Deutsch-Polnisches Kennenlernen: Logbuch eines Reiseleiters

Sonderzug der DB AG in Kolobrzeg (Kolberg). Foto: Jens Hansel(Berlin, JW) Nach einer Woche kam die erste E-Mail. Zwei Wochen später waren es schon fünf Anrufe und E-Mails: Es sei doch sehr schön in Polen gewesen, ob ich nicht einen Tipp hätte, wo man noch hinfahren solle. Oder ob ich nicht ein Hotel buchen könne, weil das mit der Sprache ja nicht so einfach sei. Ungläubiges Staunen und Totalüberraschung meinerseits, denn: Kurz nach der Gruppenfahrt nach Polen sah es gar nicht so aus, als sei diese rundum gelungen. Krankenhausbesuche von Teilnehmern, manches Durcheinander bei der An- und Abreise, die Sonne schien auch nicht immer und mancher beschwerte sich, dass keine Seife auf dem Hotelzimmer war.

Trotzdem also: Begeisterung und geweckte Neugier. Das muss ich aufschreiben, dachte ich, zumal ich seit unserer Vereinsgründung bei Polen.pl und durch einige andere Projekte hier in letzter Zeit nicht mehr viel schreiben konnte. Leider, übrigens, aber das ist ein anderes Thema.

Das Problem des Erfolgs

Es geht um eine Fahrt aus Berlin nach Kołobrzeg (Kolberg). Diese findet schon seit einigen Jahren regelmäßig statt. Vor ein paar Jahren begann ich, vor allem aus familiärer Verbindung nach Kołobrzeg, mich in einem Städtepartnerschaftsverein an der Organisation der Reise zu beteiligen. Eine Herzenssache irgendwie, denn anderen Menschen meine Lieblingsstadt an der Ostsee zu zeigen (dafür gibt es auch eine eigene Internetseite), ist mir wichtig. Auch, wenn die Stadt nicht unbedingt jedem gefällt; über die Gründe könnte man wiederum in einem anderen Artikel lange diskutieren. Die Fahrt wurde schon immer mit viel Engagement geplant, von wenigen Ehrenamtlichen. Und da war ich nun dabei. Und merkte: Die Menschen, die hinfahren, kommen immer wieder mit. Beim dritten Mal kannte ich fast alle von früheren Fahrten.

Eine gute Idee wäre es doch, so die naheliegende Überlegung, noch mehr Menschen mitzunehmen, die noch nicht in Polen waren. Oder solche, die  dem Land kritisch gegenüber stehen. Ganz einfach, um neugierig zu machen, Interesse zu wecken und die Auseinandersetzung mit Land und Leuten anzuregen. Natürlich: Die Reise hat auch noch weitere Ziele, zum Beispiel eine kleine Flucht aus dem Alltag für einen geringen Preis. Der Preis ist wichtig, weil so auch Menschen mitfahren, die sich einen großen Urlaub nicht unbedingt leisten wollen und können. So ist auch die Teilnehmerzahl hoch, damit der Teilnehmerbeitrag gering bleibt. Das Ziel der niedrigen finanziellen Belastung der Teilnehmer ist eher Mittel als Zweck, verschafft es doch mehr Menschen die Möglichkeit, dabei zu sein. Im Mittelpunkt steht der niedrigschwellige Dialog zwischen Menschen aus Polen und Deutschland. Bei so einer Reise ohne wissenschaftliches Programm oder tiefgehende Projektinhalte ist die Kernidee, Berührungsängste abzubauen, ohne gleich ‚zu viel zu wollen‘.

Dass das funktioniert, konnte man am Erfolg sehen: Immer mehr ‚Wiederholungstäter‘ waren dabei. Das Problem des Erfolgs entstand also: So wurden es nicht mehr unterschiedliche Menschen, die mitfahren konnten, sondern immer die gleichen.

Mehr und anders

Nicht alles anders machen, das war die Maxime. Denn das Modell des niedrigschwelligen Besuchs in Polen, dazu noch an einem auch touristisch attraktiven Ort, funktionierte. Aber doch ein wenig anders: Neben einer Erweiterung der Teilnehmerzahl, damit auch die weiterhin interessierten ‚Stammgäste‘ mitfahren können, veröffentlichten wir auch an anderen Stellen das Teilnahmeangebot. Aus ganz Deutschland kamen Menschen mit, die erweiterte Werbung hatte also funktioniert.

Mehr Eigenverantwortung war ein weiteres Thema: Das ’not involved‘-Syndrom, wie ich den Effekt des beschützten Reisens mit Reiseleiter mit begrifflicher Anleihe aus einem anderen Bereich nenne, sollte geringer werden. Statt sich immer auf einen zu verlassen, der sich auskennt, sollten kleinere Gruppen sich selbst organisieren und damit auch ihre persönlichen Begegnungen erleben. Was bei der gestiegenen Gruppengröße auch kaum anders zu lösen gewesen wäre. Darüber hinaus ist dies in Kołobrzeg aufgrund der touristischen Infrastruktur problemlos leistbar, auch wenn man kein Polnisch spricht.

Außerdem konnte ich noch einen weiteren Aspekt unterbringen, dank einer glücklichen Fügung: Anstelle der An- und Abreise per Reisebus, war es in diesem Jahr (vermutlich vorerst einmalig) möglich, einen Sonderzug einzusetzen. So fuhr für unsere Reisegruppe erstmals seit vielen Jahren wieder ein Direktzug von Berlin bis Kołobrzeg und zurück.

