Deutsche ohne Interesse für Polen?

Polen: Messeauftritt mit vielen Broschüren. Foto: Polen.pl (JW)

Auch die vielen Broschüren auf dem Polen-Stand bei einer Messe lassen das Interesse an Polen nicht explodieren

(Kolobzreg, JW) Am dritten April diesen Jahres überschrieben wir einen Artikel noch mit der Aussage ‚Deutsche interessieren sich nicht für Polen‚. Diesmal haben wir zumindest ein Fragezeichen dahinter geschrieben. Aber zuerst eine Antwort auf die Frage, weshalb wir uns überhaupt noch einmal mit der Frage des Interesses der Deutschen an Polen auseinandersetzen: In einem – übrigens insgesamt bemerkenswerten Interview -, das auf der Plattform euractiv.de erschien, hat Marek Prawda, Botschafter der Republik Polens in Deutschland, einige interessante Aussagen zu diesem Sachverhalt getroffen. Damit würden wir gern die interne Diskussionen dazu und vor allem die mit unseren Lesern erneut eröffnen. Denn wir sind sicher, dass diese Frage noch lange nicht abschließend behandelt wurde.

Besser ein schlechtes Bild als gar keines?

Prawda verweist im Interview unter anderem darauf, dass es problematisch sei, dass viele Deutsche gar kein Bild von Polen haben. Diese Gleichgültigkeit würde Barrieren, Klischees und Vorurteile festigen. Selbst ein schlechtes Bild könnte die Menschen der beiden Nationen dazu motivieren, sich miteinander zu beschäftigen. Im anderen Fall würden nur die bekannten Bilder der Vergangenheit ohne aktualisierte Rückkopplung in die Zukunft fortgeschrieben. Prawda fordert daher Neugier und Bereitschaft ein, „sich mit den Augen der Nachbarn anzusehen“. Weiterhin verweist er darauf, dass man in Polen durchaus gute Erfahrungen damit gesammelt habe, zunächst den anderen zu verstehen, um „sich selber besser zu verstehen“.

Die Kritik an der deutschen Gleichgültigkeit Polens gegenüber geht noch einen Schritt weiter, als es die Vortragenden auf der Konferenz in Warschau im Frühjahr 2011 formulierten. Der Hinweis auf mangelnde Souveränität gleichgültiger Menschen kann negativ verstanden werden, aber auch als ‚Weckruf‘ an die Gruppen und Institutionen Deutschlands, die Einfluss auf die Informations- und Interessenslage der Menschen haben. Damit sind wir wieder bei einem Thema der Konferenz mit dem Titel ‚Warum interessieren sich Deutsche für Polen‘ und die dort vielfach geäußerte Kritik an den Journalisten in Deutschland, die sich Polen – wenn überhaupt – nur ausgesprochen einseitig nähern.

Selbstbewusstsein

Weiterhin weist Prawda in seinen Antworten auf ein anderes wichtiges Thema hin: Die tatsächlichen oder angeblichen Traumata sowie Motive Polens überlagerten, so lässt sich die Antwort lesen, die wirklichen Argumente der polnischen Seite. Am Beispiel der Ostsee-Pipeline, zu deren Ablehnung Polen die vielfältigsten Begründungen unterstellt wurden, nennt er schlichtweg ökonomische und energiesicherheitsbezogene Überlegungen, die jedoch von den Kommentatoren aus Deutschland meist unterschlagen wurden.

Was sich darin äußert, ist nach wie vor die Wahrnehmung Polens als ‚kleines, durchschaubares und nicht immer logisch agierendes Kind‘, dem man nicht all zu viel ernsthafte Aufmerksamkeit zollen muss. Prawda fordert die Akzeptanz als einer sachlich begründeten Meinung Polens ein – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch im politischen und journalistischen Betrieb in Deutschland scheint das noch nicht ganz angekommen zu sein. Mangels Interesse?

Mehr Informationen: Interview auf Euractiv.de und Beitrag auf Polen.pl zu ‚Deutsche interessieren sich nicht für Polen

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Jens

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*