Die polnische Provinz schafft sich ab

Ein Bus in der polnischen Hauptstadt Warschau. Foto: Polen.pl (BD)

Auf dem Land fahren immer weniger Busse

(WB, Mainz) Laut der meistzitierten polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita wird in Polen die Schließung jedes dritten Gerichts und jeder zwölften Schule geplant. Dies würde zur Entstehung einer kulturellen und wirtschaftlichen Wüste führen.

Derzeit werden in Polen lokale Poststellen, Bahnhöfe, Kinos, Schulen, staatliche Kliniken und Bibliotheken geschlossen. Die Produktionsbetriebe ziehen in die Nähe der Großstädte. Die Gemeinden werden ihrer Existenzgrundlagen immer häufiger beraubt. Das Leben des Staates konzentriert sich praktisch ausschließlich in einigen Ballungsgebieten.

Das Leben auf dem Lande wird immer schwieriger

Es kommt dazu, dass es in den polnischen Dörfern immer schwieriger wird, eine Briefmarke zu kaufen oder die Rechnung zu bezahlen, da dort im letzten Jahrzehnt 389 Postfilialen geschlossen wurden. Ferner steht die endgültige Schließung der 112 kleineren Amtsgerichte auf der Liste. Der lokalen Selbstverwaltung fehlt es an Geld, um für die Kosten der Schulen aufzukommen, wodurch sie letztendlich geschlossen werden. Dieses Jahr könnte ein solches Schicksal etwa 2500 Einrichtungen ereilen – das ist beunruhigend viel. Mit dem Kommunikationsnetz sieht es auch nicht besser aus. Die Zahl der  Bus- und Bahnverbindungen sinkt kontinuierlich. Laut Angaben des polnischen Hauptamtes für Statistik GUS nutzten im Jahr 2000 das reguläre Busnetz 826,6 Millionen Reisende – 2010 waren es nur 476,1 Millionen. Die Polen fahren nicht mehr mit Bus und Bahn, da es sie in der Provinz einfach nicht mehr gibt…

„Es ist das Phänomen des Bermudadreiecks. Sogar zu den Zeiten des russischen Zaren Nikolai war es nicht so schlimm. Manchmal denke ich mir, dass es auch nicht besser wäre, wenn man uns Polen an Weißrussland anschließen würde“, sagt aufgeregt Barbara Jankowska, die zu ihrer Mutter in einer kleinen ostpolnischen Ortschaft zu Besuch kommt. Am 19. März wurde dort der einzige Bus vom Verkehrsplan gestrichen, der mittags die Menschen in die nahgelegenen größeren Ortschaften wie Mielnik oder Siemiatycze, Woiwodschaft Podlachien, beförderte. „Solche drastischen Einsparungen bedeuten die Abschaffung der lokalen Umgebung, deren Wurzeln weggeschnitten werden“, sagt Prof. Julian Auleytner, der Präsident des polnischen Vereins für Sozialpolitik PTPS.

Da, wo es keine Kommunikation gibt, ist auch keine Poststelle, kein Arzt und Amt erreichbar. Zusätzlich fehlt es an kulturellen und sportlichen Veranstaltungen; die jungen Menschen ziehen in die Großstädte und ins Ausland. Viele Menschen – etwa 6 Prozent der Einwohner – verlassen dauerhaft die beiden am schwächsten entwickelten Woiwodschaften Polens, Podlachien und Vorkarpaten.

Warschau lockt Menschen an

Auf der Wirtschaftskarte Polens sind nur einige Regionen hervorgehoben, die den Polen Chancen auf ein besseres Leben bieten. Unter ihnen findet man jedoch keine, die mit dem Angebot der polnischen Hauptstadt zu vergleichen wären. Warschau zieht die gesamte Wirtschaft an. Allein in Warschau und naheliegenden Orten findet man über 500 der 2000 größten polnischen Firmen, wie die Rzeczpospolita berichtet. Es ist also kein Wunder, dass jedes Jahr einige Zehntausende junger Polen nach Warschau kommen. An zweiter Stelle steht Oberschlesien, von wo nahezu jede zehnte Gesellschaft der  im landesweiten Polnischen Handelsregister KRS eingetragenen Elite-Gesellschaften stammt. Weitere Plätze belegen solche Ballungsgebiete wie Posen (Poznań), Dreistadt (Trójmiasto), Krakau (Kraków) und Breslau (Wrocław), von denen das letztgenannte die größte Dynamik aufweist.

„Nach 1989 nahm Polen das stark zentralisierte und konzentrierte Regierungsmodel an. Auf Investitionen in die Infrastruktur, die eine gleichmäßige Entwicklung des polnischen Staates ermöglicht hätten, wurde wenig Wert gelegt. Das ist falsche Politik, die die Dörfer und Städte verwüstet und zwar nicht nur die kleinsten“, sagt Andrzej Mikosz, Jurist und ehemaliger polnischer Schatzkanzler in den Jahren 2005 bis 2006.

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  1. Gerold

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