Der Kulturpalast – eine Geschichte mit Happy End?

Auch nachts sticht der Kultur aus der Stadtlandschaft hervor. Quelle: Anna Malyszkiewicz

Auch nachts sticht der Kulturpalast aus der Stadtlandschaft hervor. Quelle: Anna Malyszkiewicz.

Nachts, wenn Warschaus Nachtschwärmer in die angesagtesten Clubs und Bars abtauchen, strahlt der Riese in erleuchteten Farben. Mal Pink, dann Gold  – imposant beleuchtet, zieht er alle Blicke auf sich. Der Kulturpalast (Pałac Kultury i Nauki, oder kurz: PKiN) gehört seit den 50er Jahren zu Warschau wie der Eiffelturm zu Paris. Doch während alle Pariser ihren Turm feiern und ihr Wahrzeichen sogar liebevoll die „eiserne Lady“ (Dame-de-fer) nennen, verbinden Polen gemischte Gefühle zu ihrem Koloss, der ihnen einst von Stalin geschenkt wurde.

Dass aber der Eiffelturm eine Erfolgsgeschichte schreiben und die Grande Nation repräsentieren würde, hatte zu Beginn des Baus keiner vermutet. Im Gegenteil, Künstler und Intellektuelle gingen auf die Barrikaden. Es gab Proteste, die sich gegen den Bau des Eiffelturms im Rahmen der Weltausstellung richteten. Allen voran Guy de Maupassant witterte als Kritiker, dass die Schönheit Paris unter dem Eiffelturm leiden wird:

„Um zu begreifen, was wir kommen sehen, muss man sich einen Augenblick einen schwindelerregenden, lächerlichen Turm vorstellen, der wie ein riesiger, düsterer Fabrikschlot Paris überragt, muss sich vorstellen, wie alle unsere Monumente gedemütigt, alle unsere Bauten verkleinert werden, bis sie in diesem Alptraum verschwinden.“

Doch allen Befürchtungen zum Trotz entwickelte sich der Eiffelturm zum Publikumsliebling. Auch einen Nutzen als Sendeturm für Hörfunk sowie Fernsehen konnte er sich sichern, ganz zu schweigen von seinem Stellenwert für die Künste und Pop-Kultur. Unzählige Gastauftritte in Filmen, egal ob er als Skyline-Kulisse für einen apokalyptischen Untergang, Actionszenen oder für einen romantischen Moment herhalten musste. Auch auf Postkarten sowie in der expressionistischen Malerei sicherte sich der Eiffelturm einen Platz. Im Verlauf der Geschichte wurde der Eiffelturm also zum Symbol der Stadt des Lichts.

Der Kulturpalast in Warschau lässt die Kassen klingeln

Eine ähnliche Entwicklung macht nun der Kulturpalast durch, denn seit einigen Jahren erlebt er eine rasante Marketingkampagne, die vor allem bei der jungen Generation ankommt. Statt Abrissforderung in den 90er und 2000er Jahren, lautete heute das Motto „pałac po prostu sexy“ (Der Palast ist einfach sexy), so formulierte es die Designerin Bożena Przyłuska von Hellowawa gegenüber der Gazeta Wyborcza. Nun entdecken Designer und Künstler das visuelle Potential für sich, denn das Verhältnis zum Kulturpalast hat sich zum Positiven gewendet, dank einer kosmopolitischen Jugend. So ist der Kulturpalast für viele Kulturaktivisten nun ein Objekt der Revitalisierung.

Woran merkt man, dass ein frischer Wind im Kulturpalast weht? Vielleicht sind dem einen oder anderen Besucher die 25 Meter langen Tische aufgefallen, die aktuell den „Plac Defilad“ im Rahmen des Projekts „Miasto i Ogród“ bereichern. Zwischen Blumen und Gemüse, Liegestühlen und Bänken, füllt sich das urbane Leben mit Musik, kulturellen Veranstaltungen und kulinarischen Köstlichkeiten. An diesem Projekt sind außerdem weitere Institutionen beteiligt. Auch hier bestätigt Warschau sein Gespür für Avantgarde, denn die Nutzung des öffentlichen Raumes für grüne und gesellschaftliche Zwecke ist ein aktueller urbaner Trend.

Wie alles begann…

Prunk und Glanz: Der Kulturpalast im sozialistischen Klassizismus. Quelle: von Jorge Láscar (CC BY 2.0)

Prunk und Glanz: Der Kulturpalast im sozialistischen Klassizismus. Quelle: Jorge Láscar (flickr / CC BY 2.0).

Anlässlich des 60. Geburtstags, der am 22. Juli mit zahlreichen Konzerten sowie Events wie „Poznaj swój Pałac“ (Lerne deinen Palast kennen) kräftig gefeiert wurde, wäre ein historischer Rückblick angesagt, denn der Kulturpalast war nicht immer ein Kultobjekt.

