Die Kulturregion Schlesien und ihre Kunstdenkmäler

Rathaus in Wroclaw (Breslau), Niederschlesien, Polen

Rathaus in Wroclaw (Breslau), Niederschlesien, Polen

(Oggebbio/HF) Die Kulturregion Schlesien durchlebte eine wechselvolle und farbige Geschichte. Sie war im Laufe der Jahrhunderte Teil des polnischen, böhmischen, habsburgisch-österreichischen und des preussisch-deutschen Staats. Seit rund zwanzig Jahren wird Schlesien, mit dem hier die drei polnischen Woiwodschaften dolnośląskie (Niederschlesioen), opolskie (Oppeln) und śląskie (Oberschlesien) gemeint sind, wieder zu einer Region, in der das Miteinander, die Vermittlung und der Austausch zwischen den Völkern und Nationen Mitteleuropas, nicht nur Polens und Deutschlands, auch Tschechiens, Österreichs und anderer selbstverständlich sind. Die Region erhält damit ihre historische Stellung als Brückenland und Schmelztiegel der verschiedenen ethnisch-kulturellen Elemente und Einflüsse wieder zurück.

Kultur als touristisches Potential

Ein wichtiger Teil in der Brückenfunktion Schlesiens ist der Tourismus, in den während der vergangenen Jahren stark investiert wurde. Gemäss der neusten gesamtpolnischen Marketingstrategie für den Tourismus (2012-2020) herrscht bei der Motivation nach Polen zu reisen, vor allem der Bereich „Denkmäler und reiches Kulturerbe“ vor; er rangiert noch vor der „Schönheit der Natur“.

Dies macht sich u.a. die Niederschlesische Tourismusorganisation (DOT) zu Nutze. Sie vermarktet Niederschlesien im In- und Ausland als touristisch attraktive Region, die nicht nur eine hervorragende Lage im Grenzraum zu Deutschland und Tschechien und eine abwechslungsreiche Naturlandschaft besitzt, sondern vor allem reich ist an hervorragenden schlesischen Geschichts- und Kulturdenkmälern. Auch die oberschlesische Woiwodschaft (Województwo Śląskie) setzt in ihrer touristischen Entwicklungsstrategie 2004-2013 auf das kulturelle Tourismuspotential. Mit mehr als 4000 eingetragenen und einer noch grössere Anzahl zugänglicher nicht verzeichneter Baudenkmäler kann diese dicht bevölkerte Region auch bei deutschen Touristen punkten. Zu bewundern sind Schlösser, Paläste, Gutshäuser, Kirchen und Kapellen, städtische Siedlungen, Arbeiterkolonien sowie technische und industrielle Denkmäler.

Schlesienband des Handbuchs der Kunstdenkmäler in Polen

Jedoch: Wie orientiert man sich bei soviel kulturellem Reichtum? Der Band „Schlesien“ des Dehio-Handbuchs der Kunstdenkmäler in Polen gibt einen kunstgeschichtlichen Überblick über die wichtigsten Monumente der Bau- und Kunstgeschichte in der Kulturlandschaft Schlesiens. Es ist ein gut recherchiertes, auf aktuellen polnischen wie deutschem Forschungsstand und auf Überprüfung vor Ort beruhendes reisetaugliches Nachschlagewerk. Es eignet sich für Fachleute wie für interessierte Laien und ist auch in polnischer Sprache erschienen.

Polnische und deutsche Kunsthistoriker arbeiten zusammen

Im Jahr 1997 wurde die im Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger entwickelte Idee eines kunsthistorischen Handbuchs für Schlesien vom Herder-Institut Marburg aufgegriffen und später in einem von verschiedenen Seiten begleiteten und geförderten Drittmittelprojekt in Kooperation mit dem polnischen Zentrum für die Dokumentation und Erforschung der Denkmäler in Warschau (KOBiDZ) und seiner Aussenstelle in Breslau realisiert.

Motivation der Autoren war es, das im vergangenen Jahrhundert durch dramatische politische Ereignisse und Kriege bereits stark dezimierte Kulturerbe für die Zukunft zu bewahren und zu dokumentieren. Man wollte verhindern, dass es durch Unkenntnis und mangelnde Sensibilität noch grössere unwiederbringliche Verluste erleidet.

Einführung in die Kunstgeschichte Schlesiens

Im diesem Schlesienband geben zehn ausgewiesene Fachexperten auf den ersten 111 Seiten eine gut verständliche Einführung in die allgemeine Geschichte Schlesiens sowie in die Architektur- und Kunstgeschichte der Region. Letztere sind unterteilt in die Kapitel Romantik, Gotik, Renaissance und Manierismus, Klassizismus und Historismus in der Architektur, Bildende Kunst im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert.

Baudenkmäler: Ort für Ort

Anschliessend folgt der Hauptteil des Buches, in welchem die Orte von Baborów / Bauerwitz bis Źródła / Borne in alphabethischer Reihenfolge vorgestellt werden. Dreizehn Autoren geben zu jeder Ortschaft einen Hinweis auf die polnische und ehemalige deutsche Kreiszughörigkeit, einen Verweis auf das entsprechende beiliegende Kartenblatt sowie eine Beschreibung und Erläuterung zu den Baudenkmälern im Ort. Bei grösseren oder bedeutenden Bauwerken sind zudem Grundrisse und Übersichtspläne beigefügt.

Eine deutsch-polnische Ortsnamenkonkordanz verhilft denjenigen zu den polnischen Ortsnamen, die nur die deutschen im Gedächtnis haben. Abschliessend folgt auf den letzten Seiten des Bandes noch ein umfangreiches Künstlerverzeichnis.
Das kleinformatige Buch enthält mehr als 1300 Seiten und 24 eingeheftete Karten im Massstab 1:300 000. Auf der inneren Umschlagsseite ist eine Übersichtskarte Schlesiens im Massstab 1: 1 700 000 eingeklebt.

Buch für das Reisegepäck

Der Schlesienband, dem nach Aussage des Verlages noch weitere Bände mit polnischen Kunstdenkmälern folgen sollen, kann dem nach Schlesien reisenden Kunstinteressierten vollumfänglich empfohlen werden. Er findet im Reisegepäck gut Platz, ist aber für das ständige Herumtragen etwas schwer. Neben diesem Band über Schlesien erschien in gleicher Reihe noch ein Sonderband über West- und Ostpreussen.

Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen – Schlesien

Herausgegeben von Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski und Dethard von Winterfeld

Bearbeitet von Sławomir Brzezicki und Christine Nielsen
1360 S., 80 Pläne und Grundrisse, 2005, € 49,90
ISBN: 3-422-03109-x

2005 Deutscher Kunstverlag München

 

 

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*