Ein Stück Koszalin in der Küche. Gelesen: ‚Wir zwei allein‘ von Matthias Nawrat

Buchtitel 'Wir zwei allein' von Matthias Nawrat. Foto: Polen.pl (JW)

Alles nicht so wichtig: Bloß unscheinbar bleiben. Das sieht zumindest der Hauptakteur in ‚Wir zwei allein‘ so.

(Berlin, JW) ‚Wir zwei allein‘ ist ein Roman über zwei Menschenleben in der baden-württembergischen Provinz. In Freiburg, im Schwarzwald, lebt der Erzähler und führt als Gemüsefahrer auf dem Lande ein Dasein, dass seine Umwelt nicht so richtig wahrnimmt. Und wenn es von Freunden in der Kneipe oder seiner Mutter doch ein bisschen wahrgenommen wird, dann kommt eigentlich immer die Frage auf: „Was führst Du eigentlich für ein Leben?„. In der gleichen Stadt lebt Theres, die von Zeit zu Zeit in der Stammkneipe des Erzählers auftaucht. Auch Ihr alternativ-künstlerisches Leben neben dem Dasein als Schuhverkäuferin verläuft unter der Wahrnehmungsschwelle der Gesellschaft. Beide träumen auf ihre Art, um ihr Leben schön zu finden.

‚Lieber nicht‘

Jede Chance auf Veränderung, gar auf berufliches Fortkommen, lehnt der Erzähler kategorisch ab. Auf die Frage seines Chefs, ob er nicht die Bestellungen und vielleicht sogar die Geschäftsführung übernehmen wolle, kommt die Antwort: „Lieber nicht“. Beim Leser löst diese Art von Zurückhaltung, von Nicht-höher-hinaus-wollen, von Zufriedenheit mit dem Dasein mit dem Mercedes Sprinter-Gemüsetransporter unter der eigenen Kontrolle eine Art von Neid aus. Wer hat nicht in den letzten Wochen von den Studien gelesen, nach denen das berufliche Weiterkommen fast immer mit mehr Stress und Unzufriedenheit verbunden ist? Dieser Erzähler macht demnach alles richtig: Er ist zufrieden, wenn er am frühen Morgen durch die Schwarzwälder Felder fährt, wenn er an den Gaststätten Kürbisse und Spinat entlädt, wenn er am Abend in seiner Wohnung seinen Phantasien nachhängen kann: Ein Mustermodell des glücklichen Menschen? Bis Theres auftaucht und ihm Zuneigung entgegenbringt.

Ein Stück Koszalin in der Küche

Nein, Matthias Nawrat erwähnt seinen Geburtsort Opole (Oppeln) mit keinem Wort. Sein Erzähler ist Freiburger, und will Freiburger bleiben. Bis Theres kommt. Da werden die Träume des Erzählers plötzlich bunter, strebender, fast schon zielstrebig. Er „könnte sie (Einfügung: Theres) davon überzeugen, dass das Leben schön ist“ ist ein Gedanke, der ihm, dem das Beeinflussen anderer bisher völlig fremd war, nun kommt. Er träumt, mit ihr gemeinsam ein Café zu eröffnen, politische Abend zu veranstalten. Denkt, dass sein abgebrochenes Studium vielleicht doch nützlich war. Er wird sogar eifersüchtig.

Bei alledem verfasst Nawrat traumhafte Sätze. Sätze, die allein schon das Buch zu lesen lohnen. Sätze, die so vieldeutig, mehrschichtig, verträumt und farbig sind, dass man sich darüber freut, sie lesen zu dürfen. Jedenfalls ging es mir so. (Einschub: Scheinbar nicht allen Lesern; wer sich Rezensionen bei Online-Buchhändlern ansieht, findet auch verzweifelte Leser, die diese Sätze kompliziert, verkünstelt und unlesbar finden. Geschmackssache? Geschmackssache.) Vielleicht kommt da die lebendige Sprache des polnischen Alltags durch, in der man sich durchaus ‚bunte Träume‘ (Polnisch: kolorowych snów) wünscht, anstatt einfach nur ein plattes ‚Gute Nacht‘? Nein, dass wäre viel zu viel interpretiert. Der Autor zog bereits mit zehn Jahren nach Deutschland, studierte Biologie und ließ sich dann – welches Glück – in den Journalismus verschlagen.

Theres, (…). Ist was passiert?

„Wie schön sie jetzt wieder ist, wenn dieser Kampf in ihr einsetzt.“ Sehr vieles verändert sich im Leben des Erzählers, als Theres und er sich einer Art von Liebe, gar Beziehung, hingeben. Unkompliziert ist das beileibe nicht. Aber das Leben der Beiden bleibt weiterhin auf eine Art und Weise zufrieden, die viele Menschen sich nicht vorstellen können. Dennoch passiert etwas, das alles verändern könnte. Wenn es eine normale Beziehung wäre. Ist es aber nicht, und deswegen wird das von so schlichten tiefen Sätzen schöne Buch dann sogar beinahe aufregend, auf überraschende Weise. ‚Könnten‘, ‚würden‘, ‚vielleicht‘: Immer noch bleibt vieles im vagen, schwankt zwischen schönen Träumen und auf andere Art schöner Realität. „Surinam im Wohnzimmer, Madagaskar im Flur, in der Küche das polnische Koszalin“. So gibt es zumindest eine minimale Referenz an Polen in der Wahrnehmung der Erzähler-Umwelt; nicht, dass ich danach gesucht hätte. Oder doch, natürlich. Ein wenig.

Interpretation im Klappentext

Wer sich für das Buch interessiert, bekommt von mir eine uneingeschränkte Empfehlung: ‚Schön‘, das ist das Attribut für diesen Erstlingsroman Nawrats. ‚Wir zwei allein‘ durchlief bei mir innerhalb kürzester Zeit die Phasen des unbedingten Wunsches zum Weiterlesen, des Zwischenspeicherns nachdenklicher Sätze, des Ableitens eigener Ideen und des Bedauerns über die ’nur‘ 185 Seiten. Ein Tipp: Den Klappentext sollte man sich zunächst sparen und direkt den Roman lesen; der Klappentext gibt eine Lesart vor, die nach meinem Dafürhalten nicht die einzig mögliche ist.

Roman ‚Wir zwei allein‘, von Matthias Nawrat (Autoren-Seite matnawrat.de mit Leseprobe), erschienen 2012 bei Nagel und Kimche, ISBN 978-3-312-00497-3, ‚Wir zwei allein‘ bei Amazon und  als E-Book bei Amazon)

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