Deutsch-Polnische Begegnung: Zu jugendfixiert?

Jugendbegegnung Polen-Deutschland. Foto: CBI e.V.

Eine deutsch-polnische Begegnung - mit Jugendlichen

(Kolobrzeg, JW) Redaktionsalltag bei Polen.pl: Wir werden auf Angebote deutsch-polnischer Begegnungen aufmerksam gemacht. Gerne weisen wir auf dieser Seite auf solche Veranstaltungen hin (zum Beispiel am 17. Februar, zu WorkcampsWorkshops und Seminaren (Mai), Projekten (Juni)). Aber zu unseren Leserinnen und Lesern gehören Menschen aller Altersguppen – die meisten der deutsch-polnischen Begegnungen richten sich jedoch nur an Menschen bis 26 Jahre. Es geht also fast immer um Jugendbegegnungen. Immer wieder erreichen uns Nachfragen, ob es nicht auch etwas für Erwachsene gebe.

Etwas für Erwachsene?

Wir haben gesucht, und wenig gefunden: Ab und an taucht einmal eine Kulturreise auf, zum Beispiel von den nicht gerade vor Jugendlichkeit strotzenden Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Dann und wann ist eine Journalistenreise dabei, die schwerpunktmäßig von Menschen zwischen 30 und 50 gebucht wird. Akademische Veranstaltungen haben des öfteren keine Alterseinschränkungen und mancher Sprachkurs richtet sich nicht explizit nur an Jugendliche. Doch das sind Randerscheinungen. Zumeist finden wir unter ‚Zielgruppe‘ Sätze wie: „Richtet sich an Teilnehmer bis zum 26. Lebensjahr.“

26 Jahre ist die Grenze

Woher kommen diese 26 Jahre? Auch wenn manchmal noch jüngere Zielgruppen adressiert werden, hängt bei vielen Veranstaltungen die Altersgrenze an der Förderfähigkeit der Veranstaltungen. Und das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) ist nun einmal eine der interessantesten Förder-Institutionen. Dem Jugendwerk kann man nun beileibe nicht vorwerfen, hier jugendzentriert zu agieren: Dafür ist es nun einmal da, deswegen heißt es ja auch Jugendwerk und nicht Erwachsenenwerk. Oder gar Seniorenwerk. Doch Fakt ist: Hier gibt es sehr gute Fördermöglichkeiten für deutsch-polnische Projektarbeit mit einer guten Öffentlichkeitsarbeit und einem ziemlich transparenten Antrags- und Bewilligungsverfahren. Kein Wunder, dass die DPJW-Altersgrenze – die bei 26 Jahren liegt (siehe beispielsweise auf dieser DPJW-Seite zu Förderungsmöglichkeiten) – in so vielen Projektausschreibungen auftaucht.

Das DPJW ist nun auch nicht endlos mit finanziellen Mitteln ausgestattet, doch zählt es zu einem der ‚Big Spender‘ auf dem Marktplatz der deutsch-polnischen Begegnung. Doch es gibt auch andere Förderer.

Was gibt es noch?

Da wären zum Beispiel die Deutsch-Polnischen Gesellschaften, die bundesweit im ‚Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband e.V.‚ vertreten sind. Zwei Probleme plagen diese Institutionen: Das eine betrifft die Nachwuchssorgen in den regionalen Verbänden, das andere die finanzielle Ausstattung. Gefördert wird daher von den Deutsch-Polnischen Gesellschaften so gut wie nicht, angeboten werden kleinere Veranstaltungen vor Ort; zum Beispiel Lesungen, Konzerte oder Diskussionsforen. Auf regionaler Ebene kann es hier zu deutsch-polnischer Begegnung kommen, auch die von Zeit zu Zeit angebotenen Kulturreisen könnten dem dienen. Rein quantitativ reicht die Zahl der Angebote jedoch nicht an die Angebote für Jugendliche heran – so lobenswert die Aktivitäten auch sind. Wer aber ein Betätigungsfeld sucht und Interesse an Deutsch-Polnischer Begegnung hat, sollte sich einmal erkundigen, ob es in der eigenen Stadt vielleicht eine Deutsch-Polnische Gesellschaft gibt. Engagement kann sich hier lohnen, als reiner ‚Teilnehmer‘ ist man allerdings wohl zurzeit fehl am Platze.

Eine weitere wichtige Institution, die auch finanziell als gut situiert bezeichnet werden kann, ist die ‚Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit‚ (SpdZ), Auf Polnisch ‚Fundacja Współpracy Polsko-Niemieckiej‘ (FWPN). Diese Organisation, die auch Begegnungsprojekte fördert, tritt seit einigen Jahren aktiv im Begegnungsmarkt auf; bevorzugt jedoch mit eigenen Projekten. Die Stiftung hat ihr Geld aus den Rückzahlungsverpflichtungen Polens für den ‚Jumbo-Kredit‘ der Bundesrepublik Deutschland aus den 80er-Jahren. Allerdings fördert die Einrichtung aufgrund eigener Reglements in nur vier Schwerpunktbereichen. Darunter sind Partnerschaften von Institutionen, Regionen und Städten, wissenschaftliche Arbeiten, Journalismus und Medien sowie Kultur (wie Kunst, Theater und weiteres). Theoretisch werden somit auch altersunabhängige Begegnungsprojekte gefördert, nach eigenem Bekunden der Stiftung gerade die, die nicht durch das DPJW unterstützt werden. Nach unserer Wahrnehmung ist die Quantität der Projekte – was allerdings auch nicht unbedingt verwundert – geringer. Dazu kommt eine starke thematische Ausrichtung auf wissenschaftliche und medienbezogene Projekte, zumindest nach unserem Eindruck der in den vergangenen Monaten als gefördert genannten Projekte.

