Der stille Held – Teil I

Jan Karski - ein stiller Held des polnischen Untergrunds,  Foto: Wikimedia / Mateusz Opasiński

Jan Karski – ein stiller Held des polnischen Untergrunds, Foto: Wikimedia / Mateusz Opasiński

(München, KL) Ehre, wem Ehre gebührt. Jährlich entscheidet eine Kommission für Kultur und Massenmedien des Sejms, welchen Persönlichkeiten das Jahr gewidmet wird. Letztes Jahr fiel die Wahl unter anderem auf den Literaten Julian Tuwim, worüber Polen.pl berichtete. Dieses Jahr wird zum hundertjährigen Geburtsjubiläum das humanistische Erbe des Volksheldens Jan Karski gewürdigt – eine Symbolfigur des Zweiten Weltkriegs.

Eines haben Julian Tuwim und der diesjährige Schutzpatron, Jan Karski, gemeinsam: Beide sind gebürtige Lodzianer. Und genau hier, in der multinationalen Metropole ist 1914 der Diplomat, Offizier und Kurier der polnischen Heimatarmee unter dem bürgerlichen Namen Jan Kozielewski geboren worden. Seine Biografie ist so abenteuerlich, dass sie beinahe wie ein Thriller à la Hollywood anmutet. In die Geschichte ging aber Jan Karski vor allem als der Mann ein, der den Holocaust stoppen wollte. Sein Heldenmut führte ihn über Umwege in den Westen, in das gelobte Land der Freiheit. Dort sollte er seine Geschichte erzählen, so unfassbar, dass sie ungehört blieb und schließlich Jan Karski zum Schweigen brachte. Ein Schweigen, das bis zu dem Tag anhielt, an dem der Regisseur Claude Lanzmann Karski zu einem Interview für seinen Film „Shoah“ überredete, ein Dokumentarfilm von 1985 über die Erinnerungen an den Holocaust.

Diplomat im Dienst der Nation

Doch beginnen wir erst einmal der Reihe nach an: Łódź, eine Stadt der vier Kulturen – jüdisch, deutsch, polnisch und russisch – wirkte sich prägend auf Karski aus. Eine innige Verbundenheit, die er 2000 in Łódź kundtat, nach dem ihm dort die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde:

„Im Geist bin ich nie fortgegangen. Ohne das Lodz von damals hätte es den Karski von heute nie gegeben.“ (Geazeta Wyborcza, 16. Mai 2000).

Vom Wunsch beseelt, Diplomat zu werden, zog Karski 1931 nach Lviv, um hier Jura und Diplomatie zu studieren. Es folgten erste Erfahrungen im diplomatischen Dienst in Opole und in Deutschland und eine Offiziers-Ausbildung in der Kadettenschule in Włodzimierz Wołyński – in der heutigen Ukraine – die seinen Werdegang abrundeten. Bereits mit 25 startete der ambitionierte Karski seine Karriere im Außenministerium.

Zwischen Euphorie und Eskalation

Polen in der Zwischenkriegszeit war ein sensibles Konstrukt: patriotisch, dynamisch und jung. Nach der 1918 frisch wiedererlangten Unabhängigkeit war Polen unter Józef Piłsudski im Begriff sich zu konstituieren und nach der Teilung die drei unterschiedlichen Rechts-, Verkehrs- und Bildungssysteme zusammenzuführen. All diese Reformen liefen vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, hoher Arbeitslosigkeit, Probleme mit ethnischen Minderheiten und dem Antisemitismus ab. Dazu zog die Geburt eines neuen Nationalstaates Konflikte bei der Grenzziehung nach sich, weshalb Polen während dieser Zeit mit allen Nachbarn für eine kurze Zeit im Krieg war. Inmitten dieser instabilen Jahre befand sich Karski, erfüllt von Patriotismus und Optimismus stand er diesen Entwicklungen blind entgegen.

Verlorene Illusionen

Die Ereignisse überschlugen sich. Karski musste Warschau verlassen, das Regiment in Oświęcim als zweiter Leutnant aufsuchen und das Land verteidigen. Der Überraschungseffekt, den der Molotov-Ribbentrop-Pakt bezweckte, führte dazu, dass Karski und sein Regiment auf dem Weg ins östliche Tarnopol von der sowjetischen Armee gefangen genommen und in das Kriegsgefangenenlager nach Kielce überführt wurden. Die einstige Welt, die für Karski einen klaren Weg in den diplomatischen Dienst vorsah, war mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 ins Wanken geraten:

„In den letzten zweieinhalb Wochen hatten wir so viel geistiges und emotionales Leid erlitten, wie ein Mensch nur ertragen kann. Physisch waren wir vergleichsweise wenig beeinträchtigt. Aber der deutsche Blitzkrieg hatte unseren Verstand und unsere Gefühle aus dem Gleichgewicht geworfen, uns verwirrt und dermaßen fassungslos und ratlos gemacht, dass wir kaum noch begriffen, was passierte.“

Kurz vor dem sowjetisch-deutschen Kriegsgefangenenaustausch gelang es Karski, seine Offizierskleidung gegen die eines einfachen Soldaten zu tauschen, um so einem Transport nach Katyń auszuweichen. Und damit einem Schicksal, dem 25.000 Offiziere und andere ranghohe Repräsentanten ausgeliefert waren.

