Die Kunst des Euromaidans – eine kleine Einführung

Folklore Elemente auf den Barrikaden. /Quelle: (c) Marysya-Rudska', #strikeposter

Folklore Elemente auf den Barrikaden. ( /Quelle: (c) Marysya-Rudska‘, #strikeposter.

„Dann sind die Fotos dran. Schwarz-weiße, verfärbt ins Sepiafarbene, Karamellbraune, einige auf steifem, grobkörnigem, wie Waffeln gemustertem Fotopapier, am Rand weiße Zacken, ähnlich den Spitzen am Kragen der Schuluniform, eben die »Epoche vor Kodak«, die Epoche des Kalten Krieges und des einheimischen Fotomaterials, wie überhaupt alles aus einheimischer Produktion war.“ Mit diesem Satz leitet Oksana Sabuschko ihren Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“ ein. Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Eine Expedition, deren Ziel es ist, die ukrainische Identität in ihrer kaleidoskopartigen Zerstückelung zu flicken. Diese Rekonstruktionsarbeit erscheint vor dem Hintergrund der Maidan-Revolution aktueller denn je und vom Trauma durchtränkt zu sein, welches sich wie ein roter Faden durch die ukrainische Geschichte bis zum heutigen Augenblick durchzieht. Es ist deshalb nicht überraschend, dass Oksana Sabuschko den öffentlichen Diskurs unter den Intellektuellen anführt und als „Stimme des Maidans“ klare Worte zur Lage der Ukraine findet.

Revolution und Kunst – eine stürmische Liaison

Inmitten des Sturmes wurde das Europiano zum Symbol des Maidans.

Inmitten des Sturmes wurde das Europiano zum Symbol des Maidans / Quelle: Аимаина хикари, CC-BY-SA-3.0.

Revolutionen waren schon immer Schlachtfelder für die Kunst, denn ihre Hilfsmittel verhelfen den Menschen zu einer Stimme, die Werke werden zur Corporate Identity der Bewegung, mit der sich die Demonstranten identifizieren – und das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl für das umkämpfte Ziel. Auch die Solidarność-Bewegung wurde durch Impulse aus der Kunst- und Musikszene geprägt, was sich in unterschiedlichen Protestakten im öffentlichen Raum artikulierte. Genau wie in den 80er Jahren die Solidarność als Akt des zivilen Ungehorsams angefangen hat, so finden sich Parallelen zum Euromaidan wieder. Hier liegt der Ausgangspunkt eines kreativen Prozesses, der als Ausdruck einer aufkeimenden Zivilgesellschaft zu verstehen ist. Deshalb setzen wir uns als Polen.pl e.V. für dieses Engagement ein und beleuchten die aktuellen Ereignisse in der Ukraine. Durch die Erinnerung an die historische Polenhilfe wollen wir im Rahmen unseres Aufrufs zu mehr Solidarität mit der ukrainischen Zivilgesellschaft appellieren.

Es sind ikonische Bilder, die um die Welt gingen. Fotos von Menschen aller Couleur. Und dort, inmitten des revolutionären Chaos, steht ein Klavier, das von den Demonstranten in den ukrainischen Nationalfarben Gelb und Blau angestrichen wurde. Ein Klavier auf den Barrikaden – ein surrealer Moment des Innehaltens. Das Klavier und das Singen wurden so zum Symbol des Maidans, das die Menschen verband.

Delacroix‘ Liberté auf den ukrainischen Barrikaden

Die Personifizierung der Ukraine hinter russischen Gittern - eine symbolreiche Kunst. / Quelle: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 3.0

Die Personifizierung der Ukraine hinter russischen Gittern – eine symbolreiche Kunst. / Quelle: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 3.0.

Delacroix’ Liberté auf den Barrikaden ist die Inkunabel des Freiheitskampfes. Der Geist der Revolution, der sich in diesem Bild manifestiert, scheint prädestiniert zu sein, aktualisiert an das jeweilige Geschehen als Symbol zu dienen. Man sah das Reenactment auf dem Taksim-Platz in der Türkei und nun auf dem Maidan. Die Hommage an Delacroix kann hier eingesehen werden. Anstatt eines Gewehrs hebt die Freiheit als Zeichen des Friedens die europäische Flagge. Man sieht keine Waffen, wie es im Original der Fall ist, es soll den gewaltfreien Widerstand darstellen.

