Ein deutsch-polnisches Medium neu entdeckt

Schreibfeder DIALOG: J.Januszewski

Die schon legendäre Schreibfeder des DIALOG aus der Feder von J.Januszewski

(Berlin, JW) Wenn man uns von Polen.pl als das Amateur-Ballonfahrerteam sieht, das mit großer Neugier über die polnischen Wojewodschaften schwebt, sich interessante Themen herauspickt und ausgiebig betrachtet; wenn man die geschätzten Kolleginnen und Kollegen von Polen-heute und dem Polen-Magazin als die umtriebig durch die polnischen Themen düsenden rasenden Reporter betrachtet, wenn man sich die etablierten Medien von den allgemeinen Tageszeitungen bis zur Zeit als die Kormorane vorstellt, die bei den aufmerksamkeitsheischenden Themen pfeilartig mit großem Schwung auf den Themenfokus eilen, dann schaut das deutsch-polnische Magazin DIALOG, das Sujet dieses Beitrags, mit noch etwas mehr Distanz und noch etwas genauer auf das, was die Deutschen an Polen interessiert und umgekehrt. Fast schon aus der Höhe eines Aufklärungssatellitens fährt die deutsch-polnische Redaktion des DIALOG mit hohem Anspruch an inhaltliche Tiefe, an Objektivität und vor allem auch an die eigene Rolle in der Gestaltung der Beziehungen ihre Beobachtungsscanner auf vorher oft verborgene Themen in Polen aus, aber auch auf Themen, die beide Länder betreffen. Doch bevor ich zu ein paar beinahe historischen Beispielen dieser aufklärenden Position komme, erzähle ich noch von einem innerlichen Konflikt beim Schreiben dieses Artikels.

Da war sie, die Sache mit der Befangenheit

„Da haben wir den Salat: Ich als ‚befangener Autor‘ schreibe einen Artikel über eine Institution im deutsch polnischen Bereich.“ So dachte ich, als mir klar wurde, dass ich diesen Artikel schreiben muss und mich fragte, warum ich das noch nicht viel früher getan hatte. Auf den ersten Blick stellt sich der DIALOG als eine Art Dinosaurier unter den deutsch-polnischen Medien dar: Entstanden vor über 25 Jahren im Rahmen der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Wer das Blatt nicht liest, dürfte es für eine Vereinszeitung älterer Damen und Herren mit hehren Absichten und etwas vergangenheitsorientierter Sicht auf die Dinge halten. Wer es liest, wird sich aufgrund der hohen Qualität nicht wundern, dass es mir einen Bericht wert ist. Woher also nun die Befangenheit? Das ist ganz einfach: Gefreut habe ich mich, als ich gefragt wurde, ob ich nicht die neue Internetseite des Magazins gestalten wolle. Gefreut habe ich mich auch, als ich damit gewissermaßen gezwungen war, mir noch einmal die Vergangenheit der Zeitschrift und zahlreiche Artikel genauer anzusehen. Dass ich dabei auf Perlen in Buchstaben stoßen würde, die mein Bild der deutsch-polnischen Annäherung vielfach noch einmal um ganz neue Perspektiven anreicherten, war ja nicht abzusehen. So stehe ich nun also vor dem Dilemma, über etwas zu schreiben, an dem ich – zumindest in Sachen Internetpräsentation – nun ein bisschen beteiligt bin. Einigen wir uns darauf, dass ich zur Internetseite kein Wort verliere und das vorstelle, was ich allen Interessierten unbedingt empfehlen möchte: Viele frühere Ausgaben des DIALOG.

Neugierig, 4x im Jahr

Wer den Gegenstand dieses Artikels noch nicht kennt: ‚DIALOG‘ heißt also die vier Mal jährlich erscheinende Zeitschrift, die von den Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Deutschland und den Polnisch-Deutschen Gesellschaften in Polen herausgegeben wird. Seit gut 25 Jahren erscheint das Magazin nun, was zweifelsohne in der von begrenzten Fördermitteln, geringen Budgets der Interessenten und dem nur langsam wachsenden Interesse der breiten Bevölkerungsschichten geprägten Umfeld eine beeindruckende Bilanz ist. Herausgeber sind die Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband e.V. aus Berlin und Przeglad Polityczny mit Sitz in Gdansk (Danzig). So ein Verband ist, besonders ein Dachverband, natürlich nie unumstritten. Zumal es noch eine Konkurrenz um die Lufthoheit in den deutsch-polnischen Beziehungen zu einem oder gar zwei anderen Verbänden gibt, aber das ist ein ganz anderes Thema. Der DIALOG ist insofern ‚amtlich‘ anerkannt, soweit man das sagen kann, als dass er von der Stiftung für Deutsch-Polnischen Beziehungen und dem Auswärtigen Amt unterstützt wird.

Beinahe noch beeindruckender ist, dass es das Magazin Ausgabe für Ausgabe schafft, hohen inhaltlichen Anspruch mit spannenden Themen zu verbinden. Nichtsdestotrotz ist der ‚DIALOG‘ doch eher ein Magazin für ernsthaft Interessierte und nicht für den zufällig in der Bahnhofsbuchhandlung suchenden Unterhaltungsmagazinkunden. Kurze Texte sind eher selten, meist haben die Texte nicht nur mehr Länge, sondern auch mehr Tiefe als anderswo.

