Deutsche interessieren sich nicht für Polen

Universität Warschau, Campus. Foto: Polen.pl (JW)

Die Universität Warschau war Veranstaltungsort der Konferenz Polenorientiert

(Berlin, JW) ‚Warum interessieren sich Deutsche für Polen?’ Diese Frage sollte auf eine Konferenz neugierig machen und fand sich daher in großer Schrift auf der Internetseite, den Broschüren und sogar Schlüsselbändern der Veranstaltung, die am ersten Aprilwochenende stattfand. Zwecks Beantwortung dieser auf den ersten Blick kaum Rätsel aufgebenden Erkundung hatte eine deutsch-polnische Wissenschaftsorganisation nach Warschau eingeladen.

Um diese Antworten zu geben und zu diskutieren, kamen rund 50 Menschen an die Warschauer Universität.

Eine gute Frage für eine dreitägige Veranstaltung? Scheinbar nicht, denn in beinahe allen Beiträgen wurde deutlich, dass es ein klares Ungleichgewicht zwischen dem Interesse der polnischen Bevölkerung an Deutschland und dem Interesse in Deutschland an Polen gibt. Wenn alle das Gleiche antworten, wird die Antwort eigentlich langweilig.

Wie war also die Antwort? Kurz gesagt: Die Deutschen interessieren sich eigentlich gar nicht für Polen. Jedenfalls nicht besonders, und wenn, dann nur, um sich über ‚die Polen’ aufzuregen oder, ganz eigennützig, mit ihnen Geschäfte zu machen. Von Langweile war auf der Konferenz hingegen keine Spur: Die Debatte um die Fragen warum das so ist, ob das so richtig ist und was man – gesetzt den Fall, man hält es für nicht richtig – dagegen tun kann, machte das Symposium zu einem potenziellen Anstoßgeber für ganz neue Ansätze im deutsch-polnischen Verhältnis. So viel vorweg: Die nicht ganz unprovokative Frage der Veranstalter war eine gute Idee.

Schaut da wer nach Polen?

Logo der Konferenz Polenorientiert. Quelle: Polenorientiert.pl

Das Logo der Konferenz

Unter dem vielsagenden und gleichzeitig Fragen aufwerfenden Titel der Konferenz differenzierten die Teilnehmer in wissenschaftlichen und persönlichen Bewertungen die Antworten auf die Kernfrage sehr viel genauer, als es unsere Einleitung darstellt. Ausgangspunkt dafür war eine kleine Provokation der Organisatoren. Über die Frage, warum sich Deutsche für Polen interessieren, hatte man als Titel selbstbewusst ein ‚Polenorientiert’   gesetzt. Sogar ohne Fragezeichen und stattdessen mit einem stilisierten Gesicht mit Blick auf das Wort ‚Polen’.

Die Behauptung, die man in dieses stilistische Spiel im Logo legen kann, ist klar: ‚Deutsche interessieren sich für Polen’. Doch dem wurde erst einmal radikal widersprochen; höchstens einer verschwindenden Minderheit in Deutschland attestierte beispielsweise das Podium der Eingangsdiskussion ein ‚Poleninteresse’ oder gar eine ‚Polenorientierung’. Und, das machte die in der deutsch-polnischen Szene hochkarätig besetzte Diskussionsrunde implizit deutlich: Ein wesentlicher Teil dieser besonders engagierten Minderheit säße quasi schon im Publikum. Die Zahl der tatsächlich an Polen interessierten Menschen, das zeigt diese Zuspitzung, ist in Deutschland überschaubar.

Im Diskussionspodium zur Eröffnung saßen übrigens der ‚Welt’-Korrespondent aus Warschau, Dr. Gnauck, ein Redakteur der anerkannten polnischen Zeitung ‚Polityka’, Krzeminski,  der Direktor des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) Moras und mit Dr. Oberschmidt der Direktor des Akademischen Auslandsdienstes (DAAD). Im Publikum befanden sich zahlreiche Austauschstipendiaten aus Deutschland und Polen, einige Interessenten für solche Programme sowie manche aus anderen, etwa privaten, Gründen interessierte Menschen. Niemand also, dem man ein Interesse an einem Desinteresse an Polen zusprechen könnte.

