Die heimliche Kulturhauptstadt – Warum Łódź den Titel verdient gehabt hätte

Der Bahnhof Fabryczna in Lodz.

Nicht abschrecken lassen, sondern ausprobieren: Lodz

(Bremen, JE) Jetzt steht es fest: Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2016 wird Breslau. Das ‚Venedig Polens‘ setzte sich in der Endauswahl gegen Lublin, Warschau, Kattowitz und Danzig durch.

Dass Łódź (Lodz) – der Favorit des Autors und einer der insgesamt 11 polnischen Kandidaten – nicht triumphieren würde, war bereits seit Oktober letzten Jahres klar. Auch wenn sich die größte Enttäuschung darüber bei den Initiatoren und Sympathisanten inzwischen gelegt haben dürfte – das bittere Gefühl der verpassten Chance meldete sich am Tag der Entscheidung zurück.

Ein Titel mit Bedeutung

Der Titel der Europäischen Kulturhauptstadt ist geeignet, um das Prestige einer Stadt und, damit verbunden, die Anzahl der Touristen wesentlich zu steigern. Diese Erfahrung hat nicht zuletzt Krakau, Preisträger im Jahr 2000, gemacht. Zusätzlich wird er mit etwa 1,5 Millionen Euro von der Europäischen Union vergütet – Geld mit dem besondere kulturelle Projekte realisiert werden sollen. Ohne Frage: Breslau ist eine gute – laut Rzeczpospolita von der Jury einstimmig getroffene – Wahl. Es wird Polen würdig vertreten. Trotzdem: Łódź, das verpönte ‚Manchester des Ostens‘, wäre bezüglich der kulturellen Vielfalt eine ebenso berechtigte, darüber hinaus jedoch ungleich mutigere Wahl gewesen.

Mutig, da Łódź bis dato touristisch eher in der dritten Liga spielt, hinter den Metropolen Krakau und Warschau, den Ostseebädern im Norden oder den Skigebieten im Süden des Landes – und eben auch hinter Städten wie Danzig oder Breslau. Mutig, da viele Polen Łódź am liebsten verstecken würden vor ausländischen Touristen. Nach Łódź? Was willst Du da denn? Hast Du Dir das gut überlegt? Als ob Łódź nichts anderes wäre als ein postindustrielles Missverständnis – ein Nestbeschmutzer, der das Bild der malerischen Marktplätze von Breslau und Krakau befleckt, sobald der unbedarfte Polen-Reisende mit ihm in Kontakt kommt.

Kultur ist der Schlüssel

Zugegeben, der erste Kontakt mit Łódź kann abschreckend sein. Wer in Łódź Fabryczna aus dem Zug steigt, dem erschließt sich zunächst weder die spannende Geschichte, noch die kulturelle Vitalität der Stadt. (Jeder, der dies bereits getan hat, weiß, wovon ich rede.) Wer den unfreundlichen Sackbahnhof schließlich verlässt, um sich auf die Suche nach einem historischen Stadtzentrum mit schön anzusehender Architektur zu machen, erlebt eine Enttäuschung. Er sucht umsonst. Warum ich das erwähne? Um folgendes klar zu machen: Das Krakauer Modell ‚Reinstolpern und Verlieben‘ tut es hier nicht, für Łódź braucht man eine andere Methode. Der Zugang zu dieser Stadt, ihrer heimlichen Schönheit und beeindruckenden Vielseitigkeit, funktioniert am besten über die Kultur – ja vielleicht ist Łódź gerade deshalb die perfekte Kulturhauptstadt, weil sie sich ohne ein Mindestmaß an geschichtlichem Interesse und kultureller Begeisterungsfähigkeit nicht kennen-, geschweige denn lieben lernen lässt.