In Buchstaben gemeißelte deutsch-polnische Beziehungen

Ich kann sagen: Es hat richtig Spaß gemacht, sich einmal in die alten Ausgaben des DIALOG zu vertiefen. Auf viele Dinge wurde mir eine ganz andere Perspektive ermöglicht. Gerade der Rückblick und das Lesen darüber, was man damals von der Zukunft erwartete, war der spannende Moment.

Manche Autoren schrieben schon viele Jahre vor den heutigen Entwicklungen über Themen im deutsch-polnischen Bereich, bei denen sie die Entwicklung erstaunlich gut vorhersahen. Aber nicht nur das: Sie stellten den jeweiligen Zeitgeist in Bezug auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen in tiefgründiger und verständlicher Weise vor, was retrospektiv manche heute unvorstellbare Situation noch einmal klarer macht. Beispiele gefällig? Aber gern.

Die Abbildung der deutsch-polnischen Beziehungen

Einige Ausgaben des DIALOG. Quelle: dialogmagazin.eu

Einige Titelblätter des Magazins

Beginnen wir mit dem Essay „Perspektiven: Was für eine Union braucht Polen, was für eine Gemeinschaft braucht Europa?“. Verfasst von keinem geringeren als Donald Tusk. Tusk kennen unbestritten, zumindest seit der Ära Kaczynski, sehr viele Menschen in Deutschland. Vor über drei Jahren, in der Ausgabe 92 des DIALOG, schrieb der heutige Ministerpräsident Polens über seine Wahrnehmung Europas. Nicht nur, dass der Beitrag fast vergessene Indizien über Tusks Mitwirken in der Solidarność enthält oder über seine Kindheit in Gdansk. Seine Wahrnehmung eines Europas ist gerade vor dem heutigen Hintergrund zunehmender Europa-Skepsis ganz besonders spannend: Wer mit der europäischen Idee hadert oder sich mit ihr beschäftigt, findet lesenswerte Denkanstöße. Die Frage, ob Polen ein bedeutend europäisches, vielleicht sogar europäischeres Land als Deutschland ist, wird beim Leser ungewollt aufflammen. Am Rande: Ist ‚europäisch‘ überhaupt steigerbar?

Europa überhaupt: Das ist neben der deutsch-polnischen Verständigung ganz offensichtlich eine Mission des DIALOG. Die Redaktion selbst sieht sich als ‚Agora in der Mitte Europas‘; der Begriff prägte das Redaktionsteam offenbar vor mehr als fünf Jahren. Darauf jedenfalls lässt ein Text des Chefredakteurs Basil Kerski schließen. Der, fasziniert von einem Interview mit Krzystof Czyżewski aus dem Jahr 2006, wendet den Begriff der Agora auf die Zeitschrift an – wo er sich heute noch findet. Eine Agora übrigens ist nicht nur Versammlungsplatz einer Stadt, sondern auch der identitätsstiftende Platz gesellschaftsprägender Veranstaltungen, Feste, Riten und dergleichen. Eine große Aufgabe für ein gedrucktes Magazin, keine Frage.

Übrigens, die Nähe zu großen Namen ist nicht von der Hand zu weisen: Nicht nur Donald Tusk steht dem DIALOG auch über seinen alten Weggefährten und heutigen Berater Wojciech Duda nahe. Auch Rita Süßmuth ließ bei einem Jubiläum der Zeitschrift verlautbaren: „Im DIALOG fanden beachtenswerte Diskussionen über die Wirtschaft, Politik und Kultur statt. Ein kaum zu überschätzendes Verdienst ist darüber hinaus die vielseitige Darstellung sowohl der deutschen Minderheit in Polen als auch der deutschen Polonia – der in Deutschland lebenden Polen. Heute ist dieses zweisprachige Magazin für jeden, der an der deutsch-polnischen Nachbarschaft interessiert ist, eine Informationsquelle von unschätzbarem Rang, aber auch – wie manchmal zu hören – eine Hilfe beim Erlernen der Sprache.“

Auch Frank-Walter Steinmeier, der ‚Wieder-Außenminister“ in Deutschland schrieb bereits für den DIALOG. 2006 kamen neben Süßmuth auch Margot Käßmann und der polnische Amtskollege Jozef Zycinski zu Wort. Ausgewiesene Experten wie Reinhold Vetter vertieften wichtige Debatten wie die um das Buch von Jan Tomasz Gross (auch wir berichteten), die Frage der Bezeichnung von im besetzten Polen errichteten deutschen Konzentrationslager als „polnische KZ“ wurden ebenso erörtert (Ausgabe 74/75) wie skurrile Beiträge zur Repräsentativität des Media-Markt-Erfolgs in Polen (Archipel Media Markt).

Begleitende Stimme

Welche Rolle eine Zeitschrift wie der DIALOG bei der Dokumentation und vielleicht sogar dem Bewegen in den deutsch-polnischen Beziehungen seit seiner Gründung vor über 25 Jahren spielen konnte, zeigt die Galerie der vergangenen Ausgaben. Nun, leider sind nicht alle Titel digital verfügbar, doch lassen sich sehr sehr viele Ausgaben noch bestellen. Ich kann nur sagen: Es lohnt sich, nicht nur für Historiker. Wer sich dann doch für die Internetseite interessiert, der findet sie unter www.dialogmagazin.eu.

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  1. Rüdiger Steinacher
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