Der schwarze Sonntag – zum Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smolensk

In der Warschauer Innenstadt kam es am Sonntag auch zu Handgreiflichkeiten. Foto: Polen.pl

(Bremen, JE) Vor ziemlich genau einem Jahr, am 10. April 2010, stürzte die polnische Präsidentenmaschine auf dem Militärflughafen im russischen Smolensk ab und auch in Deutschland interessierte man sich kurzzeitig für den Nachbarn. Aus Polen waren damals viele Stimmen zu hören, die versuchten, dem Unglück einen Sinn abzuringen. Im Angesicht der nationalen Tragödie müssten die Polen wieder zueinander finden und die Politiker der verschiedenen Lager aufeinander zugehen, anstatt sich wie bisher mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diesen Sonntag, am ersten Jahrestag des Unglücks, schaute Deutschland mal wieder auf Polen und der ein oder andere erinnerte sich vielleicht an diese Worte. Zu sehen gab es jedoch kein gemeinsames Gedenken, sondern demonstrative Distanz. Von Versöhnung war hinterher keine Rede mehr, nur noch vom „Tag des Hasses“ (Gazeta Wyborcza).

Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, hat dazu einiges beigetragen. Er und seine Parteifreunde der PiS boykottierten die offiziellen Feierlichkeiten. In der Warschauer Innenstadt hielten sie eine Gegenveranstaltung ab, die im Grunde nichts anderes war als eine Demonstration gegen die Regierung. Die Gazeta Wyborcza schrieb anschließend, Kaczyński hätte an diesem Tag bewusst den Wahlkampf eröffnet Es wurde ein bisschen an die Opfer erinnert und umso mehr protestiert – gegen Tusk, den „Betrüger“ und für ein „freies Polen“. Kaczyński forderte in seiner Rede eine neue gesellschaftliche und politische Ordnung – die IV. Republik, das ideologische Projekt der letzten PiS-Regierung, müsse endlich realisiert werden. Mit der Andeutung, sein Bruder sei gestorben, weil er sich für ein anderes, besseres Polen einsetzte, bediente Kaczyński die vielen Anhänger einer Anschlagstheorie, obwohl die polnische Generalstaatsanwaltschaft einen solchen als Unfallursache längst kategorisch ausgeschlossen hat. Kaczyński führte sich letztlich selbst ad absurdum als er seinen Gegnern vorwarf, „das Gedenken töten zu wollen“. Er selber tat schließlich alles dafür, dass der Gedenktag zum Politikum wurde.

Viel mehr Spaltung als heute, ein Jahr nachdem die große Trauer den politischen Streit in Polen zumindest ein paar Tage verstummen ließ, geht kaum noch. Zu dieser Stimmung haben sicher beide Seiten beigetragen. Der ZDF-Zuschauer erfuhr am Sonntag im Heute-Journal, dass Premier Donald Tusk es während des ganzen Jahres über nicht geschafft habe, Worte des Trosts und Mitgefühls an den um seinen Bruder trauernden Konkurrenten Jarosław Kaczyński zu richten. Womöglich stimmt das, doch leicht hat man es ihm auch nicht gemacht. Die täglichen Vorwürfe gegen den Premier in der Sache von Seiten der Opposition gipfelten bisweilen in der Behauptung, Tusk sei persönlich verantwortlich für die Katastrophe. Letzterer kommentierte die Ereignisse am Sonntagabend auf folgende Weise: „Für die Ausweitung des Hasses im Zusammenhang mit der Katastrophe übernehme ich keine Verantwortung“.

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  1. Juergen

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