Ein Praktikum im polnischen Parlament – Mein Erfahrungsbericht

Das Logo der Sejjmkanzlei MPSP

Das Logo der Sejjmkanzlei MPSP

(Dülmen, AF) Die nächste Möglichkeit für das internationale Sejmpraktikum rückt näher. Anlass genug, um auf die Bewerbungsfrist bis zum 30. November 2013 hinzuweisen. Unsere Leser und Leserinnen dürfte das interessieren, denn ein Praktikum im polnischen Parlament, dem Sejm, ist lehr- und erlebnisreich. Ich spreche da aus eigener Erfahrung, weil ich selbst Praktikantin der diesjährigen elften Edition des Internationalen Programms für Parlamentspraktika (Międzynarodowy Program Staży Parlamentarnych, MPSP) war.

Über das Praktikum

Als Schwesterprogramm des (bisher) bekannteren Bundestagspraktikums konzipiert, werden auch im Sejm die Praktikanten jeweils einem oder einer Abgeordneten zugeteilt. Ansonsten gibt es mehrere Unterschiede. Anders als beim Bundestagspraktikum dauert das Sejmpraktikum nur drei Monate. Beim polnischen Parlamentspraktikum gibt es pro Jahr zwei Gruppen. An der Frühlingsedition nahmen außer mir 13 weitere Personen aus Deutschland, Litauen, Ungarn, Rumänien und der Ukraine teil.  Für die Herbstedition reisten in diesem Jahr Teilnehmer aus Kasachstan, Kirgisistan, Georgien und Kanada an. Der Sejm zahlt ein Taschengeld und stellt eine Unterkunft in einem Studentenwohnheim zur Verfügung.

Voraussetzungen

Um sich für das Sejmpraktikum bewerben zu können, muss man folgende Voraussetzungen erfüllen:

  • deutsche Staatsbürgerschaft,
  • abgeschlossenes Hochschulstudium,
  • sehr gute Polnischkenntnisse,
  • zu Beginn des Praktikums sollte das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht sein,
  • es sollte die Absicht bestehen, im öffentlichen Dienst tätig zu werden.

 Bewerbungsverfahren

Sejm, Plenarsaal Foto: polen.pl (AF)

Sejm, Plenarsaal
Foto: polen.pl (AF)

Bis zum Bewerbungsschluss müssen die auf der Internetseite geforderten Bewerbungsunterlagen (neben dem Bewerbungsantrag ein Empfehlungsschreiben, Gesundheitszeugnis, Diplome / Zeugnisse, beglaubigte Kopie des Personalausweises und Passfotos) bei der polnischen Botschaft in Berlin eingegangen sein. Mit etwas Glück wird man dann zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch nach Berlin eingeladen. Außer mir bewarben sich sieben weitere Interessenten aus Deutschland; die Konkurrenz war also nicht allzu groß. Im herrschaftlichen Anwesen der Botschaft erwartet die Bewerber eine Auswahlkommission, die sich aus einem Abgeordneten, zwei Vertreterinnen des Praktikumprogramms aus Warschau und einem Vertreter der polnischen Botschaft zusammensetzt.

Ich empfand das rund zwanzigminütige, selbstverständlich auf Polnisch geführte Vorstellungsgespräch als sehr angenehm. Zunächst wurden mir Fragen zu meinem Lebenslauf und meinem Studium gestellt. Danach wurde getestet, ob ich Kenntnisse des polnischen parlamentarischen Systems habe: „Wie heißt der aktuelle Sejm-Marschall? Welche Parteien sind im Sejm vertreten?“ Zum Schluss wollte man mit einer „Anwendungsfrage“ herausfinden, ob ich über die politischen Belange Polens Bescheid wusste: „Stellen Sie sich vor, Sie wären Polens Außenministerin. Was würden Sie tun, um die Beziehungen zu Russland zu verbessern?“ Etwa zwei Wochen nach dem Gespräch erhielten neben mir zwei weitere Bewerber die Zusage.

 Die Einführungswoche

Anfang April begann das Praktikum. In der ersten Woche erhielten wir sogenannte „Identifikatoren“, ohne die man die Sejmgebäude nicht betreten kann, sowie Arbeitslaptops. Bei einer Führung lernten wir das Sejmgelände kennen. Mitten in der Innenstadt, nahe der deutschen und französischen Botschaft, befindet sich das überschaubare, geschichtsträchtige Areal. Dabei macht der Plenarsaal des Sejm von außen nicht ganz so viel her wie die Reichstagskuppel. Das Intérieur mit dunklen, hölzernen Sitzen mit grünen Samtbezügen macht dagegen einen wesentlich edleren Eindruck als das bürokratische Antlitz des Bundestages.