Es ist nicht das erste Mal, dass solche Bilder wirken. Sie erinnern daran, wie wichtig die Menschlichkeit in solch einer schwierigen Zeit ist. Die Kunst überwindet den Graben zwischen den Fronten zu einer Einigung. Und gerade deshalb war der Maidan ein Nährboden für die Kunst. In demselben Maße artikulierte sich auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew die Frage „Quo vadis Ukraine?“. Der besetzte öffentliche Raum war deshalb eine Denkfabrik. Hier wurden Camps gegründet, in denen Aktivisten, Wissenschaftler und normale Bürger sich begegneten und diskutierten. Der gemeinsame Nenner aller Beteiligten war, wie es Maciej Bartkoswski in den Ukraine Analysen ausdrückt: „Liebe fürs Land, Wut aufs Regime, Scham über die Art und Weise, wie die Regierung ihre Bürger behandelte“.

 Grob – Gröber – Zhlob-Art

Eine der vielen Kunstrichtungen stellt die Kollektivbewegung „Воля або смерть“ (Freiheit oder Tod) dar, die mit „Жлоб-арт“ (Zhlob-Art) das ausdrückt, was unter Janukowitsch an Misswirtschaft, Korruption und Repression geschah und damit ein Empfinden vieler Menschen anspricht: die Grobschlächtigkeit. Ein Zhlob ist im Ukrainischen jemand, der das soziale Pflichtgefühl missachtet und nur seine „niederen“ Bedürnisse befriedigt. So gesehen sind die Akteure solcher Kunstwerke Kleinkriminelle im Trainingsanzug, die rauchend oder Bier trinkend auf öffentlichen Plätzen ohne jegliche Ambitionen ihrem Frust freien Lauf lassen. Aber auch korrupte Politiker gelangen in den Fokus des Zhlob-Art. Eines der bekanntesten Bilder, das auch im Rahmen der Ausstellung „Jestem kroplą w morzu. Sztuka ukraińskiej rewolucji” (Ich bin ein Tropfen im Meer. Die Kunst der Ukrainischen Revolution) im Krakauer Museum MOCAK ausgestellt wurde, ist „Хоррор им. Верьовки“ von Ivan Semesyuk. Es stellt die Personifikation der Ukraine als Tod mit einem Strick dar.

Eines der bekanntesten Bilder, das im "Bollwerk der Kunst" augestellt wurde/Quelle: Ivan Semesyuk "Horror im. Veriovki", Acryl auf Leinweind, 90×60 cm, Foto: MOCAK

Eines der bekanntesten Bilder, das im „Bollwerk der Kunst“ augestellt wurde/Quelle: Ivan Semesyuk „Horror im. Veriovki“, Acryl auf Leinweind, 90×60 cm, Foto: MOCAK.

Präsentiert wurde die revolutionäre Kunst auf dem Maidan in Kiew in einem Zelt, dessen Name Bände spricht: im Bollwerk der Kunst (Мистецький Барбакан) spielte sich das intellektuelle Leben ab. Es wurde friedlich gemalt, musiziert, Lesungen abgehalten, Ideen ausgetauscht, und das in beiden Sprachen: Ukrainisch und Russisch. Die Mär von der Unterdrückung der einen oder anderen Sprache stimmte so nicht. Die Aufbruchstimmung hatte jeden auf dem Maidan infiziert, weshalb der Dichter Oleh Kacarev dieses Phänomen auch als Massenkunst bezeichnet, denn nicht nur Künstler, sondern auch normale Aktivisten dekorierten und produzierten auf dem Maidan.

Das Wort der Künstler – Positionen auf dem Maidan

Das künstlerische Leben pulsierte auf dem Maidan in Kiev - und jeder trug etwas dazu bei. /Quelle: Ivan Bandura, CC BY 2.0

Das künstlerische Leben pulsierte auf dem Maidan in Kiev – und jeder trug etwas dazu bei. /Quelle: Ivan Bandura, CC BY 2.0.

