Der nächste Wecker klingelt bestimmt

Lieber marschieren als diskutieren. Fraktionsausflüge durch die Hauptstadt sind aufregender als Sejm-Debatten. Foto: Polen.pl (JE)

(Hamburg, JE) Soll man darüber noch berichten? Interessiert sich noch jemand dafür, wenn die PiS mal wieder Tusk stürzen möchte? Wurde nicht schon alles gesagt und geschrieben zur Verrohung der politischen Kultur und Spaltung der politischen Lager in Polen? Vielleicht. Aber auch dieses gut eingeübte Gegeneinander überrascht manchmal mit neuen Varianten und Akteuren. Und kann es nicht auch sein, dass eine große polnische Oppositionspartei seine Daseinsberechtigung letztlich daraus bezieht, dass sie Politikern der anderen Seite vorwirft, keine wahren Polen zu sein bzw. ihr Land und ihre Landsleute zu verraten?

Ich meine, diskutiert irgendjemand ernsthaft PiS-Pläne zur Wirtschafts-, Sozial- oder Bildungspolitik? Die ständigen Attacken auf die Regierung dienen als Ablenkungsmanöver von der eigenen Inhaltslosigkeit – die PiS „von der Mehrheit der Polen nicht ernst genommen“, gar „ein Ballon, der am Ende platzt“ (Historiker und englischer „Polen-Guru“ Norman Davies in der Newsweek)? Man nehme an, es wäre war und würde diesen ganzen Zirkus einfach nicht mehr mitmachen – das wäre doch irgendwie … auch langweilig.

Wann platzt der Ballon?

Und wie sie sich derzeit wieder aufblasen. Nach dem Motto: Wenn wir Tusk schon nicht Smolensk in die Schuhe schieben können (die Hochkonjunktur der Verschwörungstheorien ist vorbei), dann müsste es doch zumindest mit Amber Gold klappen (schließlich hat Tusks Sohn mal für die von Amber Gold finanzierte Fluglinie OLT gearbeitet). Die PiS forderte einen Untersuchungsausschuss des Sejm zur Rolle der Regierung in der Amber Gold-Affäre, bekam dafür allerdings keine Mehrheit. Nicht einmal der Appell des PiS-Abgeordneten Stanisław Pięta „Das wird eine Abstimmung, bei der man sich entweder wie ein echter Pole oder wie ein Schwein verhalten sollte“ (siehe Gazeta Wyborcza vom 1. September), half da weiter. Die gegenwärtige PO-PSL-Regierung ist in den Augen der polnischen Rechten allerdings eh nicht mehr zu retten.

Mach die Augen auf und …

Doch zumindest die polnischen Bürger müssten es doch verstehen … Wie kann es eigentlich sein, dass niemand sehen will, was so offensichtlich ist – die Fremdsteuerung der Regierung durch Deutschland oder Russland (je nach dem), der Verrat der PO am eigenen Volk (sowieso)… und der ganze Rest halt, Sie wissen schon. Ganz klar, die Polen sind von den Liberalen böse eingelullt worden und einer (Kaczyński) muss sie jetzt aus dem gemütlichen Dämmerschlaf reißen, damit es mit dem Elend ein Ende hat. Noch ist Polen nicht verloren. Es muss nur aufwachen. Die große Weckaktion („Wach auf, Polen!“) startet am 29. September in Warschau (zur Abwechslung mal ein Marsch). Kaczyński und der neue Palikot von rechts, Solidarność-Chef Piotr Duda, gehen mit dem Eimer Wasser voran und verpassen allen Ungläubigen eine kalte Dusche. Und wehe, Sie wagen es zu gähnen!

 

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  1. Lothar
  2. Jens
  3. Elzbieta

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