells Auto versus Bus bereits am Anfang kennt.

Es ist ein endloser Kampf zwischen der Regierung, die alle ihre Unternehmungen Fortschritt nennt, und dem Volk (nicht zu verwechseln mit den Bürgern), das sich auf den Arm genommen fühlt.

Es ist ein gegenseitiger Kampf um Vertrauen so ein „Ich weiß was du brauchst, du weißt es nur noch nicht“. Dieses Phänomen der unterstellten Bosheit hat die PiS in ihrem siegreichen Wahlkampf ausgenutzt, geblieben ist die kostspielige CBA – das „Zentrale Büro zur Korruptionsbekämpfung“. Der endlos andauernde Wettkampf, „Wem ist (denn eigentlich dieses Übel schon wieder) geschuldet?“ war nach der Schock-Regierungsperiode der PiS, Samoobrona und LPR zum Glück auch nicht mehr so reizend.

Hängt es an dem fehlenden gesellschaftlichem Klebstoff: dem gegenseitigen Vertrauen? Oder fehlt einfach die Forderung, das Feedback oder am Ende auch der Protest vom Bürger, mit einem Worte die Zivilgesellschaft? – es wird einfach was unternommen, gut gemeint, das dem Wohl der Gemeinschaft nutzen soll, nur wird das Ziel nicht formuliert, der Habitus dieser Gemeinschaft wird nicht berücksichtigt vom Kostenfaktor nicht zu sprechen und so entstehen „Investitionen“. Mit dem Nationalstadion war es ja nicht anders: ein Jahr später als geplant, zu 80% fertig gestellt, Kostenfaktor: unvorstellbar und das Ganze hat noch die Existenz zweier Staatsunternehmen gekostet. Ein Projekt ist ein Volksaufstand in letzter Sekunde, ohne Methodik und Zielsetzung.

Das Endresultat, oft nicht ganz nach Plan und nicht ganz rechtzeitig, sei dem Herrn gedankt, und dem üblen Neinsager zum Trotz.

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  1. Vincenzo
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