Der Warschauer Aufstand in Berlin

Die Ausstellung Der Warschauer Aufstand 1944 in Berlin auf dem Gelände der Topografie des Terrors (c) H. Fehlberg

Die Ausstellung Der Warschauer Aufstand 1944 in Berlin auf dem Gelände der Topografie des Terrors (c) H. Fehlberg

(Berlin, HF) Am 29. Juli 2014 wird in Berlin eine außerordentlich bedeutungsvolle Ausstellung als deutsch-polnisches Kooperationsprojekt an einem der wichtigsten Erinnerungsorte in Deutschland von den Staatspräsidenten der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland, Bronisław Komorowski und Joachim Gauck, gemeinsam eröffnet werden. Beide haben zusammen auch die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen.

Das polnische Museum des Warschauer Aufstands (Muzeum Powstania Warszawskiego) wird aus Anlass des 70. Jahrestages des am 1. August 1944 begonnenen Aufstandes gegen die deutschen Besatzer am Ort der früheren Zentralen der SS, der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) die Ausstellung „Der Warschauer Aufstand 1944“ zeigen. Sie wird vom 30. Juli bis zum 26. Oktober 2014 zu sehen sein.

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler hatte hier seinen Sitz und auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich das Reichsluftfahrtministerium Görings. Das Gelände der neuen Ausstellung war, wie das Polnische Kulturinstitut in Berlin schreibt, „ein Ort, an dem das Schicksal Warschaus und seiner Einwohner besiegelt wurde, als man den Beschluss zur totalen Zerstörung der Hauptstadt eines großen europäischen Staates fasste.“

Erstklassiges Begleitprogramm

Begleitet wird die Präsentation von einem interessanten und prominent besetzten Programm, für das die deutsche Stiftung „Topografie des Terrors“ mitverantwortlich zeichnet. Neben einem Vortrag des bekannten britischen Historikers und Buchautors Norman Davies (God’s Playground. A History of Poland. 1981) werden der polnische Historiker, Politiker und Publizist Władysław Bartoszewski (1859 dni Warszawy; Die 1859 Tage [der deutschen Besetzung] Warschaus, 1974) sowie Zeitzeugen sprechen. Podiumsdiskussionen und Spielfilme zum Thema tragen zum Verständnis des im deutschsprachigen Raumes, trotz seiner besonderen Bedeutung für das Nachbarland Deutschlands, noch zu wenig bekannten Aufstandes bei. Gezeigt werden der Film Der Kanal (Kanał, 1957) von Andrzej Wajda sowie Eroica – Polen 44 (Eroica, 1958) von Andrzej Munk.

Die Ausstattung der Ausstellung

Tafeln der Ausstellung Der Warschauer Aufstand 1944 (c) H. Fehlberg

Tafeln der Ausstellung Der Warschauer Aufstand 1944 (c) H. Fehlberg

Die Ausstellung befindet sich in den wieder ausgegrabenen überdachten Folterkellern der damals von der Gestapo genutzten ehemaligen Berliner Kunstgewerbeschule und dem anschliessenden Gebäude des Hotels Prinz Albrecht, in dem die SS ihren Sitz hatte. Sie trugen vor dem Krieg die gefürchtete Adressen „Prinz-Albrecht-Straße 8 und 9“. Auf über 40 großformatigen in Deutsch und Englisch beschrifteten und bebilderten Tafeln sowie mit wenigen Ausstellungsstücken, wie z.B. einem von den Aufständischen selbst angefertigten Gewehr, spannt die Ausstellung in zwölf Kapiteln den Bogen der Geschichte des Aufstandes vom Überfall auf Polen bis zu den Konsequenzen für die Warschauer und ihre Stadt. Am Ende der Ausstellung wird noch ein Blick auf das „wie ein Phönix aus der Asche“ wiederauferstandene Warschau geworfen.

Die Gliederung der Ausstellung

Die Themen der Ausstellung lauten: Warschau, die Hauptstadt Polens; Überfall auf Polen; Deutsche Terrorpolitik; Der Polnische Untergrundstaat; Kampf um die Freiheit; 01.08.1944 – Warschau erhebt sich; Aufständische Republik; Die Henker von Warschau; Im Würgegriff Stalins; Untergang einer Stadt; Im Schatten von Jalta sowie Phönix aus der Asche.

Am Ende des rund 150 m langen Weges durch die Geschichte des Aufstandes kann man den auch im Warschauer Aufstandsmuseum gezeigten computeranimierten Film „Stadt der Ruinen“ (Miasto ruin) in einem abgedunkelten Raum sehen. In ihm wird bei einem virtuellen Flug über Warschau 1944 das ungeheure Ausmaß der Stadtzerstörung gezeigt.

Warschauer Gedenken an die Opfer und ihre Taten

Erster August 2012 auf dem Friedhof Powążki in Warschau (c) H.Fehlberg

Erster August 2012 auf dem Friedhof Powążki in Warschau (c) H.Fehlberg

Jedes Jahr wird am 1. August auf dem Warschauer Powązki-Heldenfriedhof unter Teilnahme der Regierungsspitzen, ehemaliger Kämpfer, des Militärs und zahlreicher Warschauerinnen und Warschauer jeden Alters der Jahrestag des Aufstandsbeginns begangen und es werden die Gefallenen geehrt. Pfadfinder in der Kleidung der Aufständischen vermitteln eine emotionale Nähe zu den Ereignissen. Regelmäßig kommt es in den letzten Jahren aber aus politischen Gründen während der Rede des polnischen Präsidenten oder des Regierungschefs in emotional aufgeheizter Atmosphäre zu Störmanövern durch die nationale Rechte.