Als Agent auf Achse

Auf dem weiteren Weg der deutschen Gefangenschaft gelang es Karski aus dem fahrenden Zug zu springen und zu Fuß Warschau zu erreichen. Hier beginnt ein neues Kapitel im Leben Karskis. Er schließt sich dem polnischen Untergrund an. Seine diplomatische Ausbildung prädestinierte ihn die Rolle des Kuriers einzunehmen. Als Agent im Auftrag der Untergrundregierung reiste er in vielen Missionen quer durch Europa, um Regierungsmitglieder im Exil mit wichtigen Informationen zu versorgen. In den Jahren der Okkupation entstand eine Netzwerkstruktur, an der auch Karski beteiligt war. Die Gefahr, auf solchen Reisen entdeckt zu werden, schwang immer mit. Die Identität des Witold Kucharkis legte er bei einer späteren Mission zum Schutz ab und erhielt stattdessen den Decknamen Jan Karski. Diesen Namen behielt er bis zum Schluss.

Bei der dritten Mission traf das schlimme Szenario ein: Karski wurde 1940 von der Gestapo in der Slowakei verhaftet. Es begann ein Martyrium, das er mit einem Suizid beenden wollte, um die Geheimnisse des Untergrunds während der Folter nicht zu verraten. Er überlebte den Selbstmordversuch und wurde durch eine Rettungsaktion des polnischen Untergrunds aus dem Krankenhaus in Nowy Sącz befreit.

Zeitzeuge des Warschauer Ghettos

Ein unbeschreiblicher Wille und Patriotismus trieben Karski an, für das größere Wohl seiner Nation zu kämpfen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich nach einem Treffen mit zwei Aktivisten der jüdischen Untergrundbewegung, Leon Feiner und Menachem Kirszenbaum, die Mission erweiterte: Karski sollte sich sein eigenes Bild von der existenziellen Lage der Juden im Ghetto machen. Es war ein prägendes Erlebnis, denn er wurde Zeuge des Elends und des Leids: Hunger, Exekutionen und Unmenschlichkeit brannten sich in sein Gedächtnis ein, das er der restlichen Welt übermitteln musste. Mit diesem Wissen im Gepäck und den kostbaren Mikrofilmen, die er in einem Schlüssel versteckte, reiste Karksi im Herbst 1942 über Umwege nach London, dem Sitz der polnischen Exilregierung.

Ranghohen Persönlichkeiten wie dem Ministerpräsidenten der Polnischen Exilregierung Władysław Sikorski, dem britischen Ministerpräsidenten Anthony Eden oder dem britischen Kriegsminister Henry Stimson, übermittelte Karski Informationen über die Strukturen und die Funktionsweise des polnischen Untergrunds und natürlich den Bericht über die systematische Vernichtung der Juden. Doch selbst eine Zusammenkunft im Juli 1943 mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt brachte der Mission keinen Impuls, denn die Alleierten intervenierten nicht.

Der Bericht an die Welt

Allen Rückschlägen zum Trotz arbeitete Karski an einem Drehbuch, dass die Unwissenheit der restlichen Welt aufklären sollte. Doch es reichte nicht aus. Das Filmprojekt scheiterte. Karski blieb ein letztes Medium übrig, dass als Sprachrohr fungieren sollte: er verarbeitete seine Erlebnisse in einem Buch, das 1944 unter dem Titel „The Story of a secret State“ in einer großen Auflage erschien. Dass dieses Unterfangen ihm schwer fiel, spricht Karski direkt in seinem Bericht an:

„Die Erleichterung, endlich im Ausland und ein freier Mann zu sein, hielt nur kurz an – so lange bis ich anfing, an meinem Bericht zu arbeiten. Von da an spürte ich, wie alle meine Gedanken und Gefühle nach Polen zurückkehrten. Und das bleib bei all meiner Arbeit so. Immer, wenn ich damit beschäftigt war, mein Wissen über die Ereignisse in Polen weiterzugeben, fühlte ich mich unweigerlich, als würde ich alles noch mal durchleben, als tauche ich wieder, von der Gestapo verfolgt, in die von Leiden geprägte Atmosphäre des Untergrunds ein.“

Und hier schließt sich der Kreis. Damit begann das lange Schweigen des Jan Karski. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der weltweiten Anerkennung seiner Leistung blieb Jan Karski in den Vereinigten Staaten, studierte und lehrte an der Georgetown University in Washington Osteuropäische Geschichte. Ein Held, dem 1995 der Orden des Weißen Adlers von Lech Wałęsa überreicht und posthum von Barack Obama die Medaille des Friedens verliehen wurde. Einer, der sich mit seinem späten Ruhm schwer tat und den Schuldgefühle bis ans Ende seines Lebens plagten.

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt – Geschichte eines Staates im Untergrund. Übersetzt von Franka Reinhart, Ursel Schäfer. Beitrag von Céline Gervais-Francelle.
ISBN 978-3-88897-705-3

€ 28,00 [D]

 

 

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