Deutsche schlagen Polen?

Warschau Dom Partii Kommunisten Zentralkomitee PZPR Photo: Polen.pl (BD) 20111025(049)

Unweit der bekannten Palme in der Warschauer Innenstadt wurden die deutschen Demonstranten von der Polizei festgenommen.

(Toruń, JE) Es macht eigentlich keinen Spaß, diesem Thema noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Doch darüber zu schweigen, was am vergangenen Freitag in Warschau passiert ist, wäre auch nicht hilfreich. Um es klar zu sagen: Dass der polnische Unabhängigkeitstag in Straßenschlachten endete, ist nicht die Schuld deutscher Randalierer. Und trotzdem wird jetzt, vier Tage danach, in vielen Medien von „Deutschen, die Polen schlugen“ geredet. Das stimmt traurig.

Der Anlass 

Darum geht es: Am 11. November fand in Warschau der sogenannte Unabhängigkeitsmarsch organisiert von mehr oder weniger offen rechtsextremen Organisationen statt. Gleichzeitig lief eine Gegendemonstration der „bunten Unabhängigkeit“, eines Zusammenschlusses verschiedener zivilgesellschaftlicher Gruppierungen. Darüber hinaus versuchten die polnische Antifa und weitere antifaschistische Bewegungen, den Marsch der Rechten zu stoppen. Mit diesem Ziel reisten auch Antifa-Anhänger – die taz spricht vom „schwarzen Block“, also dem radikalen Kern der Bewegung – aus Deutschland bzw. weiteren Nachbarländern an. (Angeblich hatten die selbst ernannten ‚Patrioten‘ dafür ‚Unterstützung‘ ungarischer Rechtsextremer.) Die Polnische Antifa schreibt auf ihrer Homepage, die deutschen Antifaschisten seien auf ihre Einladung hin nach Warschau gereist.

Die Festnahme 

Was genau die deutschen Gäste allerdings während ihres Aufenthalts in der polnischen Hauptstadt machten, ist ebenso unklar, wie umstritten. Auf der einen Seite kursieren YouTube-Videos, die angebliche deutsche Randalierer zeigen sollen, wie sie auf Passanten einschlagen. Auf der anderen Seite sprechen polnische Zeitungen, wie auch die deutsche Antifa selber, davon, dass die Deutschen bereits vor Ausbruch der Krawallen gegen Mittag auf der Haupteinkaufsstraße Nowy Świat von der Polizei festgenommen wurden. Gazeta.pl gibt die Zahl der dort festgenommenen deutschen Staatsbürger zunächst mit 39 an, bei der Rzeczpospolita wird von „95 Ausländern, größtenteils Vertreter antifaschistischer Organisationen aus Deutschland“ gesprochen.

Der ‚Tatort‘

Die Rzeczpospolita berichtet weiter, dass im linksalternativen Klub Nowy Wspaniały Świat, in welchem die Polizei die ausländischen Antifaschisten letztendlich festsetzten, Holzstöcke, Pfeffergas und Sturmmasken gefunden wurden. Der bei Studenten und politisch Engagierten beliebte Klub könnte jetzt – auch wenn er beteuert, kein Treffen radikaler Demonstranten ausgerichtet zu haben – in Schwierigkeiten geraten. PiS-Angehörige des Stadtrates forderten laut Rzeczpospolita die Stadt auf, den Mietvertrag mit dem Betreiber, der Gesellschaft Krytyka Polityczna, zu kündigen. Der Bürgermeister verlangt Erklärungen.

Die Unklarheiten

Rätselhaft blieben die Gründe für die Festnahme. Haben die deutschen Antifa’ler vorher randaliert bzw. gar Menschen angegriffen oder aber wurden sie von polnischen Neonazis angegriffen und haben sich lediglich verteidigt, während die Polizei tatenlos zuschaute, wie es die Antifa Polska auf ihrer Webpage darstellt? Warum wurden sie dann überhaupt eingesperrt? Muss man von einer gezielten Repression der polnischen Polizei ausgehen, die sich mit unwürdiger Behandlung auf der Dienststelle fortsetzte? Was hat es mit dem „kleinen Handgemenge“ auf sich, das der taz zufolge einsetzte, nachdem ein Mitglied des schwarzen Blocks einen Teilnehmer des Unabhängigkeitsmarsches in „napoleonischer Uniform“ bespuckt hatte und (nicht ganz im Einklang mit der Antifa-Version) der Grund für die Festnahme der gesamten Gruppe gewesen sein soll? Warum reisen junge Deutsche nach Warschau, um sich dort vermummt und für körperliche Auseinandersetzungen ausgerüstet festnehmen zu lassen?

Die Folgen 

Die Fragen können hier nicht geklärt werden. Auf gazeta.pl lesen wir, dass den Deutschen, die inzwischen wieder auf freiem Fuß sind, ‚lediglich‘ Ordnungswidrigkeiten (etwa ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘) vorgeworfen werden. Das passt mit gewalttätigen Angriffen auf polnische Patrioten nicht wirklich zusammen. Wie auch immer, der Schaden ist angerichtet. Rechte Politiker, allen voran Jarosław Kaczyński, versuchen die Geschehnisse zu instrumentalisieren und erregen sich öffentlich über „Deutsche, die Polen schlagen“. Die ‚deutschen Randalierer‘ – dieses Bild bleibt, egal, wie die Faktenlage letztlich aussieht – bestimmen die Schlagzeilen und werfen einen Schatten auf den friedlichen Protest polnischer Bürger gegen Rechtsextremismus in ihrem Land. Das dieser mehr als notwendig ist, konnte jeder Beobachter des Unabhängigkeitsmarsches am vergangenen Freitag sehen.

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  1. Bartek
  2. Jochen
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