Die Verbrechen der SS

Die Ausstellung ist auch deshalb so bedeutungsschwer, weil sie am Ort der früheren SS-Zentrale stattfindet. Die SS spielte eine verachtenswerte und dominierende Rolle bei der Niederschlagung des Aufstandes. Wie das Deutsche Historische Museum (DHM) auf seiner Webseite schreibt, verübten während ihres Einsatzes vor allem SS- und Polizeieinheiten zahllose Massaker. Der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS und Polizei Heinz Reinefarth (1903-1979) war unmittelbar nach Beginn der Kämpfe von Heinrich Himmler aus Posen nach Warschau beordert worden, um den Aufstand niederzuschlagen. Seine aus verschiedenen SS- und Polizeieinheiten zusammengestellte „Kampfgruppe Reinefarth“ erschoss besonders in den ersten Tagen des Aufstandes Tausende Zivilisten.

Standbild aus dem computeranimierten Film "Stadt der Ruinen"

Standbild aus dem computeranimierten Film „Stadt der Ruinen“

Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes ermordete die zur „Kampfgruppe Reinefarth“ gehörende „Sturmbrigade Dirlewanger“ mit anderen SS-Einheiten allein am 5. August 1944 in den Stadtteilen Ochota und Wola bis zu 15.000 Zivilisten. Insgesamt wurden zwischen dem 1. und 5. August in den beiden Stadtteilen bis zu 50.000 Zivilisten Opfer der Mordaktionen.

Am 5. August 1944 übertrug Himmler dem SS-Obergruppenführer und General der Polizei Erich von dem Bach-Zelewski (1899-1972), der in den besetzten sowjetischen Gebieten den rücksichtslosen Kampf gegen Partisanen organisiert hatte, den Oberbefehl der deutschen Einheiten zur Niederschlagung des Warschauer Aufstandes.

Der Warschauer Aufstand 1944

Vorbereitung von Filmaufnahmen zum Warschauer Aufstand 2013 (c) H. Fehlberg

Vorbereitung von Filmaufnahmen zum Warschauer Aufstand 2013 (c) H. Fehlberg

Gemäß dem DHM entfachte angesichts des Vorrückens der sowjetischen Verbände in der Sommeroffensive 1944 bis vor die Tore Warschaus die nationalpolnische Heimatarmee (Armia Krajowa) – unterstützt von weiteren Untergrundgruppen wie der kommunistischen Volksarmee (Armia Ludowa) – am 1. August 1944 einen Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Die rund 40.000 Soldaten der Armia Krajowa unter Führung von General Graf Tadeusz Komorowski (1895-1966) versuchten, die polnische Hauptstadt vor dem Einmarsch der Roten Armee aus eigener Kraft zu befreien. Eine siegreiche Erhebung gegen die deutschen Besatzer sollte das Symbol eines starken und künftig unabhängigen Polen sein.

Der Ghettoaufstand in Warschau im Jahr 1943

Das Gebiet des Warschauer Ghettos auf einer Gedenktafel (c) H. Fehlberg

Das Gebiet des Warschauer Ghettos auf einer Gedenktafel (c) H. Fehlberg

Nicht zu verwechseln ist der Warschauer Aufstand mit dem ein Jahr zuvor von Warschauer Juden begonnenen Ghettoaufstand gegen die deutschen Besatzer. Dieser ebenfalls verzweifelt und mutig geführte Aufstand führte nach seiner Niederschlagung zur Deportation und teilweise zur Ermordung der jüdischen Bewohner Warschaus sowie zur vollständigen Zerstörung des Ghettos.

 

Ausstellung „Der Warschauer Aufstand 1944“
Im Außenraum des Ausstellungsgeländes „Topografie des Terrors“
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
30. Juli bis 26. Oktober 2014
Eintritt frei
Englischsprachige Webseite zum Warschauer Aufstand
http://www.topographie.de/seminare/der-warschauer-aufstand-1944/

Das Museum des Warschauer Aufstandes

Das Museum wurde zum 60. Jahrestag des Ausbruchs der Kämpfe in Warschau im Jahr 2004 eröffnet. Es befindet sich in einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Straßenbahn, einem Denkmal der Industriekultur, im Zentrum Warschaus. Während der ersten zehn Jahre seines Bestehens kamen mehr als 4,6 Millionen Besucher in das Museum, das mehr als 30.000 Sammlungsstücke beherbergt, von denen 1000 in den Räumen gezeigt werden. Gemäß einer touristischen Untersuchung steht ein Besuch des Museums bei einem Warschaubesuch von Polinnen und Polen an erster Stelle. Eine besondere Bedeutung besitzt das im Museum befindliche Archiv Gesprochener Geschichte (oral history archive), in dem Zeitzeugen ihre Erfahrungen mit dem Warschauer Aufstand zu Protokoll gegeben haben.

 

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