Ein bisschen Wettbewerb – die Poczta Polska zwischen Marktöffnung und Börsengang

Alte Briefkästen am Straßenrand/ Torun

Wer bringt die Briefe? Streit zwischen polnischer Post und privaten Konkurrenten.

(Toruń, JE) Als ich vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal über die polnische Post recherchierte stieß ich auf einen Artikel in der Gazeta Wyborcza, der kurz und knackig „Paket pünktlich, Kunde unter Schock“ überschrieben war. Vielleicht etwas sehr polemisch, aber dennoch kein schlechter Aufhänger – so dachte ich mir –, um über ein Unternehmen zu berichten, bei dem die meisten Polen anfangen, mit den Augen zu rollen, sobald sie nur den Namen hören. Die Poczta Polska gilt vielen Polen als Inbegriff eines ineffizienten staatlichen Unternehmens. Auf Klagen über verspätete Zustellungen von Briefen und Paketen – wenn sie nicht gleich ganz verloren gegangen sind – bzw. grotesk lange Wartezeiten am Schalter (auf polnisch viel schöner ‚okienko‚) trifft man quasi überall. Die Unzufriedenheit mit der polnischen Post sitzt tief und ist das Wasser auf den Mühlen der Befürworter einer Liberalisierung des Postmarktes.

Monopol wird aufgehoben

Und diese ist im vollen Gange. Das heißt, nicht ganz. Denn während die Liberalisierung auf europäischer Ebene eigentlich beschlossene Sache ist, sorgen nationale Regelungen in Polen dafür, dass sich zumindest für den Kunden erst einmal gar nicht so viel ändern wird. Das ist der Grundtenor eines sehr lesenswerten Artikels in der Wochenzeitung Polityka, auf den ich mich hier häufiger beziehen werde. Ab Januar kommenden Jahres verliert die Poczta Polska formal – als Folge der Umsetzung der entsprechenden EU-Richtlinie – ihr Monopol auf die Briefsendungen bis zu 50g, den letzten noch geschützten Geschäftsbereich. Private Anbieter können dann theoretisch genauso Geburtstagsglückwünsche und Urlaubsgrüße zu günstigen Preisen transportieren wie ihr staatlicher Konkurrent. Einige Privatfirmen tun das im Übrigen auch jetzt schon, indem sie – man kann es auch anders nennen – ein bisschen schummeln und die Briefumschläge künstlich beschweren. Gerichtliche Klagen gegen diese Praxis seitens der polnischen Post waren bisher allerdings ohne Erfolg, schreibt die Polityka.

Umkämpfter Postmarkt

Wie auch immer, der klassische Postmarkt von adressierten Briefsendungen in verschiedenen Formaten wird bisher eindeutig dominiert vom staatlichen Anbieter. Der einzige potenzielle private Konkurrent ist bisher das Krakauer Unternehmen InPost. Die Bedeutung dieses Geschäftsfeldes nimmt jedoch ab – kurz gesagt: ein Verdienst des Internets. Den wachsenden, lukrativen Markt der Päckchen und Pakete muss sich die Poczta Polska schon seit längerem mit verschiedenen privaten Anbietern teilen, die ihr immer häufiger den Rang ablaufen. Die privaten Postunternehmen suchen ihre Kunden vor allem unter den Unternehmen in größeren Städten. Die polnische Post dagegen ist gesetzlich auch zur Unterhaltung von Filialen auf dem Land (mindestens eine auf 85km²) verpflichtet, wo mit den wenigen Kleinsendungen der Individualkunden in der Regel kein großes Geschäft zu machen ist.

Kompensation für unrentable Filialen?

Damit sind wir bei einem ersten Knackpunkt angelangt. Denn inwieweit der Postmarkt ab nächstem Jahr wirklich ‚liberalisiert‘ sein wird, hängt von der Änderung des polnischen Postgesetzes aus dem Jahr 2003 ab, an der immer noch gearbeitet wird. Die polnische Post fordert als Ausgleich für den freien Wettbewerb bei gleichzeitig bleibender Verpflichtung zur Betreibung von unrentablen ländlichen Filialen Ausgleichszahlungen der Konkurrenz. Die Einführung eines solchen Kompensationsfonds ist äußerst wahrscheinlich, auch wenn – wie die Polityka bemerkt – die privaten Anbieter heftig protestieren bzw. gar drohen, sich in diesem Fall komplett aus dem Geschäft mit den Privatkunden herauszuhalten. Eine Drohung, die sich natürlich nicht an den staatlichen Gegenspieler richtet (den wird es freuen), sondern in erster Linie an Politik und Regulierungsbehörde, die sich mit der Liberalisierung mehr Wettbewerb erhoffen, aber auch an die Kunden, die sich durch Konkurrenz besseren Service und niedrigere Preise versprechen.

Keine Öffnung der Infrastruktur

Ein zweiter Knackpunkt ist die Infrastruktur. Postfilialen, Postkästen, Postleitzahlen, Transportmittel und Briefträger – das ist quasi die Mindestausstattung, um Postdienstleistungen zu erbringen. Über ein solches Netz verfügt landesweit heute nur die Poczta Polska. Ein zukünftiger Konkurrent müsste viel Geld in die Hand nehmen, wollte er ein solches aufbauen. Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben, denn – das schreibt die Polityka – eine Öffnung der vorhandenen Infrastruktur für private Anbieter wird es nicht geben. Anders als bei der Liberalisierung des Telekommunikationssektors vor einigen Jahren: Hier zwang der Gesetzgeber den staatlichen Anbieter Telekomunikacja Polska, den Konkurrenten sein Netz zur kostenpflichtigen Verfügung zu stellen. Kompensationsfonds und Schutz der Infrastruktur könnten zusammengefasst dazu führen, dass sich an der Vormachtstellung der staatlichen Poczta Polska nichts ändern wird – zu wenig lukrativ mag ein Markteintritt unter solchen Bedingungen gerade vielen kleineren Firmen erscheinen. Und die Polityka hat auch eine Erklärung dafür: Die Regierung möchte ein Abrutschen des staatlichen Unternehmens vor dem für 2015 geplanten Börsengang vermeiden.

Ein Großunternehmen im Wandel

Das soll nicht heißen, dass sich nichts ändert auf dem Postmarkt. Im Gegenteil, die polnische Post spürt auch ohne vollständige Marktöffnung den Druck der privaten Konkurrenten, die neben dem Privileg, dass sie sich auf bestimmte Städte und Regionen konzentrieren können, noch einen weiteren unternehmerischen Vorteil haben: Sie sind im Gegensatz zur Poczta Polska an keinen Tarifvertrag gebunden. Die staatliche Post hat seit einigen Jahren begonnen, ihr Personal zu reduzieren (aktuelle Beschäftigtenzahl etwa 90.000) und organisationelle Umstrukturierungen durchzuführen. Man setzt zudem auf neue Technologien (Stichwort E-Post und SMS-Benachrichtigung), um den Service zu erhöhen. Kurzum: Man kämpft gegen das Bild in den Köpfen der Polen, denn dieses entscheidet letztendlich über die Zukunft des Großunternehmens – sei es durch die Wahl des Anbieters seitens der Kunden oder die konkrete Ausgestaltung der Liberalisierung durch die Politik.

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