Bei einer feierlichen Eröffnung machten wir Praktikanten Bekanntschaft mit den Mitarbeitern der Sejmkanzlei. Sie sind für das Praktikumsprogramm verantwortlich. Darüber hinaus wurden wir mit den einzelnen Büros des Sejm vertraut gemacht: dem Büro für Internationale Angelegenheiten,  dem Büro für Sejmausschüsse, dem Analysebüro des Sejm und dem Legislativbüro. Darüber hinaus sahen wir den hauseigenen Verlag, die Bibliothek und verschiedene andere Einrichtungen.

Anschließend erfuhren wir, wer welchem Abgeordneten zugeteilt war. In meinem Fall wurde ich einem Oppositionspolitiker der kontroversen Ruch Palikota (Palikot-Bewegung) zugeordnet, dessen Wahlkreis in Schlesien liegt. Man teilte uns mit, dass die Sejmkanzlei bei der Verteilung auf die Interessen der Praktikanten einzugehen versuchte. Das zeigte sich u. a. darin, dass „mein“ Abgeordneter in der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe sitzt. Und auch bei vielen anderen Teilnehmern war der Abgeordnete ein Mitglied der jeweiligen bilateralen Gruppe. Entsprechend der Sitzanzahl im Sejm waren die meisten meiner Kollegen entweder einem PO- oder einem PiS-Abgeordneten beigeordnet (Bürgerplattform und Recht und Gerechtigkeit).  Zudem erhielt jeder Praktikant einen Betreuer aus dem Mitarbeiterstab des Abgeordneten bzw. aus einem der Büros.

 Aufgaben

Gut besuchte Sejmsitzung Foto: polen.pl (AF)

Gut besuchte Sejmsitzung
Foto: polen.pl (AF)

Was und wie viel man als Praktikant im Sejm zu tun hatte, war ganz individuell und hing einerseits vom Abgeordneten und andererseits von einem selbst ab. War der Abgeordnete z. B. prominent und/oder in vielen Ausschüssen vertreten, konnte es passieren, dass er oder sie nicht sehr viel Zeit für seinen Praktikanten aufbringen konnte. In dem Fall konnte man sich gut an den Betreuer, die Mitarbeiter im Wahlkreisbüro und in den jeweiligen Ausschüssen und Büros in Warschau wenden. Dort war man froh, wenn die ausländischen Praktikanten ein wenig zur Hand gingen.

In meinem Fall fertigte ich vorwiegend Übersetzungen und Recherchen an und begleitete deutsche Besuchergruppen. Doch auch wenn der Abgeordnete nicht immer Aufträge parat hatte, konnte man häufig mitgehen und verschiedene Politiker und Akteure von unterschiedlichen Institutionen kennenlernen. Einmal durfte ich zu einer Fraktionssitzung der Palikot-Bewegung mitgehen, ein anderes Mal nahmen meine deutschen Kollegen und ich an einer Sitzung der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe teil.

Unbedingt zu bemerken ist, dass es bei dem Praktikum nicht darum geht, täglich acht Stunden vor seinem Laptop zu sitzen und Aufgaben zu erledigen. Ziel ist es, den Praktikanten die polnische Demokratie näher zu bringen. Sei es, um Strukturen als Vorbild für sein Heimatland mitzunehmen, sei es, um zwei parlamentarische Systeme miteinander vergleichen zu können. Daher wird den Praktikanten auch viel Freiraum gelassen.

So kann man an den verschiedenen Ausschusssitzungen und Konferenzen teilnehmen, in der Sejm-Bibliothek stöbern und in den Wahlkreis „seines“ Abgeordneten fahren, um dort die Arbeit vor Ort kennenzulernen. Von dieser Möglichkeit machte ich gleich dreimal Gebrauch: Zum einen ist eine Woche Wahlkreisaufenthalt sowieso für alle Praktikanten vorgesehen. Zum zweiten organisierte „mein“ Abgeordneter gemeinsam mit anderen Mitstreitern eine Konferenz zum weiteren Ausbau der Oder als Wasserstraße. Und zum dritten nahmen meine deutschen Kollegen und ich an einem Parteitag der regierenden Bürgerplattform (Platforma Obywatelska, PO) teil.

