Das Schicksal der historischen Altbauten von Łódź oder die versuchte Rettung einer ganzen Altstadt – Teil 1

Ein Altbau in Lodzs Innenstadt. Foto: Polen.pl (KL)

(Freiburg, KL) Welch‘ einen architektonischen Schatz besitzt diese Stadt und doch wird kaum etwas zu seiner Rettung unternommen. Der Zustand ist in einen ewigen Stillstand verfallen.

 In Łódź (Lodz) findet man ein Sammelsurium an Baustilen vor: dieser reicht vom Historismus über Jugendstil hin zum Art Deco. Die Glanzseite des 19. Jahrhunderts und der Industrialisierung. Industrielle kamen von überall her, um ihr Glück zu versuchen; ließen sich hier nieder, wurden erfolgreich, bauten Fabriken aus rotem Backstein und als das Geld in großen Summen floss, baute man sich prächtige, protzige Herrenhäuser, die den Reichtum nach außen repräsentierten.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Łódź gemeinhin als das „Manchester des Ostens“ bezeichnet wird. Das beste Beispiel hierfür ist der monumentale Palast von Izrael Poznański, der durch seine neo-barocke Architektur jedem Touristen als erstes auffällt und neben der Piotrkowska Straße am ehesten im Gedächtnis bleibt. Von diesen Palästen und Fabriken gibt es dutzende in der Stadt, die zum größten Teil saniert und restauriert sind. Der Kernpunkt des Verfalls ist nicht hier zu finden, sondern im restlichen Teil des Stadtzentrums, der hauptsächlich aus historischen Altbauten besteht.

Während meines Aufenthaltes bin ich zwei Typen von Lodzianern begegnet: die Lokalpatrioten, die die schönen Makel dieser Stadt lieben und die Pessimisten, die raus aus dieser Stadt wollen. Es zieht sie in die reicheren Städte Polens, wie etwa Wrocław (Breslau), Poznań (Posen) oder Warszawa (Warschau). Befragt man diese zwei Typen, was sie von ihren Kamienice halten, so erhält man als Antwort: im Grunde schön, doch der Zustand desaströs und Schuld an allem ist die Stadtverwaltung oder andere korrupte Machenschaften.

Dabei gab es 2010 ein resolutes Versprechen, etwas zu unternehmen, um das architektonische Erbe dieser Stadt zu retten. Ein Projekt mit dem Namen „100 Kamienic dla Łodzi“ (deutsch: „100 Mietshäuser für Lodz“) wurde nach dem Vorbild von Wrocław ausgearbeitet. Ein durchdachtes Konzept, welches die Restaurierung wichtiger historischer Altbauten vorsah, die Koordination der Sanierungsarbeiten berücksichtigte und dessen Finanzierung beachtete. Das Projektteam engagierte sich anderthalb Jahre im Vorfeld der Realisierung, befragte die Bewohner und die Eigentümer, kooperierte mit der Stadtverwaltung, holte sich Rat bei Experten und Investoren. Daraus entstand die Aktion „100 kamienic – Ty wybierasz“ (deutsch: 100 Mietshäuser – Du suchst aus“), in der die Bewohner die Möglichkeit erhielten, die 100 historischen Altbauten auszuwählen. Die Entscheidung war jedoch an einige Bedingungen gekoppelt: Der Altbau musste der Gemeinde Łódź gehören, einen gewissen kultur-historischen Wert mitbringen und sich in einem „katastrophalen“ Zustand befinden.

Mit dem Versprechen, das Zentrum der Stadt zu erneuern, gelang es der heutigen Oberbürgermeisterin Hanna Zdanowska den größten Teil der Stimmen bei der Wahl für sich zu gewinnen. Ein Versprechen, das zwar nicht leer war, dessen Umsetzung jedoch viele enttäuschte. Zum einen schloss man 2011 die Projektinitiatoren aus den weiteren Verhandlungen aus und zum anderen benannte man das Projekt in „Miast100 kamienic“ (deutsch: „Stadt der 100 Mietshäuser“) um, was dem Ganzen einen anderen Schwerpunkt verlieh. Waren den Initiatoren in erster Linie die Rettung der Gebäude im ganzen Zentrum und nicht nur solcher Häuser, die sich in der unmittelbaren Nähe zur Prachtstraße Piotrkowska befinden, wichtig – und das betraf auch Sozialwohnungen und leer stehende Häuser – hat sich der Akzent, Kritikern zufolge, auf die Häuser verlegt, deren Sanierung mal begonnen, aber nicht abgeschlossen wurde.

Schöne Fassaden reichen nicht

Die Vorzeige-Piotrkowsa Straße in Lodzs Innenstadt. Foto: Polen.pl (KL)

Ein weiteres großes Problem ist, dass viele Menschen ihre Miete zahlen und dennoch von der Verwaltung im Stich gelassen werden, was die Sanierung und die Baumängel betreffen. Die ewige Antwort der Kommune lautet: Da wir kein Geld haben, können wir es uns nicht leisten.

Dabei geht es vielen Bewohnern in erste Linien nicht um den glänzenden Schein der Fassade, sondern um dringendere Probleme, wie Heizung, Strom, Wasser, isolierte Fenster, Sanierung der Hinterhöfe usw.

Die Wohnungspolitik der Stadt Łódź ist kompliziert und für einen Außenstehenden nicht immer nachvollziehbar. Was bleibt ist die Hoffnung, dass die Stadt die finanziellen Mittel findet um ihr „Gesicht“ zu retten. Wer weiß, ob in zehn Jahren mein Lieblings verwunschenes Häuschen dann noch steht…

 

Links:
 
http://100kamienic.wlodzi.org/o-projekcie/
 
http://www.dzienniklodzki.pl/artykul/533149,lodz-miastem-pieknych-kamienic,id,t.html

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*