Digitales Intermezzo in Westpolen: Polskie Radio testet DAB+

Mobiles DAB+ Radio im Auto

Mobiles DAB+ Radio im Auto

(Tantow, AS) Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit senden die polnischen Sender Polskie Rado 1, 2 und 3 sowie Radio dla Ciebie und die beiden Regionalsender Radio Kielce und Radio Szczecin seit wenigen Wochen in der Region Westpolen zusätzlich mit dem digitalen Standard DAB+. Diese Abkürzung steht für Digital Audio Broadcasting. Dabei handelt es sich um einen Übertragungsstandard, der bisher von den analog ausstrahlenden VHF-Fernsehstationen verwendet wurde; grob vergleichbar mit dem weitaus bekannteren System DVB-T (Digital Video Broadcasting-terrestrial).

Weil der Verbreitungsweg von DAB+ technisch der früheren Fernsehübertragung ähnelt, können auch die bisher für das Fernsehen genutzten Antennen und Frequenzen für das Radiosignal verwendet werden. Verbreitet wird das Ensemble von DAB+ vom Senderstandort Kołowo unweit Szczecins (Stettins). Die Sendeleistung beträgt aktuell 10kW. Interessant ist, dass diese Leistung ausreicht, um das Gebiet von Schwedt (Oder) auf deutscher Seite bis etwa nach Kołobrzeg (Kolberg) an der Küste im stationären und mobilen Empfang weitestgehend zu gewährleisten. Eine Art Grundversorgung ist damit zumindest gegeben.

Seit geraumer Zeit experimentierte man zunächst in Warszawa (Warschau) und später dann auch in Kielce mit dem “Rundfunksystem der Zukunft”, welches nach Vorstellungen der Europäischen Union (EU) bis spätestens 2020 das analoge UKW-Radio überflüssig machen soll. Kurz-, Mittel- oder Langwelle haben weltweit in den vergangenen Jahren ohnehin schon ihre Bedeutung verloren und sind nur noch etwas für Technikfreaks oder Amateurfunker. Das Digitale Radio (DAB+) soll den Hörer mit einer Empfangsqualität des Rundfunk überzeugen, die annährend jener von CDs und mp3-Musikdateien entspricht. Rauschen und Knistern aus dem Radio gehören damit der Vergangenheit an. Allerdings gilt dies erst dann, wenn es einmal flächendeckend – ähnlich wie in Deutschland – ausgebaut wird. Interessant wäre dies vor allem auch für Menschen aus Polen, die sich auf der deutschen Seite der Grenze niedergelassen haben.

Konnte man auf einer UKW-Frequenz bislang lediglich ein Hörfunkprogramm übertragen, sind es auf einem DAB+-Kanal bis zu zehn Programme gleichzeitig. Möglich macht das ein aufwendiges Kompressionsverfahren. Außerdem können Zusatzinformationen wie Titel, Nachrichten oder Verkehrsinfos sowie auch bewegte Bilder live bereitgestellt und auf den Empfangsgeräten angezeigt werden. Dies funktioniert weit effizienter und schneller als beim allseits bekannten RadioDataSystem (kurz: RDS) im UKW-Modus.

Radio sucht Hörer!

Radio Szczecin bittet unterdessen um Empfangsberichte und hat eigens dazu eine E-Mail Adresse eingerichtet. Man ist dankbar, wenn Hörer unter dab@radioszczecin.pl ihre Erfahrungen und Empfangsstandorte sowie Informationen zur Qualität des Klangbildes  übermitteln. Diese Angaben sollen in die Gespräche mit dem Betreiber des Sendernetzes EMITEL einfließen, um den weiteren Ausbau zu koordinieren. Ein interessanter Ansatz.

Und die Privaten?

Auffällig ist, dass Privatstationen, wie die landesweiten Ketten RMF.FM oder Radio PLUS, sich (noch) nicht an diesen Feldversuchen beteiligen und auch Anfragen dazu nicht beantworten. Zumindest haben wir keine Antwort auf unsere Anfragen erhalten. Selbst Nachfragen auf den Facebook-Profilen genannter Sender durch Polen-pl konnten den diesen kein Statement pro oder contra DAB+ entlocken. In Bezug auf die privaten Sender ist zu vermuten, dass diese ähnlich wie in Deutschland den finanziell besser ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbietern die Vorarbeit überlassen und im Erfolgsfall auf den fahrenden Zug aufspringen. Das vermutete Ziel dahinter: Das Vermeiden eventueller Fehlinvestitionen.

Der weitere Ausbau und Zeitplan

Der Betreiber EMITEL ist ehrgeizig. Er will die landesweite Vollversorgung in Polen bis spätestens 2016 umsetzen und UKW-Radio einstampfen. In Fachkreisen munkelt man, dass DAB+ alsbald schon in der Region Poznań (Posen) aufgeschaltet werden solle. Die technischen Voraussetzungen bestehen dort seit 2012. Seinerzeit wollte man zur Fußball-Europameisterschaft eigentlich ein Fußballradio testen (ähnlich wie 90elf in Deutschland), doch scheiterte die Finanzierung. Dieser und der Ausbau in anderen Orten wird in Zukunft von Marketing, Mehrwert und der Beteiligung privater Veranstalter maßgeblich geprägt werden. Treiber dieser Entwicklung dürften auch Einzelhandel und Hersteller der Empfangsgeräte sein: solche für das Empfangen von Digitalradio sind zurzeit im Schnitt noch etwa 40Prozent teurer als Analoggeräte.

Mehr Informationen zum Digitalradio DAB+ auf  folgenden Seiten (Auswahl):

www.worlddab.org (international),  www.emitel.pl/radio/radiofonia-cyfrowa-dab (Polen)www.digitalradio.de (D), www.rein-hoeren.de (Fachjournal mit Gerätetests) http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Audio_Broadcasting (Digitalradio bei Wikipedia)

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Kommentare
  1. DABman
  2. Linus
  3. Enrico
    • Andreas Schwarze

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*