Der kulturelle Schutzpatron des Jahres 2013 – Julian Tuwim

Sitz von TV Polska in Lodz. Foto: Polen.pl (JE)

Die Heimatstadt Tuwims freut sich auf viele kulturelle Events in diesem Jahr. Foto: Polen.pl (JE)

(Freiburg, KL) Kulturell startet Polen ins neue Jahr mit der Ehrung des avantgardistischen Lyrikers Julian Tuwim, des Komponisten und Dirigenten Witold Lutosławski und des Chemikers Jan Czochralski.

Jedes Jahr entscheidet die Kommission für Kultur und Massenmedien des Sejms, welchen berühmten Persönlichkeiten das Jahr gewidmet wird. Dabei werden höchstens drei Projekte ausgewählt, die das Erinnern an die Personen zum Ziel haben.

Die Entscheidung fiel nicht umsonst auf Julian Tuwim, denn in diesem Jahr jährt sich sein 60. Todestag und vor genau 100 Jahren debütierte er in der Zeitung „Kurier Warszawski“ (Warschauer Kurier) mit dem Gedicht „Prośba“ (Deu: Die Bitte). Seine Nominierung zum Patron des Kulturjahres 2013 erfreut besonders die Stadt Łódź, denn hier wurde er am 13.01.1894 in einer jüdisch-assimilierten Familie geboren.

Veranstaltungen im Tuwim-Jahr

Aus diesem Anlass werden in Łódź sowie anderen großen Städten im Rahmen des Kulturjahres zahlreiche Projekte auf die Beine gestellt. So plant die Stadt Łódź in Kooperation mit der Stiftung Urban Forms Fundacja, mehrere Street Art Werke zu Ehren Julian Tuwims auf die grauen Wände der Altbauten zu projizieren. Darüber hinaus wird die multimediale Ausstellung „O gorejacej tresci zdarzen…“ (Über den brennenden Sinn der Dinge…) organisiert, die sich seinem Leben und literarischem Umfeld und dem damaligen Zeitgeist widmet.

Des Weiteren ist als großes Projekt die Inszenierung des Poems „Bal w Operze“ (Ball in der Oper) im Teatr Wielki angesetzt. Es handelt sich dabei um ein politisches Pamphlet und das kontroverseste Werk Tuwims, dass mit grotesk-burlesken Elementen die apokalyptische Stimmung vor der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs erahnt und einfängt. Eine weitere Besonderheit stellt der „Pociąg Tuwima“ (Tuwims Zug) dar, der die Städte Łódź und Warszawa mit kulturellen Aktivitäten verbinden wird.

Diese beiden Städte markieren nicht nur Ankerpunkte im Leben des Dichters – die Kinder-und Jugendzeit verbrachte er nämlich in Łódź, und in Warschau spielte sich seine studentische und literarische Schaffensphase ab – sondern die Charakteristika beider Städte übten einen großen Einfluss auf ihn und sein Werk aus. Zudem sind zahlreichen Konzerte und Rezitationen seiner Gedichte, Lieder für Kabaretts und Revues in Planung. Das alles verspricht ein vielseitiges Kulturprogramm zu werden.

Zum Portrait Julian Tuwims

Julian Tuwims literarisches Wirken ist facettenreich. Er war nicht nur Lyriker, sondern auch Übersetzer zahlreicher russischer Autoren wie Puschkin, Gogol und Pasternak, Mitbegründer und wichtigstes Mitglied der literarisch-avantgardistischen Gruppe „Skamander“ in Warschau, Autor und Leiter zahlreicher Kabaretts und Revues, darüber hinaus Redakteur einiger Zeitschriften wie „Wiadomosci Literackie“(Literarische Neuigkeiten) und „Cyrulik Warszawski“ (Der Barbier von Warschau).

