Der geheimnisvolle Garten. Ein Besuch des polnischen Pavillons an der Expo in Mailand

Der Polnische Pavillon an der EXPO 2015 in Mailand (c) H. Fehlberg

Der Polnische Pavillon an der EXPO 2015 in Mailand (c) H. Fehlberg

(Milano, FH) Die brütende Hitze machte uns etwas Sorgen, als wir der Mailänder Metro am Messegelände Rho Fiera entstiegen. Wir sahen uns schon in langen Schlangen bei der Sicherheitskontrolle in der Sonne anstehen, immer kurz vor dem Hitzekollaps. Aber wider Erwarten waren wir fast die einzigen, die kurz vor Mittag auf das 200 Fussballfelder grosse Gelände wollten (die anderen waren schon da… – von ihnen sollen rund drei Viertel italienische Besucher sein). Uns hatte das Thema der Weltausstellung EXPO 2015, die 2008 an Mailand vergeben worden war, gelockt: „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“.

Spielraum für Ideenvielfalt

Das Motto des Polnischen Pavillons  (c) H. Fehlberg

Das Motto des Polnischen Pavillons (c) H. Fehlberg

Das Thema war klug, weil breit gewählt und gab jedem der rund sechzig Teilnehmerländer viel Spielraum, ihren Umgang mit diesen zukunftsweisenden Themen darzustellen. Leider waren aus unserer Sicht viele Präsentationen damit aber überfordert; denn mehr als eine Selbstdarstellung und Tourismuswerbung brachten einige Länder inhaltlich nicht zustande. So erschien uns die architektonische Umsetzung des Themas bei den zumeist sehr qualitätsvollen und ideenreichen Pavillons häufig als das Interessanteste.

Decumano und Cardo

Der Decumano als Hauptachse bei der Expo 2015  (c) H. Fehlberg

Der Decumano als Hauptachse bei der Expo 2015 (c) H. Fehlberg

Der Aufbau der Expo orientiert sich mit seinen Gebäuden an der antiken römischen Stadtplanung. Die beiden mit Segeltüchern überdachten schattigen (!) Straßenachsen, der Decumano und der Cardo, kreuzen sich im Zentrum rechtwinklig. Am Decumano liegen die internationalen Pavillons (hier ein Übersichtsplan) und am Cardo die italienischen Regionalrepräsentanzen und Großfirmen. Der Begriff Pavillon ist übrigens eine gewaltige Untertreibung: die Bauten haben zum Teil eine Größe, in der eine Schwimmhalle mit 50m-Bahn unterkommen könnte.

Pawilon Polski

Der Getränkestand am Polnischen Pavillon (c) H. Fehlberg

Der Getränkestand am Polnischen Pavillon (c) H. Fehlberg

Der Polnische Pavillon liegt etwa in der Mitte des Geländes, eingerahmt vom niederländischen Pavillon und der Vertretung einer italienischen Bank. Von der anderen Seite des Decumano grüßen das Vereinigte Königreich und Ungarn. Der Pavillon soll gemäsß Angaben der polnischen Veranstalteragentur mit rund 2000 m² Fläche der viertgrößte an der Ausstellung sein. Das kam uns zwar gar nicht so vor, aber man kann sich ja irren.

Das Pavillonprojekt wurde im letzten Jahr unter 59 eingereichten Wettbewerbsentwürfen durch die ausschreibende Polnische Agentur gewählt. Den ersten Preis erhielt die Warschauer Architekturwerkstatt „2pm“ mit Piotr Musiałowski und seinem Partner Michał Adamczyk. Ihr Büro wird im Laufe dieses Jahres in Warschau am Plac Grzybowski das von der Stadtverwaltung ausgeschriebene Denkmal für Polen, die Juden im Zweiten Weltkrieg halfen, errichten.

Außerordentliche Architektur

Detail der Außenwand des Polnischen Pavillons (c) H. Fehlberg

Detail der Außenwand des Polnischen Pavillons (c) H. Fehlberg

Schon von weitem hebt sich der aufgrund seiner durchbrochenen, hellbraunen Fassade leicht wirkende Polnische Pavillon von seiner Umgebung ab. Erst beim Näherkommen fällt auf, dass alle Außenwände mit regelmäßig angenagelten Holzleisten bedeckt sind. Deren Struktur erinnert an Gemüse- oder Obstkisten, womit bei uns Assoziazionen mit den die für die polnische Landschaft so typischen Obst- und Gemüsegärten geweckt wurden. Mit der kistenartigen Fassade wollten die Architekten gemäß ihren Aussagen auch die Pavillonidee als Verpackung der polnischen Landwirtschaftspräsentation spiegeln.