Der Bau des Kolosses stellt ein ebenso einschneidendes Ereignis dar wie die Konstruktion aus Stahl in Paris, das den modernen und technologischen Fortschritt symbolisierte. Der Kulturpalast sollte der Inbegriff des sozialistischen Klassizismus sein, ein Werk das vom russischen Architekten Lew Rudnew entworfen wurde. Unter seiner Leitung entstand auch das Gebäude der Lomonossow Universität in Moskau und andere Kathedralen Stalins. Charakteristisch für diesen Baustil ist die Symmetrie, das neoklassizistische Dekor und vor allem sozialistische Figuren, die den Pathos der Sowjetunion repräsentieren sollten – Corporate Identity sozusagen. Auch beim Kulturpalast finden sich diese Elemente, da es aber dem polnischen Volk gewidmet werden sollte, begab sich Lew Rudnew auf eine Architekturreise durch Polen, um das Eigentümliche der polnischen Baukunst zu studieren. Das spiegelt sich in Details wie der Attiken an den Dächern im Renaissancestil wider.

Der Kulturpalast stand unter dem Zeichen der stalinistischen Utopie des neuen Menschen. Es sollte nicht nur ein Ort der Wissenschaft und Kultur sein, sondern auch der Propaganda dienen: Junge Menschen nach dem Ideal des Sozialismus formen.

Die Aussicht vom höchsten Gebäude Polens: Der Kulturpalast

Die Aussicht vom höchsten Gebäude Polens, dem Kulturpalast. Quelle: Redaktion.

Vielleicht hatte der eine oder andere Warschau-Besucher einen ähnlichen Gedanken: Was verbirgt sich hinter der gewaltigen Fassade? So geheimnisvoll steht der Riese da, insbesondere in der heutigen Zeit, wo Warschaus Stadtlandschaft von gläsernen Hochhäusern dominiert ist.

Etage für Etage reihen sich unzählige Räume an. Um genau zu sein: 3288. Es ist eine Stadt in der Stadt, die alles beherbergt, was das Kulturherz so höher schlagen lässt: mehrere Theater und Kinos, Bars, Restaurants, ein Schwimmbad, Ausstellungsräume, private Hochschulen, Radio, Kongress- sowie Büroräume. Die Auflistung könnte so weiter gehen. Und es gibt genug leere Räume, die darauf warten mit kreativen Ideen gefüllt zu werden.

Finanziell gesehen bleibt der polnische Staat nicht auf seinen Kosten sitzen, denn die Vermietung von den unzähligen Räumen sowie die zahlreichen Werbeflächen brachten beispielsweise 2012 etwa 53,2 Millionen Zł Netto ein. Abzüglich aller Kosten finanziert sich der Kulturpalast laut WP Finanse selbst.

Legenden und Kuriositäten: Der Kulturpalast revisited

Um den Bau des Kulturpalastes ranken sich viele Legenden. So zum Beispiel hätte das Geschenk Stalins auch eine U-Bahn sein können oder gar eine Wohnsiedlung. Bolesław Bierut, damaliger Staatspräsident, aber lehnte beides ab, denn eine Metro bräuchte Warschau seiner Meinung nach nicht und eine Wohnsiedlung könnten die Polen selbst bauen. Ein Hochhaus muss es sein. Das Moskauer Vorbild durfte er nicht überragen, aber mit 237 Metern ist der Kulturpalast nach wie vor das höchste Gebäude in Polen. Da stellt sich doch einem die Frage, wie sich wohl Warschau entwickeln hätte können, wenn doch eine U-Bahn gebaut worden wäre?

Beim Bau des Kolosses waren etwa 3500 Arbeiter aus der Sowjetunion beteiligt. Quelle: Gemeinfrei

Beim Bau des Kolosses waren etwa 3500 Arbeiter aus der Sowjetunion beteiligt. Bildlizenz: Gemeinfrei.

Eine hartnäckige Legende aus dem Gruselkabinett handelt von den 16 Bauarbeitern, die beim Bau des Kulturpalastes verunglückt sind. Diese sollen im Fundament mit einzementiert worden sein. In Wahrheit aber wurden die 16 Toten auf dem orthodoxen Friedhof in Warschau beigesetzt. An der Realisierung der sozialistischen Kathedrale waren übrigens etwa 3500 sowjetische Arbeiter involviert, die während des Baus in einer speziell für sie gebauten Siedlung untergebracht waren.

Aber nicht immer diente der Kulturpalast der sozialistischen Propaganda, denn der Westen schlich sich immer wieder in Form von Ausstellungen und Konzerten ein. So spielten am 13. April 1967 die Rolling Stones hier ein Konzert – ihr einziges hinter dem Eisernen Vorhang. Für eingefleischte Fans gab es aber keine Möglichkeit an die Karten ranzukommen, diese wurden nämlich bereits unter den Mitgliedern der Kommunistischen Partei verteilt. Dennoch strömten Tausende zum Kulturpalast, um die Chance wahrzunehmen, einen Blick auf die seltenen Gäste aus dem Westen zu werfen. Beim Anblick solcher Menschenmassen waren die Stones so gerührt, dass sie sich später entschieden haben, durch die Straßen Warschaus zu laufen, um so ihre Platten verteilen zu können. Etwa 100 Platten haben die Rockstars unter die jungen Menschen säen können.

Der Kulturpalast – so groß seine Gestalt, so vielfältig die Legenden um seine Person. Für manche bleibt er ein kommunistisches Schreckgespenst, das Warschaus Stadtlandschaft überragt, für andere ist er längst ein Kultobjekt geworden. So oder so, der Kulturpalast ist ein Teil der polnischen turbulenten Geschichte. Deshalb hat 2007 die Regierung den Entschluss gefasst, den Kulturpalast zum nationalen Kulturerbe zu ernennen. Darauf ein na zdrowie!

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