Der Kapitalismusschnellkurs dauert an

Der Traum vom Urlaub in der Ferne zerbricht immer öfter... Photo: Polen.pl (BD)

Der Traum vom Urlaub in der Ferne zerbricht immer öfter… Photo: Polen.pl (BD)

(Warszawa, BD) Die Polen machen gerade erneut einen Schnellkurs mit dem Schwerpunkt ‚die Fallen des modernen Kapitalismus‘ durch.

Noch vor nicht langer Zeit ließ sich der polnische Regierungschef Donald Tusk vor laufenden Kameras mit einem breiten Lächeln abblitzen. Im Hintergund eine Europakarte, wo Polen als eines der wenigen Länder Europas in grün gekennzeichnet war. Der Grund: Polen befand sich im Wachstum, die anderen Ländern leideten unter einer (leichten) Rezession… ‚Polen sei eine grüne Insel…‘, prägten die Medien einen positiven Spruch, der auch in der Politik Karriere machte.

Die Wirklichkeit heute

Polen wächst weiterhin stärker als die meisten Länder in Europa. Das Bruttoinlandsprodukt soll in 2012 um +2,5 bis 3,0 Prozent wachsen, die Inflation um 4 Prozent betragen. Der Wechselkurs des Złoty gegenüber dem Euro pendelt seit Monaten zwischen 4,10 und 4,50 Złoty für einen Euro und darf als verhältnismäßig stabil bezeichnet werden.

Auch die Zinsen bei langfristigen Staatsanleihen bleiben niedrig. Mit einer Rendite unter fünf Prozent liegt der Preis, den der polnische Staat beim Geldleihen bezahlen muss, weit unter dem Preis, den zur Zeit die spanische oder die italienische Regierung zahlen muss.

Was hat der ‚Kowalski‘ davon?

Was hat allerdings der einfache Bürger – manchmal ‚Kowalski‘ analog zu ‚Müller-Meier-Schulze‘ genannt – davon?  Die Zahlen zeigen deutlich, dass der polnische Durchschnittsbürger sich immer mehr leisten kann, wenn auch immer noch weit weniger als in Spanien, Deutschland oder gar Luxemburg. Nur langsam wachsen die Nahrungsmittelpreise in Polen; immer erreichbarer scheinen auch andere Güter, wie beispielsweise Neuwagen (siehe unseren Artikel hierzu).

Die Politik der polnischen Kommission für Finanzaufsicht (KNF) verschärft die Kreditvergabepolitik jedoch sichtbar und bremst dadurch den privaten Konsum aus. Die Banken sehen sich immer mehr Einschränkungen ausgesetzt, wenn sie ihren Kunden den Kauf der ‚eigenen vier Wände‘ ermöglichen wollen.

Diese Sicherheitspolitik der KNF scheint allerdings durchaus verständlich. Denn das Gegenteil war in Spanien der Fall. Mit den Folgen hat jetzt halb Europa zu kämpfen.

Eine Pleitewelle rollt an

Was in der Baubranche begann, breitet sich jetzt in der Touristikbranche aus. Die Insolvenz des bekannten Tourenanbieters Sky Club (incl. Triada) überraschte, denn finanztechnisch ist der Saisonbeginn die Zeit der hohen Liquidität bei den Reiseveranstaltern.

Als die Riesen der Baubranche einer nach dem anderen unerwarteterweise zusammenbrachen, interessierte das vor allem die kleineren Firmen, die teilweise bis heute auf das Geld für die ausgeführte Arbeiten warten müssen. Ein Sondergesetz soll schnelle Abhilfe schaffen (siehe unseren Artikel). Über die Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft Polens werden wir mit Sicherheit noch mehr als einmal in der Zukunft berichten.

Die Pleitewelle unter den Reisebüros bereitet allerdings tausenden Reisewilligen Ärger. Die Möglichkeit, auf Kosten des Steuerzahlers aus Ägypten zurückzufliegen (aufgrund der Pleite des Reiseveranstalters) nutzten bereits hunderte Urlauber.

‚No lunch for free‘ sagen viele Ökonomen. Die von der KNF kritisierte bankähnliche Tätigkeit der Firma Ambergold, die für Geldanlagen 14 Prozent p.a. garantieren will, gipfelte gerade im Zusammenbruch der Fluglinie OLT Express. Der Billigfluganbieter musste aus Geldmangel nach nicht mal sechs Monaten aufgeben (siehe unsere Meldung). Die Kunden werden wahrscheinlich Monate auf Ihr Geld warten müssen.

Diese Lektionen werden auch Polen lernen müssen. Nicht alles was preislich attraktiv zu sein scheint, ist wirklich günstig. Die billigste Offerte im Ausschreibeverfahren muss nicht unbedingt die beste sein. Das lernen gerade tausende (nicht nur) Konsumenten im Eilverfahren.

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  1. Jochen
  2. Jochen
  3. Bartek

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