Aufgang zum geheimnisvollen Garten (c) H. Fehlberg

Aufgang zum geheimnisvollen Garten (c) H. Fehlberg

 

 

 

Das Interessante am Pavillon ist sein Äußeres. Wir liefen an der Längsseite des gut knapp zehn Meter hohen Pavillons entlang, um zu einer schmalen, zwischen zwei Wänden eingeklemmten Treppe zu gelangen. Auf ihr erklommen wir, wie im Inneren eines Cañons, die Dachterrasse. Vom Fuß der Treppe aus sahen wir oben schon den dreisprachigen Willkommensgruß „Witaj, Benvenuti, Welcome – Poland“.

Der geheimnisvolle Garten

Eingang zum geheimnisvollen Garten (c) H. Fehlberg

Eingang zum geheimnisvollen Garten (c) H. Fehlberg

Auf der Dachterrasse angekommen, gelangen wir durch eine Tür in den „geheimnisvollen Garten“. Er soll von Józef Mehoffers Gemälde „Dziwny ogród“ inspiriert worden sein.

Die Wirkung war bemerkenswert: zuerst die lange, enge, hohe Treppe und nun – surprise, surprise – eine große Weite, in der ein Obstgarten mit sich endlos hinziehenden Baumreihen liegt.

Der geheimnisvolle Garten (Magiczny Ogród) (c) H. Fehlberg

Der geheimnisvolle Garten (Magiczny Ogród) (c) H. Fehlberg

 

 

 

 

 

 

Der Effekt von Weite und Endlosigkeit wird vom Architekturteam „2pm“ mit polierten und verchromten Blechspiegeln erzielt. Sie sind entlang der Wände angebracht und vervielfältigen das Spiegelbild in alle Richtungen. Damit schafft das Architekturteam gemäß ihrer Webseite „einen Ort voller Licht, Freiheit und Raum. Es entsteht auf eigene Art eine italienische Piazza, um die sich das Leben in italienischen Städten konzentriert; ziemlich hinterlistig und überraschend werfen die Spiegel den Besucher dann aber in einen masowschen Garten.“

Außen spannender als innen

Multimedia-Präsentation im Pavilloninneren (c) H. Fehlberg

Multimedia-Präsentation im Pavilloninneren (c) H. Fehlberg

Das Innere des Pavillons kann mit dem außergewöhnlichen Äußeren leider nicht mithalten. Hier befinden sich Multimediainstallationen mit etwas trockenen Informationen über die polnische Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. Ein interaktiver Spielplatz für die jüngsten Besucher sowie regionale Ausstellungen der Gast-Woiwodschaften heben sich konzeptionell nicht sehr stark von den Präsentationen anderer Länder ab. Ein Restaurant sowie ein Geschäft laden zum Konsum polnischer Produkte.

 

Apfelland Polen

Der Apfelbaum vor dem Pavillon (c) H. Fehlberg

Der Apfelbaum vor dem Pavillon (c) H. Fehlberg

Konsumieren können wir auch auf dem Gelände vor dem Pavillon. Hier bieten junge, in rot-weiß gekleidete Frauen neben polnischem Bier Äpfel und durchaus konkurrenzfähigen leckeren Apfelcider an. Ein stilisierter Baum weist inmitten gemütlicher Sitzgelegenheiten darauf hin, dass Polen der zweitgrößte Apfelexporteur der EU ist.

 

 

 

Hartgesottene Tänzer

TanzBei unserem Besuch war gerade die Woiwodschaft Lublin im Pavillon zu Gast. Ein gemischtes Tanzteam (den Namen haben wir leider nicht verstanden) lockte die auf dem Decumano Vorbeischlendernden mit wilden Sprüngen aufs Gelände, wo die Gruppe dann akrobatische Tänze aufführte. Der Versuch, bei knapp 40 Grad im Schatten die Zuschauer zum Mitklatschen und Mittanzen zu animieren, scheiterte allerdings aus verständlichen Gründen kläglich. Aber für ihre Tanzkünste und ihren Durchhaltewillen bei diesen klimatischen Bedingungen erhielten sie unsere volle Hochachtung.

 

Das Motto des Pavillons „Polonia: Abbiate ogni speranza, voi que entrate“ (Polen: Habt, die ihr eintretet, jegliche Hoffnung) ist eine positive Adaptation der berühmten Stelle aus der bedeutendsten Dichtung der italienischen Literatur, die gleichzeitig die italienische Schriftsprache begründete: die Göttliche Komödie von Dante Alighieri (1265-1321). Im dritten Gesang wird auf die Aufschrift am Tor zur Hölle verwiesen; diese lautet: „Lasciate ogne speranza, voi ch‘ intrate“ (Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!)

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  1. Martin

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