Verschiedene Perspektiven, ein Ergebnis

Wiederkehrender ‚tägliche Murmeltiergruß’ der Veranstaltung war die Antwort auf die Frage, ob es eine eindeutige Neigung der Interessenswaage zwischen Deutschland und Polen gäbe. Ob aus Sicht der Wirtschaft, der Soziologie, der Kulturwissenschaften oder dem Universitätsbetrieb ist das Ergebnis ziemlich eindeutig: Die Asymmetrie besteht – und die Waagschale voller Interesse und Orientierung hängt gewaltig höher in Deutschland als in Polen. Der überhebliche Blick des Elefanten Deutschland auf die Maus Polen stoße zwar manchmal an historische Pfeiler und hole sich dabei den einen oder anderen blauen Fleck. Aber den bemerke so ein vergleichsweise unsensibles Elefantenbein kaum, während es mit dem Rüssel ein fröhliches außenpolitisches ‚Unsere Partnerschaft hat sich doch gut entwickelt’ gen Polen schmettert und sogleich wieder im Westen politische Morgenluft wittert.

Leider gibt es offenbar auch keinen Anlass zur bedingungslosen Hoffnung, dass sich das bald ändert. Ein viel gehörtes Plädoyer auf Tagung war folglich: ‚Es muss noch etwas getan werden’. Vor allem in Bezug auf das gesellschaftliche Interesse, das separat von politischen Sonntagsreden zu bewerten ist und sich unter anderem im Verhalten der Menschen und in der Qualität und Quantität des Umgangs der deutschen Medien mit Polen widerspiegelt.

Polenblindheit

Dass Deutschland nach Westen schaut ist nichts Neues. Polen tut das auch. So ergibt sich ja die Asymmetrie zwischen den Nachbarländern. Dass sich ein Nachbarland für das andere so wenig interessiert wie Deutschland für Polen, ist allerdings zwischen Nachbarn ungewöhnlich. Wären die Länder Reihenhäuser: Das wäre so, als würde man ignorieren, dass der Nachbar sein Häuschen um ein Stockwerk erhöht – oder gar zur Party einlädt. Jedenfalls wäre ein Ignorieren nicht besonders intelligent. Eindeutig ist es so, dass in Polen generell ein großes Interesse an den Geschehnissen in Deutschland besteht. Umgekehrt ist das nicht der Fall, wie man beispielsweise an den Nachrichtenmeldungen der Zeitungen oder Fernsehsender ablesen kann: Arbeitslosenzahlen aus Polen – zum Beispiel – schaffen es beinahe nie in die deutschen Medien; die entsprechenden Werte aus Deutschland werden in Polen regelmäßig berichtet.

Die Thesen ‚Die Deutschen wissen so gut wie nichts über Polen’ und ‚Ein Interesse an Polen wird in Deutschland auf absehbare Zeit keine Breitenbewegung’ geben Menschen, die im deutsch-polnischen Kontext arbeiten, natürlich erst einmal zu denken. So geschah es auch, denn genau solche Menschen nahmen an der Konferenz teil. Es waren nicht nur Wissenschaftler, die sich dem Thema mit ihrer jeweiligen Methodik und ihren disziplinbezogenen Zugängen näherten, sondern auch Praktiker, die aus Erfahrungen und mit Prognosen diesen bedenklichen klingenden Zustand untersuchten. Nicht immer gab es fertige Antworten, doch immer intelligente Denkanstöße, Ideen und Ansätze, sich dem Problem und eventuellen Lösungen zu nähern.

Die Asymmetrie ist kein Mythos

Ein Verdienst der von der studentischen Organisation professionell durchgeführten Konferenz ist, dass nicht im faktenlosen Raum diskutiert wurde: Zahlen zu den theoretisch beschriebenen Ungleichgewichten im gegenseitigen Interesse zeigten die Brisanz des Themas. So ist etwa die höhere Importquote Polens aus Deutschland im Vergleich zum umgekehrten Weg an sich noch kein Indiz für ein ungleiches Verhältnis. Dies wurde von Dr. Andreas Bielig in einem ökonomischen Einführungsreferat verdeutlicht. Die Tatsache aber, dass Deutschland für Polen in den Bereichen Warenimport oder Tourismus jeweils der wichtigste Partner ist, Polen für Deutschland aber erst unter ‚ferner liefen’ einsortiert wird, macht die geringe Relevanz Polens für Deutschland aus rein ökonomischer Perspektive ein wenig deutlicher.

Ein weiteres Beispiel: Dass aus Polen mehrere Tausend Studierende in Deutschland lernen und demgegenüber nur eine sehr überschaubare Zahl von Studenten aus Deutschland sich für ein Studium in Polen entscheiden (469 Studenten mit deutschem Pass waren 2007 mit dem Erasmus-Programm in Polen),  gibt schon eher zu denken. Vor allem, wenn man das mit anderen Ländern vergleicht, die auch nicht zu den klassischen Zielen von studentischen Auslandsaufenthalten zählen. Über 16.000 Studierende zog es im gleichen Zeitraum in die Niederlande und immerhin knapp 7.000 nach Frankreich. Die Vermutung, dass unter den nicht einmal 500 ‚polenorientierten’ deutschen Studierenden auch eine große Zahl von polnischstämmigen jungen Menschen sind, wurde im soziologisch geprägten Beitrag René Sternbergs geäußert.