Doch es wurde nicht nur Kunst gemacht, sondern auch Worte artikuliert. Viele Künstler nutzten ihre Autorität, um auf dem Euromaidan Stellung zu beziehen. Eine dieser Figuren ist Aleksandr Rojtburda, dessen Werke auch international ausgestellt werden. Ein Beispiel für seine Aktivität ist seine Teilnahme am Forum „Russland-Ukraine: Dialog“ vom 24. bis 25. April 2014 in Kiew. Ein Ereignis, das in der deutschen Berichterstattung unterging. Gerade die kulturell-politische Plattform sollte Wege aus der Krise finden, wofür prominente Redner aus beiden Ländern eingeladen worden sind. So sprachen unter anderem Michail Chodorkovskij, (der vor kurzem ermordete) Boris Nemzov, viele ukrainische und russische Journalisten, aber auch der russische Schriftsteller Andrej Kurkow, der in Kiew lebt, und die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulickaja. Es stellt sich allzu leicht die Vorstellung ein, dass Russland eine homogene Meinung zur Ukraine-Krise habe. Eine kleine kritische Elite ist da, sie geht aber medial unter.

Streetart als Ausdruck einer jungen Bewegung

Auch Street-Art florierte auf und um den Maidan als Zeichen des politischen Protestes.

Janukowitch mit Clownsnase: Pop-Art als Protest /Quelle: (c) Egor Petrov, #strikeposter

Janukowitch mit Clownsnase: Pop-Art als Protest /Quelle: (c) Egor Petrov, #strikeposter.

Mit diesem Thema setzte sich übrigens eine studentische Gruppe des Osteuropa- Instituts in Berlin auseinander und veröffentlichte ihre Ergebnisse und eine umfangreiche Bildersammlung in einem Blog.

Damit verknüpft ist die Plakatkunst, die zum Katalysator der Bewegung wurde. Unter dem #страйкплакат (strikeposter) verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken Informationen, Bilder und Fotos rund um den Maidan geradezu viral. Sie wurden zu Ikonen, die die Botschaft des Maidans in die Weiten des Netzes trugen. Losungen wie „Я крапля в океані“ (Ich bin ein Tropfen im Meer), Это не за Европу, а за честные

Die grafische Ikone des Protestes: Ich bin ein Tropfen im Meer. / Quelle: #strikeposter

Die grafische Ikone des Protestes: Ich bin ein Tropfen im Meer. / Quelle: #strikeposter.

суды. Выходи на Майдан“ (Das ist nicht für Europa, sondern für ein ehrliches Rechtssystem. Komm auf den Maidan“ oder „Это не за Европу, а за чистую совесть“ (Das ist nicht für Europa, sondern für ein ehrliches Gewissen) signalisierten, dass der Maidan in allererster Linie nicht ein Bekenntnis zu Europa darstellte, sondern einen „Reset der Nation“ initiierte, wie es Serhij Žadan, ein Aktivist aus dem ostukrainischen Charkiv, ausdrückte. Ein Neustart, dessen Motor die Kultur ist. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass ausgerechnet die Folklore floriert.

Blumenkränze im Haar, ukrainische Volkslieder, die teilweise auf das aktuelle Geschehen angepasst wurden, traditionelle Schriftarten, die wieder Verwendung finden, diese archetypischen Elemente dienen der Identitätsfindung, der Rückbesinnung auf die Wurzeln.

Die Publikation „Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“, die von Juri Andruchowytch herausgegeben wurde, ist eine spannende und informationsreiche Lektüre, die Einblicke in die Erlebnisse der Akteure der Maidanrevolution gibt. Hier kommen Historiker, Schriftsteller, Soziologen, Aktivisten und Politikwissenschaftler zu Wort, die die Geschehnisse hautnah erlebten.

 

Juri Andruchowytch (Hg.)

Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht

Suhrkamp Verlag

D: 14,00 €

Erschienen: 19.05.2014
Broschur, 207 Seiten
ISBN: 978-3-518-06072-8

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  1. M. Rupp

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