Der feine Unterschied… oder die Ethik in der Gesellschaft

Pilgerstätte Tschenstochau. Foto: Polen.pl

Die Trennung der Schule vom Staat, der Religion und der Politik ist in Polen gesetzlich verankert.

(Warszawa, BD) Der 1. September ist traditionsgemäß der erste Schultag in ganz Polen, in allen Woiwodschaften (ähnlich Bundesländern). Zwar immer mit etwas historischem Beigeschmack – es wird landesweit an den Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 erinnert – aber ein eigentlich ‚unpolitischer‘ Tag voller eilender Schüler in meist schwarz-weißen Uniformen.

Dieses Jahr verlief der Tag allerdings etwas anders: Ein paar besonders schlaue, man darf wohl sagen ‚angehende Volksvertreter‘ wollten den Schulansturm für sich nutzen. Die Tagespresse berichtete über mehrere Fälle des Einsatzes einer neuen Werbetaktik. Diese lief so ab: Einige Parlamentskandidaten verteilten vor den Schulen hunderte von Stundenplänen (Polnisch: ‚Plan lekcji‘). Natürlich gratis und ganz großzügig, versteht sich.

Die Überraschung wartete auf der Kehrseite des Stundenplans: Dort befanden sich Abbildungen der in den Herbstwahlen startenden Kandidaten, die meist ihr grosses Herz für Kinder und Bildung gepriesen hatten.

Unsere Meinung

Es mag sein, dass diese Praxis nicht illegal ist. Mit Sicherheit werden die Eltern und vor allem die Schüler einen Nutzen von den Stundenplänen haben. Bedenkt man allerdings, dass die Schule ein Platz sein sollte, der von Politik und Religion frei bleibt, ist diese Vorgehensweise ethisch nicht ganz einwandfrei.

Die polnischen Bürger müssen ihre Lektion der Demokratie lernen. Das Engagement in die lokale Politik durch Kommunalwahlen, das direkte Mitmachen klappt von Tag zu Tag besser. Die nach Jahren errungene  Freiheit sollte aber auch die eigene Verhaltensweise klar definieren: nicht alles was legal ist, darf getan werden. Die Verantwortung für die Umwelt, das sinnvolle Umgehen mit den Energie, das Raumlassen für Andersdenkende und -glaubende sind meines Erachtens Bereiche, wo die Bürger Polens noch etwas Nachholbedarf haben.

Auch der Staat muss mitziehen. Mit der Trennung der Bildungspolitik von der Religion hat der polnische Staat traditionsgemäss ein grosses Problem. Die Ethik-Stunden werden weiterhin trotz gesetzlicher Verpflichtung nicht überall angeboten. Nicht-katholische Kinder geraten des öfteren unter Druck und fühlen sich ausgegrenzt.

Vielleicht könnte die Staatsmacht zumindest auf dem Gebiet Schule-Politik entschieden einschreiten und die Schule von der Politik zu 100 Prozent abschirmen. In anderen Bereichen wird die schärfere Trennung dann wohl folgen. Hoffentlich.

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