Nach Erfahrungen der wissenschaftlichen Austauschdienste gibt es drei Gruppen von deutschen Studenten in Polen: Zum ersten solche mit polnischen Wurzeln, zum zweiten Studierende, die sich im Studium mit Polen beschäftigen (etwa Polonisten oder Historiker) und zum dritten Menschen, die eher zufällige Gründe für ein Studium in Polen angeben. Die Vermutung Sternbergs liegt daher nahe.

Kontroversen löste dagegen das Thema ‚Sprache’ aus. Wurde einerseits moniert, dass entgegen mehr als 50 Prozent deutsch sprechenden Polen wohl deutlich unter zwei Prozent der Deutschen – trotz Emigranten aus Polen – sich auf Polnisch verstehen, so haderten manche Referenten doch mit dem Gedanken, die Sprachdifferenz durch Englisch als Weltsprache zu ersetzen oder eine breite Polnischinitiative an deutschen Schulen für realistisch zu halten.

Wohlstand als Auslöser

Die Tatsache, dass das Interessens-Ungleichgewicht noch relativ jung ist, lässt manchen auf die Idee kommen: Die Wirtschaft ist die Ursache. Tatsächlich hat Deutschland trotz des Zweiten Weltkriegs ökonomisch die bessere Position, noch. Polen hat – möglicherweise – ein hohes Potenzial. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen es keine solchen Ungleichgewichtsprobleme gibt, sind insbesondere Geschichte und Wohlstand beim Deutschland-Polen-Vergleich stark abweichend. Ersteres kann man nicht ändern, bei der Wirtschaft dagegen gehen die Meinungen auseinander: Referenten wie Piotr Teisseyre vertreten gar die These, dass im Zuge der großen Umwerfungen in Deutschland nach Finanzkrise, Atomdebakel und Wertediskussion der Blick nach Polen erfrischende Alternativen für Deutschland bedeuten könnten. Doch dazu fehlt vor allem, so die Teilnehmer, der Anlass und die Bereitschaft, auch einmal nach Osten zu schauen.

Wird Polen interessant?

Ob das Ungleichgewicht im Interesse ein Problem ist, wird kontrovers gesehen. Während die meisten bejahen, dass im Vergleich etwa zu Italien oder Frankreich Polen ein Imageproblem hat, gehen die Meinungen über die Veränderbarkeit dessen auseinander. So seien jahrelange Prägungen eines ‚grauen und moskauorientierten’ Polens nicht schnell und über eine Generation wegzuwischen, und eine beispielsweise der mediterranen Lebensart ähnliche anziehende Besonderheit scheint das – so eine These Dr. Kay Wagners – Deutschland in einigen Bereichen sehr ähnliche Nachbarland nicht aufzuweisen. Von einer Breitenbewegung einer Polenorientierung in Deutschland wäre demnach erst einmal nicht auszugehen. Allerdings: Sukzessive Veränderungen im Interesse der Deutschen an Polen gibt es natürlich und wird es auch weiter geben. Das ‚Man muss etwas tun’ gilt also auch in Sachen ‚Image’ beider Länder.

Forschungsprognose positiv

Die Unterstützer der Konferenz, die vom 31. März bis zum 3. April 2011 stattfand, etwa die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit (SDPZ), das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW), die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung und natürlich die Veranstalter, die GFPS (Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa) haben eine ideengebende Veranstaltung möglich gemacht. Ohne zu euphorisch werden zu wollen: Hat es die GFPS in der Vergangenheit geschafft, wichtige Akteure der heutigen Gesellschaft und Politik wie etwa Gabriele Lesser oder Jolanta Róża Kozłowska aus ihren Reihen hervorzubringen, so könnte das auch zukünftig gelingen: Wenn die Anstöße aus Tagungen wie diesen konsequent aufgenommen und weiter bearbeitet werden. Wenn auch diese Konferenz in vielen Bereichen erst einmal Anstöße für weitere Forschung und Analysen aufdeckte, wissenschaftliche Erkenntnislücken auslotete und mögliche Ursachen beschrieb, so ist damit ein wichtiger Schritt zu einem besseren Verständnis der Asymmetrien auf fachübergreifender Ebene geschafft.

Einzelne Themen der Konferenz werden wir daher detaillierter zusammenstellen und freuen uns auf eine interessante Diskussion auch ‚online’ auf Polen.pl.

Mehr Informationen zur Konferenz unter www.polenorientiert.pl

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