DPG-Kongress: Blumensträuße an der Oder

Brücke über die deutsch-polnische Grenze Frankfurt-Oder - Slubice. Foto: Polen.pl (JW)

Symbol für deutsch-polnische Verständigung: Die Brücke über die Oder in Frankfurt/Oder-Slubice

(Frankfurt/Oder, JW) Am vergangenen Wochenende, vom 21. bis 23. Oktober 2011, fand die Jahrestagung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft (DPG) Bundesverband e.V. statt. Und zwar an einem symbolträchtigem Ort: Die Doppelstadt Frankfurt/Oder-Slubice lud ein, den fünfundzwanzigjährigen Geburtstag der Gesellschaft zu feiern. Drei Tage lang gab es daher Jubiläumsfeierlichkeiten, Fachvorträge, Fachdiskussionen, die Verleihung des DIALOG-Preises und natürlich auch ein Rahmenprogramm. Während sich Slubice und Frankfurt draußen bei bestem Wetter völlig wolkenfrei und in herrlich herbstlichen Farben präsentierten, blühten im Innern der Veranstaltungsräume eine ganze Reihe von Blumensträußen. Darunter waren bunte thematische Sträuße, manchmal etwas wuchernde Diskussionspflanzen und viele Sträuße, die zum Dank überreicht wurden.

25 Jahre Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband

Keine Sorge: Einen ausführlichen Bericht der Jubiläumsfeierlichkeiten haben wir hier nicht zusammengestellt, obwohl es sich lohnen würde. Die sehr gute Vorbereitung durch die brandenburgische Landesgesellschaft der Deutsch-Polnischen Gesellschaften ließ das Dabeisein zu einem echten Erlebnis werden. Dazu trug die hochkarätige Besetzung der Veranstaltung ebenso bei, wie die wechselnden Veranstaltungsorte in Polen und Deutschland. Der noch relativ neue Vorsitzende des DPG Bundesverband e.V., Dietmar Nietan, gab einen sympathischen Einstand, der geschäftsführende Vorstand Christian Schröter hatte gemeinsam mit den Organisatoren vor Ort wieder alles bestens vorbereitet.

Doch wir wollen uns hier ein wenig mehr auf die inhaltlichen Themen beschränken. Wir gehen davon aus, dass der DPG Bundesverband e.V. auf seiner Internetseite ausführlich über die Veranstaltung berichten wird.

Nachbarschaftsvertrag und Bahnverbindungen

DPG-Aufsteller. Foto: Polen.pl (JW)

Gute Organisation durch die DPG Brandenburg

Nach dem Eröffnungsabend am Freitag begann die eigentliche Konferenz mit dem Titel ‚Nachbarschaft in der Mitte Europas‘ am Samstag mit einer spannenden Diskussion zwischen Dr. Marek Prawda, dem Botschafter der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland und Rüdiger Freiherr von Fritsch, dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Polen. Moderiert wurde diese vom Vorsitzenden der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband und Mitglied des Deutschen Bundestags Dieter Nietan, der selbst interessante Ergänzungen lieferte.

Worum ging es bei dem Gespräch mit dem Titel ’20 Jahre Nachbarschaftsvertrag – 25 Jahre DPG Bundesverband‘? Im Vordergrund standen neben den Erkenntnissen der bisher erreichten Verbesserungen in den Beziehungen vor allem die Hindernisse in der weiteren Verbesserung derselben.

Erwähnenswert ist, dass sogar hier das uns schon länger verfolgende Thema ‚Bahnverbindungen zwischen Polen und Deutschland‚ aufgegriffen wurde, und zwar kontrovers. So wies Prawda auf das Problem der langsamen Geschwindigkeit des Ausbaus der Bahnverbindungen zwischen beiden Ländern hin und stieß damit auf Zustimmung aus der Zuhörerschaft. Der Vorwurf darin: Die Ausreden für die Verzögerungen kämen vielfach von zuständigen Stellen aus Deutschland; so zum Beispiel von der Deutschen Bahn, die immer wieder die Unwirtschaftlichkeit der gewünschten Strecken hervorhöbe. Die Beispiele der Bahnverbindungen zwischen Wroclaw (Breslau) und Berlin sowie zwischen Szczecin (Stettin) und Berlin kamen ebenfalls zur Sprache: Neben dem Klassiker der ‚Fahrtzeitverdoppelung nach Breslau nach dem Zweiten Weltkrieg‘ gab es eine weitere wichtige Anmerkung zur Bahn. Diese beinhaltete, dass aufgrund der auf deutscher Seite nicht erfolgten Elektrifizierung der Strecke zwischen Stettin und Berlin die Lokomotiven aus Polen nicht bis zum Hauptbahnhof fahren könnten – und langsamer fahren müssten. Das humorig daraus abgeleitete ‚Europa der zwei Bahngeschwindigkeiten‘ konnte nicht darüber hinwegsehen lassen, dass auch auf politischer Ebene Unzufriedenheit über die Ausreden für den mangelnden Ausbau der Verbindungen besteht. Der Hinweis, dass immer irgendeine ‚Verbindung zwischen Wattenscheid und Bottrop‘ wichtiger sei als der eisenbahnige Brückenschlag zwischen Deutschland und Polen, provozierte zweierlei: Zum einen eine ebenfalls humorige Äußerung Nietans, dass auch Westfalen und Rheinländer gute Bahnverbindungen bräuchten, um friedlich miteinander zu leben, zum anderen aber auch den Hinweis, dass die Strukturen auf beiden Seiten – auch auf polnischer Seite – eine schnelle Umsetzung der grenzübergreifenden Bahnpläne verhindere. So seien die monetären Interessen der polnischen Bahn gelegentlich den Effizienzinteressen der Deutschen Bahn entgegenlaufend.

