Ein Silberner Bär für Małgorzata Szumowska

Richard Hübner © Berlinale

(Berlin, MK) Im Polnischen Institut Berlin haben in der Woche vor der Berlinale alle von ihr gesprochen. Es war eine kleine Sensation – der Film Ciało (oder englisch Body) der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska läuft im Wettbewerb der Berlinale. Und das hat seine Folgen: bei der Vorführung im Friedrichstadtpalast war das riesige Auditorium voll. Im Friedrichstadtpalast, in dem auch die größte Theaterbühne der Welt steht. Normalerweise finden dort Shows mit fast nackten Frauen statt, die Akrobatik machen oder hinter einer dicken Glaswand synchronschwimmen. In diesen Tagen war es das größte Kino der Berlinale.

Als das Licht ausgeht, blinken die Smartphones der Kinogäste im Dunkeln in bunten Farben, wie eine Großstadt. Die paar Details rund um die Vorführung hätten der Regisseurin sicher gefallen – so wie ich sie einschätze nach ihren Filmen W imię… (deutscher Titel: Im Namen des…) von 2013 und Ciało (Body), der am 11. Februar an der Berlinale Weltpremiere hatte. Und wie bei W imię… ist es in Body ein Netz aus Topoi und Bildern, das Szumowska in die Geschichte hineingezeichnet hat. War W imię… der erste große polnische Film, der Homosexualität aus einem ernsthaften Blickwinkel heraus thematisiert – am Beispiel eines Pfarrers -, ist Ciało nun – auf den ersten Blick – weniger provokativ. In W imię… verliebt sich ein Pfarrer in einem kleinen masurischen Dorf in einen Jugendlichen. Der Film ist großartig in jeder Hinsicht: Kamera (Michał Englert), Schauspieler_innen (u.a. Andrzej Chyra, Mateusz Kosciukiewicz, Maja Ostaszewska), Plot (Małgorzata Szumowska, Michał Englert) – vor allem auch vor dem Hintergrund der oft sehr konservativen polnischen Gesellschaft.

Filmplakat während der Berlinale in Berlin, Foto: Polen.pl (AS).

Filmplakat während der Berlinale in Berlin, Foto: Polen.pl (AS).

Ciało nun ist etwas anderes. Ruhiger, verstörender, subversiver. Ein Polizist (Janusz Gajos), mit verstorbener Frau und essgestörter erwachsener Tochter (Justyna Suwała) trifft jeden Tag auf brutal zugerichtete Tote: ein Selbstmord am Strick, ein auf der öffentlichen Toilette geborenes und zerstückeltes Baby. Ein Mord an einem Künstler, oben in einem Hochhaus, an dessen Wänden surrealistisch gezeichnete Bilder hängen, voll mit zerfließenden Mündern, verzerrten Gesichtern, sich doppelnden Augen. „Wer malt so was?“, fragt ein Polizist in einem weißen Schutzanzug, während die anderen in der Wohnung Fingerabdrücke abnehmen, von der Stereoanlage und den Schränkchen, Körper auf Staub.

Den Körper der Tochter findet der Polizist abends nackt vor dem Klo, zwischen Erbrochenem und Pillen. Er selbst trinkt zu viel Alkohol, wofür ihn Ola, die Tochter, verabscheut. In der Klinik für Essstörungen, in die er sie fährt – das fünfte Mal – machen klapperdürre Mädchen Schrei-, Tanz-, und Körpertherapie. Wenn Olas zu lange braucht, wird ihr Essen in den Mixer geworfen, und sie isst es dann mit dem Löffel: püriertes Marmeladenbrot, Nudeln mit Käse.

„Was denken Sie passiert mit diesen Kindern?“, fragt ein junger Kollege den Polizisten, nachdem sie die Toilette verlassen haben, in der das tote Kind gefunden wurde. „Nichts“, sagt Janusz. Die Art, wie Körperlichkeit und Endlichkeit in dem Film auch dem katholischen Glauben an das ewige Leben gegenübergestellt wird, hat mich stark an die Lieder der polnischen Sängerin Maria Peszek erinnert. Ihre Texte handeln auf eine sehr poetische Weise davon, dass Körper, Liebe und Schmerz für sich selbst existieren können, ohne einen religiösen Glauben dahinter. Eigentlich gewöhnlich für Cineasten und Musikliebhaber_innen in Deutschland. Aber radikal für viele in Polen, und gerade deshalb so wichtig.

Der Körper – Body – taucht im Film also in verschiedensten Formen auf. Tot, lebendig, kaputt, schwach, stark und transzendent: letzteres in Form der Körpertherapeutin Ania (Maja Ostaszewska), die als Medium auch Tote wieder sprechen lässt. Jeder ist irgendwie stark und schwach zugleich, jeder kämpft. So ist in Body das Leben. Schwierig, schmutzig, traurig, zum Lachen oder: lustig. Die schönsten Momente im Film sind nämlich die, wenn Vater und Tochter lachen – vorsichtig, verschmitzt, mit Tränen in den Augen. Das Lachen bricht aus ihnen heraus, wie am Ende des Films, wenn sie nach einer langen Nacht mit Ania, dem  eingeschlafenen Medium, am Tisch sitzen und im Kichern zusammenfinden, obwohl oder gerade weil um sie herum alles so absurd ist.

Auch der Jury der 65. Berlinale hat der Film gefallen: Ciało wurde mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.

Als Beispiel für Maria Peszeks Musik hier ihr Lied Ciało, aus dem Album Maria Awaria (2008).

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