Neben diesen ‚Schwergewichten‘ in Sachen deutsch-polnischer Begegnung gibt es natürlich noch zahlreiche regionale Initiativen, die aber in der Regel weder über das finanzielle oder personelle Volumen verfügen, ein umfangreiches Angebot an Treffen zwischen Polen und Deutschen auch außerhalb der Grenzregionen zu offerieren. Große Stiftungen wie etwa die Bundeskulturstiftung, die Volkswagen-Stiftung oder die Bosch-Stiftung stützen in diesem Bereich jedoch höchstens Einzelprojekte.

Dann wäre da noch die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ), die allerdings ihrem Selbstverständnis nach eben auch auf sehr junge Zielgruppen schaut. Die Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS), die selbstverständlich ihrem Ansinnen folgend Studierende im Fokus hat; der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) in Polen natürlich ebenso.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau sind sehr aktiv im Bereich politischer Themen, was nicht wundert. In Form von Konferenzen und Workshops gibt es eine Reihe von Angeboten, die allerdings auch einen engeren Adressatenkreis haben. Nichtregierungsorganisationen werden zusätzlich von der die Heinrich-Böll-Stiftung gefördert. Aber: Allgemeine Begegnungsthemen von Erwachsenen sind auch hier Fehlanzeige.

Da bliebe noch die ‚Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‘ (evz) mit Sitz und Berlin und einem auftragsgemäß historischen Fokus. Insbesondere Themen wie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die Stärkung der Menschenrechte und die Vielfalt der Geschichte sind in den Förderungsausschreibungen zu finden.

Annäherung an Polen nur für Jugendliche?

Also bleibt es dabei: Gefördert wird die deutsch-polnische Annäherung primär für Jugendliche und Kinder sowie für – meist akademisches – Fachpublikum?  Es scheint so. Bis auf eine recht überschaubare Anzahl von Ausnahmen allgemeiner Begegnungsangebote für erwachsene Menschen oder auch Menschen im Rentenalter, setzen die Begegnungsförderer auf die Jugend. Und die Wissenschaft. Das ist grundsätzlich natürlich nachvollziehbar, weil hier die meisten Multiplikatoreneffekte und die nachhaltigste Wirkung der Programme zu erwarten ist, doch ist das nicht insgesamt etwas einseitig?

Das ideale Programm

Wie müsste es denn aussehen, das ideale Programm für die – nennen wir sie nun einmal – ‚erweiterte Zielgruppe deutsch-polnischer Begegnung‘? Die Frage ist eine Falle, denn hier wird es kompliziert: Jugendprogramme sind noch relativ einfach zu stricken, was keineswegs den Aufwand in Frage stellen soll oder die Verdienste schmälern soll. (Anmerkung in eigener Sache: Auch ich als Autor dieses Artikels war längere Zeit im deutsch-polnischen Jugendaustausch aktiv).

Die Rahmenbedingungen bei Jugendlichen und Studierenden sind recht klar. Schule und Universität sind berechenbare Partner und bieten Programmen zur persönlichen Weiterentwicklung der Schüler und Studierenden einen festen Raum. Bei oftmals in stabilen Arbeitsverhältnissen tätigen Erwachsenen nach der Ausbildung sind allein die Herausforderungen, passende Termine zu finden und ein räumlich erreichbares Angebot zu gestalten, eine Mammutaufgabe. Dazu kommen die erheblich heterogeneren Interessen thematischer und organisatorischer Art. Im Gegensatz zu beispielsweise Studenten des Fachs Geschichte ist es bei Erwachsenen schon viel schwieriger, eine thematische Klammer zu finden.

Aufgegeben?

Könnte dies auch ein Grund sein, dass die Begegnungsprojekte für Erwachsene und ältere Menschen in der Priorität der Akteure so weit nach hinten gerutscht sind? Das könnte schon sein, denn auch bei den Förderern und Durchführern ist man auf effiziente Mittelverwendung aus. Und die Effekte einer Jugendbegegnung sind mit hoher Wahrscheinlichkeit höher als zum Beispiel bei einem ersten Annäherungsversuch zwischen erwachsenen Menschen aus Bayern und Śląskie (Schlesien).

Ich denke, dass dies dennoch der falsche Weg ist. Insbesondere, wenn ich mir noch einmal die Gedanken des polnischen Botschafters in Deutschland vor Augen führe (siehe Beitrag vom 16. August 2011), wonach es an gegenseitigem Interesse mangelt. Es kann intelligente Programme geben, die auch die Annäherung in anderen als jugendlichen und akademischen Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Dabei denke ich zum Beispiel an Vor-Ort-Programme im Rahmen von touristischen Aktivitäten in Polen und Deutschland. Kann man denn nicht die mittlerweile erhebliche Anzahl Urlaubs- und Ferienreisender Personen aus Deutschland in die polnischen Großstädte oder an die Ostsee- und Gebirgsorte nutzen, dort mit Begegnungsangeboten über das zufällige Treffen im Schwimmbad hinaus das gegenseitige Interesse zu fördern? Oder wäre es nicht denkbar, die Neugier der Menschen, die in Deutschland zu Ausstellungen und Konzerten mit polnischem Bezug gehen, zu nutzen – zum Beispiel für ein niedrigschwelliges Reiseangebot in das heutige Polen?

Ideen sind vermutlich das kleinste Problem. Das Problem ist eher, dass es noch keine Strukturen zur Förderung und Durchführung solcher Dinge gibt. Wäre es nach über zwanzig Jahren Jugendförderung in der deutsch-polnischen Begegnung nicht an der Zeit, nun weitere Zielgruppen anzusprechen?

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