DIALOG-Preis

DIALOG-Preis-Übergabe in Frankfurt/Oder 2011. Foto: Polen.pl (JW)

DIALOG-Preis 2011

Der diesjährige DIALOG-Preis ging an das Institut für angewandte Geschichte. Wir danken als Teilnehmer der Tagung noch einmal dem Vertreter des Instituts, dass er uns nicht im Regen stehen ließ: Die auch bei uns aufgekommene Frage, was ‚angewandte Geschichte‘ eigentlich sei, beantwortete er zwar auch nicht eindeutig. Aber er erließ uns damit auch die Selbstzweifel, dass wir allein bei der Definition des Begriffs Schwierigkeiten hätten. Die Vorstellung der Viadrina-nahen Initiative fiel beim Vortrag Prof. Dr. Rita Süssmuths zwar eher knapp aus, es gab allerdings in den Pausen viele Broschüren und Gesprächspartner der Initiative, die die Arbeit näher erläuterten. Einen brillanten Vortrag hielt in diesem Rahmen auch der Direktor des Collegiums Polonicums, Dr. Krzystof Wojciechowski, der die Entwicklung der universitären Zusammenarbeit auf der ‚verbrannten Erde‘ in Slubice und Frankfurt/Oder beschrieb.

Polnisch-Unterricht in Deutschland und die Rolle der Frauen in Europa

Die Themen des Samstagnachmittags ‚Polnisch-Unterricht in Deutschland‘ und ‚100 Jahre Frauentag‘ wurden durch zwei Sachverhalte geprägt: Inhaltsreichen Beiträgen der Referenten folgten zuweilen Diskussionsrunden, die dann nicht mehr ganz so viel mit dem Kernthema zu tun hatten. Das beinhaltet keinen Vorwurf an den Moderator, aber vielleicht an das Konzept des jährlichen Treffens: Manches Mitglied einer deutsch-polnischen Gesellschaft mit dem Wunsch, ein Thema zu platzieren, fand an den drei Tagen offenbar keine andere Gelegenheit, als dies in den den Vorträgen folgenden Diskussionen zu tun. Vielleicht ein Anlass, für die Zukunft noch ‚allgemeinere Panels‘ vorzuschalten, um aus den fachlich orientierten Programmbestandteilen noch mehr herauszuholen.

So kam es in diesem Rahmen natürlich auch wieder zu Grundsatzfragen. Etwa der, welche Rolle die englische Sprache bei deutsch-polnischer Begegnung spielen kann und spielen darf. So trafen ideologische Motivationen der ausschließlichen Verwendung der deutschen und polnischen Sprache etwa bei Jugend- oder Kunstbegegnungen auf pragmatischere Ansätze mit dem primären Ziel der irgendwie gearteten Verständigung. Sicher, solche Fragen können besprochen werden; fraglich ist aber, ob nicht die thematisch orientierte Diskussion, wie man mit Überzeugung mehr Menschen zum Polnischlernen motiviert, spannender und zielführender gewesen wäre.

Bürgerengagement in deutsch-polnischen Beziehungen

DIALOG-Preis-Übergabe in Frankfurt/Oder 2011. Foto: Polen.pl (JW)

Nachbarschaft in der Mitte Europas - ein passender Titel

Der Sonntag bot dann, vor der obligatorischen Mitgliederversammlung, ein tiefes Informationsprogramm über drei regionale Initiativen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Die vorgestellten ‚Leuchttürme mit Signalwirkung‘ stammten aus Frankfurt/Oder – natürlich – und aus Bremen sowie der Region Pommern. Alle boten den Zuhörern vorbildliche Ideen für eine ganz praktische Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Schade, dass manches Konkurrenzdenken der Diskussion dann die Konstruktivität nahm; so sah sich mancher Referent dann in der Rolle, nicht erwähnte Bestandteile seiner Arbeit noch ’nacherwähnen‘ zu müssen.

Noch mehr Blumensträuße

Eine tolle Veranstaltung und kluge Themenwahl machten die Veranstaltung aus. Der ‚Blumenstrauß‘ der Themen war offenbar noch nicht bunt genug, manche in andere Gebiete abweichende wuchernde Diskussion abzufedern; bot aber einen hervorragenden Einblick in die Arbeit in der deutsch-polnischen Verständigung. Außerdem natürlich den unkomplizierten Austausch mit den Mitgliedern der deutsch-polnischen Gesellschaften und den weiteren Besuchern.

Abgeschlossen wurde der Kongress mit Danksagungen unter anderem an die Organisatoren und die Preisträger. Nach so einer gelungenen Veranstaltung freuen wir uns schon heute auf die des kommenden Jahres.

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