Stressoren und die Frage nach dem Sinn

Sonderzug der DB AG in Kolobrzeg (Kolberg). Foto: Jens Hansel

Angekommen in Kolobrzeg per Sonderzug

Bei all der Vorfreude über den Coup mit dem Sonderzug kam es, wie es kommen musste: Schon vor der Fahrt stieg der Arbeitsaufwand gegenüber dem erwarteten Organisationsaufwand auf etwa 1.000 Prozent: Ein Streik der Bahn sorgte für gefühlt mindestens 100 Anrufe, ohne diese im Einzelnen mitgezählt zu haben. Hundertmal galt es also zu erklären, dass unser Verein und die Bahn natürlich alles daran setzen, den Zug trotz Streik nach Kołobrzeg zu fahren, dass aber noch einiges zu klären sei. Nach diesen Telefonaten und zahlreichen E-Mails ist es dann aber doch tatsächlich gelungen, dass alle Teilnehmer pünktlich auf dem Bahnsteig standen – und der Zug auch.

Die Zugfahrt verlief tadellos, die Bahn lieferte einen prima Job ab. Hut ab, vor allem vor den Zugbegleitern, über deren benötigtes psychologisches Geschick in kniffligen Situationen ich mir zuvor zugegebenermaßen wenig Gedanken gemacht hatte. Vor allem wurde es böse für diese, als Fahrgäste in den Sonderzug drängten, weil der Linienzug zu voll war. Die Szenen waren nicht schön, Beschimpfungen auf Polnisch und Deutsch ließen Teilnehmer der Reise nervös werden, nicht aber die Bahnmitarbeiter. Als dann bei einer Schiffsrundfahrt im Hafen von Szczecin (Stettin) auch noch Teilnehmer verlorengingen, weil die Beschreibung des Liegeplatzes des Schiffes offenbar nicht genau genug angegeben werden konnte, trafen vorwurfsvolle Anrufe von Teilnehmern bei mir ein. Gefolgt von mehreren Verletzungen von Teilnehmern, die beim Spazierengehen stürzten oder sich anderweitig unwohl fühlten, stellte sich bei mir immer mehr das Gefühl ein, den Teilnehmern nichts Gutes geboten zu haben. Als Organisator reagiert man dann zumindest innerlich schon gereizter, wenn noch die üblichen Sorgen von Reiseteilnehmer an ihn herangetragen werden: Probleme mit dem Zimmer (laut, irgendein Defekt, keine Seife), unklare Beschilderungen bei mancher Veranstaltung, Unsicherheit bezüglich des Transfers zum Bahnhof und dergleichen.

Was ich damit sagen möchte: Nach drei Tagen in der Rolle als Aufnahmegerät für alle Sorgen und Nöte von 130 Teilnehmern stellt sich unvermeidlich das Gefühl ein, dass quasi nichts richtig geklappt habe. Was aber bei objektiver Betrachtung natürlich nicht stimmt: 95 Prozent aller Veranstaltungen sowie alle Änderungen am Konzept haben funktioniert, werden aber in diesem Moment der subjektiven Problemsammlung überlagert. So sehr, dass ich mir die Frage nach dem Sinn eines solchen ehrenamtlichen Projekts mit all seinem Aufwand, den Risiken und Stressoren nach drei Tagen stellte.

Was ist wichtig?

Wie priorisiert man eigentlich banale Themen wie eine fehlende Seife auf dem Zimmer gegenüber einer Verletzung eines Teilnehmers, ohne das individuelle Problem nicht entsprechend wertzuschätzen und aufzunehmen? Wie geht man mit den negativen Seiteneffekten gutgemeinter Änderungen im Ablauf um: Lässt man beispielsweise Linienzugfahrer mit in den Sonderzug steigen, weil man ja um deren Lage aufgrund des überfüllten Linienzugs weiß? Und risikiert damit, dass bei den Reiseteilnehmern Unmut ob der nicht angekündigten Komforteinschränkungen auftritt? Lohnt es sich vor dem Hintergrund der Projektziele, es allen Recht machen zu wollen? Denn es soll ja zumindest organisatorisch keine Hürden geben, dass Neugier auf Polen geweckt wird. Sicher, auch auf einer solchen Reise geht man mit unerwarteten Situationen und Problemen um. Man bewertet, klassifiziert, priorisiert, handelt nach einem Risikoplan. Bei einer Reise mit dem Ziel, bei den Teilnehmern ein möglichst positives Interesse für Polen zu wecken, ist das allerdings schwer.

Empfinden und Handeln

Nein, es lohnt sich nicht, es allen Recht machen zu wollen: Das ist das klare Fazit nach vielen Projekten. Das Handeln der Teilnehmer, die sich zum Beispiel über nicht perfekte Rahmenbedingungen oder Planänderungen beschweren, scheint oft reflexartig. Wie ich für mich feststellte, erfolgt die individuelle Priorisierung bei jedem Reiseleiter im Nachhinein. Wie wichtig das eigene Problem gegenüber anderen eventuell schwierigen Situationen bei einer solchen Fahrt ist, wird im Nachhinein auch vom Beschwerdeführenden richtig eingestuft. Das jedenfalls spiegelt meine Erfahrung gerade von dieser Reise wider. Noch eine Überraschung: Die E-Mails und Anrufe zu offensichtlichem Interesse an weiteren Besuchen in Polen kamen nicht selten von Teilnehmern, die sich über irgendetwas beschwert hatten. Denn: Wenn mal die Seife auf dem Zimmer fehlt, ist das Hotelpersonal sowieso der bessere Ansprechpartner als der Reiseleiter.

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