Łódź hat Kultur

Auf Łódź muss man sich einlassen, denn Zugänge bietet es eigentlich viele, nur springen diese nicht direkt ins Auge. Die ehemalige Industriestadt Łódź, in der Deutsche, Polen und Russen im 19. Jahrhundert ihr unternehmerisches Glück mit der Produktion von Textilien versuchten, hat der modernen Großstadt eine beachtliche Anzahl leerstehender Fabrikgebäude vererbt, die heute immer häufiger zu Orten der Kultur (und damit ist das Einkaufszentrum Manufaktura nicht gemeint) umfunktioniert werden. Sie bieten ausreichend Platz und ausgefallenes Ambiente für Konzerte, Ausstellungen oder Modeschauen – zum Beispiel die in der Branche renommierte ‚Fashion Week Polska‘, über welche ‚Die Zeitunlängst einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlichte.

Wer es klassischer mag, sollte sich die prunkvollen Paläste der ehemaligen Łódźer Großindustriellen Poznański oder Scheibler (Sie ahnen es schon, letzterer ist deutschen Ursprungs) vornehmen. Auch sie sind Relikte der ökonomischen Aufbruchstimmung des 19. Jahrhunderts. Was ist schon ein erfolgreicher Unternehmer, der seinen Reichtum nicht zur Schau stellt… Der Poznański-Palast in unmittelbarer Nachbarschaft des erwähnten Konsumtempels dient heute als Stadtmuseum mit einer beeindruckenden Ausstellung über den weltweit berühmten Pianisten Artur Rubenstein, 1887 in Łódź geboren. Die klassischen Konzerte im Festsaal dieses Palastes gehören zu den besonderen kulturellen Erlebnissen, die Łódź seinen Besuchern ermöglicht.

Eingang zum jüdischen Friedhof in Lodz.

Jedes Jahr werden im ‚Festival der vier Kulturen‘ die polnischen, deutschen, russischen und jüdischen Einflüsse der Stadt auf unterschiedlichste Art und Weise zelebriert. Warum nicht mit einem Besuch dieses Events die Beziehung zu Łódź aufbauen? Wer sich mit der Geschichte von Łódź beschäftigt, kommt um den Film ‚Gelobtes Land‘ von Andrzej Wajda trotzdem nicht herum. Zu sehen ist das Meisterwerk mit ein bisschen Glück im städtischen Filmmuseum – einquartiert im Palast des alten Scheibler. Überhaupt: Film! Łódź ist die Hauptstadt des polnischen Kinos, mit einer über die Landesgrenzen hinaus bekannten Filmhochschule, an der unter anderem – sobald das heute noch als Qualitätsmerkmal gelten darf – der junge Roman Polanski lernte. Die Namen der wichtigsten Figuren des polnischen Films pflastern die Łódźer Ausgabe des ‚Walk of Fame‘ auf der über vier Kilometer langen ulica Piotrkowska, der schnurgeraden Lebensader der Stadt.

Eine verpasste Chance

Dieser kleine Einblick in die kulturelle Landschaft Łódźs hat sie nicht überzeugt? Einverstanden, Łódź hat auch seine dunkle Seiten. Der kreative Aufbruch und die kulturelle Vielfalt verstecken sich oftmals hinter heruntergekommenen Häuserfassaden. Es macht wenig Sinn, eine Stadt zu romantisieren, die mit offensichtlichen sozialen und wirtschaftlichen Problemen kämpft. Und dennoch hätte die schrumpfende Großstadt, deren Name (łódź bedeutet auf deutsch ‚Boot‘) so gemein in die Irre führt, den Titel bekommen sollen. Weil es mit dieser Hilfe nicht nur die dringend benötigten, zahlungskräftigen ausländischen Touristen angelockt hätte, sondern – und dieser Verlust wiegt möglicherweise noch schwerer -, weil das ausländische Interesse vermutlich auch die Skeptiker im eigenen Land dazu bewegt hätte, ihr Verhältnis zu der ungeliebten Industriestadt zu überdenken. Es hätte sich gelohnt.

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  1. Andreas Schwarze
  2. Jens

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