 Weitere Möglichkeiten

Neben den Aktivitäten im und um den Sejm steht es den Praktikanten frei, an Universitätsveranstaltungen teilzunehmen und Scheine zu erwerben. Dabei können Kurse zweier Studienrichtungen belegt werden. Schwierig ist nur, dass Praktikums- und Semesterdauer nicht übereinstimmen. Als ich im April nach Warschau kam, lief das Semester bereits und das Praktikum endete noch vor Semesterende. Wer unbedingt einen Schein machen will, dem seien Blockkurse ans Herz gelegt. Wer es „nur“ interessehalber macht, muss nicht bei jeder Sitzung anwesend sein.

Die Hauptstadt Warschau ist nicht nur Sitz des Parlaments, sondern auch zahlreicher Institute und Einrichtungen. Es gibt ständig interessante Konferenzen und Seminare, zu denen die Praktikanten auch während der Arbeitszeit gehen dürfen.

Hier eine kleine Auswahl der Einrichtungen, deren Internetseite ich häufig auf Veranstaltungen gecheckt habe: das Deutsche Historische Institut (DHI), das Institut für Öffentliche Angelegenheiten (Instytut Spraw Publicznych, ISP), das Polnische Institut für Internationale Angelegenheiten (Polski Instytut Spraw Międzynarodowych, PISM), die polnischen Tageszeitungen (z. B. Rzeczpospolita oder Gazeta Wyborcza) und natürlich die deutschen Stiftungen, von denen einige in Warschau vertreten sind (KAS, FES, Böll, Naumann). Auf jeden Fall sollte man die Aktivitäten außerhalb des Sejm mit seinem Betreuer bzw. seinem Abgeordneten abklären.

 Exkursionen

Zwerge findet man in Breslau an jeder Straßenecke Foto: polen.pl (AF)

Zwerge findet man in Breslau an jeder Straßenecke
Foto: polen.pl (AF)

Als wenn das nicht schon genug wäre, sind ebenfalls drei Exkursionen Bestandteil des Praktikums. Am Ende der Einführungswoche fuhren wir für einen Tag nach Kazimierz Dolny bei Lublin. (Über diesen Ort berichtete ich bereits in einem Artikel.) In der siebten Woche fuhren wir nach Wrocław (Breslau) und gegen Ende der drei Monate in die Puszcza Białowieska, einen Nationalpark an der belarussischen Grenze, wo Bisons in freier Wildbahn leben (siehe dazu auch Julias Artikel zu Ostpolen.) Außerdem gingen wir gemeinsam ins Theater und besichtigten das Museum des Warschauer Aufstands sowie das Chopin- und das Kopernikus-Museum. So konnten wir nicht nur die polnische Demokratie und die Hauptstadt, sondern auch Land, Leute und Kultur kennenlernen.

Meine Bilanz

Das Praktikumsprogramm MPSP bietet ein reiches Spektrum an Erfahrungen. Meine Kolleginnen und Kollegen konnten mit mir erleben, wie in Polen Politik gemacht wird und wie sie von den Bürgern aufgenommen wird, z. B. bei Streiks. Als Praktikant eines Abgeordneten arbeitet man mit vielen Menschen aus verschiedenen Büros und Ausschüssen zusammen. Dabei erwiesen sich die Mitarbeiter des Sejm als äußerst hilfsbereit und freundlich. Sie waren stets bemüht, Fragen zu beantworten, Aufgaben zu geben und den Praktikanten das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Überhaupt hatten wir den Eindruck, als Sejmpraktikant mehr Anerkennung zu erhalten, als wir es von anderen Praktika gewohnt waren.

Darüber hinaus ist es spannend – sowohl durch die Uni-Kurse als auch durch die Unterbringung im Studentenwohnheim – einmal in das polnische Studentenleben hineinzuschnuppern. Nicht zuletzt trugen die geplanten wie auch privat organisierten Exkursionen und Kurztrips dazu bei, einen einmaligen, umfassenden Einblick in die polnische Lebenswirklichkeit zu erhalten.

Interessieren Sie sich für polnische Politik und sprechen auf sehr gutem Niveau Polnisch? Dann bewerben Sie sich hier noch bis zum 30. November für ein Praktikum im Sejm. Auskunft gibt auch die polnische Botschaft in Berlin. Falls es in diesem Jahr nicht klappen sollte oder die Sprachkenntnisse noch aufgebessert werden müssen, das Praktikum wird jedes Jahr (mit Ende November als Bewerbungsschluss) angeboten.

Für Fragen stehe ich unter der Mailadresse anna@polen.pl zur Verfügung.

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Comments
  1. tomek
    • Anna

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