Zwar wird Julian Tuwim heute vornehmlich als der Autor berühmter, humorvoller Kindergedichte – beispielsweise der „Lokomotywa“ (Die Lokomotive), das übrigens wunderbar ins deutsche von James Krüss übersetzt worden ist, oder des „Pan Hilary“ (Herr Hilary) – behandelt, es gibt aber auch einen „Tuwim dla dorosłych“ (Tuwim für Erwachsene). Das ist nämlich auch der Titel einer neuen Aufführung (Tuwim dla dorosłych – Całujcie mnie wszyscy w dupe) des Warschauer Musiktheaters „Roma“, das eine ganz andere Seite Tuwims zeigt: ironisch bissiger Humor mit vielen Abgründen. Dieses Kabarett, das basierend auf Tuwims Texten die Künstleratmosphäre der Zwischenkriegszeit einfängt, zeigt seine Liebe zu Warschau, die auch mit vielen Schattenseiten des Alltagslebens verwoben ist. Er entlarvt die menschlichen Abgründe, die widersprüchliche Zeit der Krise und der Politik.

Julian Tuwim – ein Wortakrobat

Tuwim besaß ein leidenschaftliches Interesse für die Sprache im Allgemeinen. Er setzte sich mit ihr auseinander und experimentierte mit ihren Möglichkeiten, wie in einem Laboratorium. Darin brodelte es gewaltig inmitten von Wortspielen, Lautmalereien, Wortneuschöpfungen und Sprachstilen. Seine Sprachpalette reicht von hymnischen, expressiv-umgangssprachlichen hin zu grotesk-burlesken Färbungen, die die musikalische Leichtigkeit und den feinsinnigen Humor seiner Lyrik ermöglichen. Eine weitere Sprachleidenschaft war das Sammeln von literarischen und linguistischen Merkwürdigkeiten und Seltenheiten, das einem Kuriositätenkabinett glich und in der Zeitschrift „Problemy“ (Probleme) in der Rubrik „Cicer cum Caule czyli groch z kapustą“ (Cicer cum caule oder Kraut mit Rüben) veröffentlicht wurde.

Ein Spiegel der Zeit

Sein literarisches Werk spiegelt den Zeitgeist der Zwischenkriegszeit wider. Es zeigt den euphorischen Beginn des unabhängigen Polens nach dem Ersten Weltkrieg. Literarisch wird es dynamisch, euphorisch und wild besungen und die neue Zeit steht im Zeichen der Großstadt. Doch bereits Ende der 20er Jahre ändert sich die Stimmung. Die Wirtschaftskrise, die politischen Unruhen, der steigende Antisemitismus und schließlich die Machtergreifung Hitlers in Deutschland, haben den Ton verhärtet, womit eine unmittelbare Katastrophe in der Luft mitschwang.

Besonders die antisemitischen Tendenzen der polnischen „Nationaldemokraten“ und die sich zuspitzende Atmosphäre in der polnischen Gesellschaft, trafen Julian Tuwim sehr, denn als assimilierter Jude, definierte er sich vor allem über seine polnische Identität und weniger über die jüdische. Erst später im Exil setzte er sich mit seinem jüdischen Glauben öffentlich auseinander und betonte die Gleichzeitigkeit beider Aspekte seiner Identität.

In Tuwims Werk veränderte sich damals der optimistische Ton, der zunehmend kritisch, apathisch wurde und sich durch Gefühllosigkeit und Passivität auszeichnete. Das städtische Bild wird in groteske und satirische Bilder transformiert, in denen der Städter zu einer Puppe verfremdet wird und sich in einer ausweglosen Situation befindet. Diese apokalyptischen Tendenzen verwiesen auf eine Katastrophe, die sich noch im Dunkeln hüllte. Die Eskalation, die Tuwim erahnt hat, war der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und mit ihm seine Flucht ins Ausland.

Auf einem abenteuerlichen Weg gelangte er nach New York, wo er im Exil bis 1946 lebte. In diesen Exiljahren verfasste er sein gewaltiges Poem „Kwiaty polskie“ (Polnische Blumen), das eine Hommage an seine Heimat und insbesondere an seine Geburtsstadt ist. In diesem Spätwerk leben seine Erinnerungen auf, die er mit der Stadt Łódź verbindet: die Kindheit und die Liebe. 1946 kehrte er zurück nach Polen und wurde zum Nationalpoeten ernannt. Bis zu seinem Tod in Zakopane, wo er 1953 verstarb, war er literarisch nicht mehr aktiv, jedoch leitete er das 1947 neugegründete Teatr Nowy und veröffentlichte regelmäßig Kurioses in seiner Rubrik „Cicer cum caule czyli groch z kapustą“.

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  1. Pole

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