Eine Fernsehserie mit Nachwirkungen

Diskussion beim DPG-Bundeskongress. Foto: Polen.pl (JW)

Lebhafte Diskussion

(Berlin, JW) „Ein Dreiteiler, der unter die Haut geht. Wahrhaftig, ergreifend und mitfühlend.“.  Das sind Presse-Zitate, die das ZDF zum Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ auf der Internetseite veröffentlicht. Betrachtet man die Diskussion in Polen zum Film, so bekommt die Wertung des ‚unter-die-Haut-gehens‘ eine ganz andere Wirkung, das ‚wahrhaftig‘ wirkt zweifelhaft. Wer sich mit deutsch-polnischen Themen beschäftigt, kam an der Diskussion um den quotenstarken Fernseh-Dreiteiler nicht vorbei. Die Diskussion schlug am Ende nicht nur in Polen hohe Wellen, sondern wurde auch in der deutschen Presse sichtbar. Warum das so war, wurde bei einer Podiumsdiskussion auf der Jahrestagung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft kontrovers diskutiert.

Wie konnte das passieren?

Die Frage, wie das passieren konnte, tauchte zwei Mal auf. Direkt zu Beginn der Diskussion wurde die Frage gestellt, wie es zu einer solch lautstarken Kontroverse besonders in Polen zu einem Fernsehfilm in Deutschland kommen konnte. Immerhin ging es ’nur‘ um einen Fernsehfilm, und nicht um die Aussage eines hochrangigen Politikers. Zum zweiten Mal fragte man sich auf dem Podium, wie den erfahrenen und hochkarätigen Machern des Fernsehstreifens ein solcher Fehler unterlaufen konnte. Was das für ein Fehler war, wurde übrigens zu einer weiteren lang diskutierten Frage.

Immerhin 83 Länder haben die Rechte an dem Film erworben, sogar in die USA wurde das Werk verkauft. Viele Preise heimste die 14 Millionen Euro teure Produktion ein. Dennoch entzünden sich in Polen noch heute die Gemüter an einigen Passagen des Werks. Die Diskussion wurde sogar so kritisch, dass sich – zumindest war das die Interpretation einiger Podiumsteilnehmer – das ZDF genötigt sah, mit ‚Kampf ums Überleben‘ einen ‚politisch korrekten‘ Dokumentarfilm über den polnischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg zu beauftragen und kurz nach Fertigstellung auszustrahlen. Diesen Dokumentarfilm drehte übrigens der auch auf der Bühne anwesende Andrzej Klamt, über dessen Werk ‚Die geteilte Klasse‘ wir hier schon berichteten.

Doch zurück zur Frage, was überhaupt passiert ist: Kurz nach Ausstrahlung des Films empörten sich Presse und viele Menschen in Polen über die Darstellung des polnischen Widerstands. Dieser wirke im Film pauschal antisemitisch und sei historisch falsch dargestellt. Kaum einer bestritt dabei aber, dass es antisemitische Tendenzen auch im polnischen Widerstand gab; doch sei die filmische Darbietung in ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ geeignet, ein fehlerhaftes Bild dieser für Polen wichtigen Widerstandsbewegung zu zeichnen. Darüber hinaus entstand Kritik an der schlechten schauspielerischen Einbindung der Szenen, etwa, weil im Film ein schlechtes Polnisch gesprochen würde.

Rückschritt gegenüber früheren Darstellungen

Einig war man sich auf dem Podium, dass ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ in der Darstellung Polens in Deutschland einen Rückschritt darstellte. Nach der Wehrmachtsausstellung und anderen historischen Darstellungen in Deutschland sei man hier in alte, vereinfachende Verhaltensmuster zurückgefallen. Die Geschehnisse in Polen während des Zweiten Weltkriegs seien erneut schlecht recherchiert und dargestellt worden; für die polnischen Anwesenden ein Zeichen für einen unachtsamen und gleichgültigen Umgang mit den Nachbarn im Osten. Es diskutierten unter dem Titel ‚Unsere Opfer, eure Täter?‘ Andrzej Klamt (Regisseur und Produzent), Markus Krzoska (Moderator), Kolja Mensing (Schriftsteller), Piotr Semka (Journalist und Publizist) sowie Robert Traba (Direktor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften).

Der Hinweis Kolja Mensings, dass einem Spielfilm auch Grobheiten in der Recherche im Vergleich zu einer Dokumentation nachgesehen werden sollten, stieß wiederum auf Kritik: Gerade ein reichweitenstarkes Werk wie ein ZDF-Spielfilm mit erheblichem Budget sei geradezu verpflichtet, ordentlich zu recherchieren. Nach Mensing würde zu viel in den Film interpretiert; man erwarte von diesem in drei Filmteilen die Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Dies sei unrealistisch, vor allem aufgrund des Filmgenres und der jahrhundertelangen Ungerechtigkeit, die kaum in einem solchen Format aufgearbeitet werden könne. Auch hier hagelte es Widerspruch: Falsche Darstellungen seien unverzeihlich, vor allem, wenn sie mit geringem Aufwand korrekt darzustellen gewesen wären. Der polnischen Sprache mächtige Darsteller und ein Protagonist ohne antisemitischen Hintergrund hätten wahrscheinlich gereicht, den Anforderungen Genüge zu tun.

Polen vergessen

Zum Eindruck, dass Gleichgültigkeit gegenüber Polens Rolle ein Grund für den Fauxpas gewesen sein könnte, trug Klamt mit einem Hinweis bei: Aufgrund Budgetknappheit sei die ursprünglich gar nicht im Skript vorhandene Widerstandsszene in Polen erst später in das Drehbuch gelangt. Das würde auch das Abfallen dieses Erzählstranges gegenüber den sonst handwerklich gut gemachten sonstigen Passagen im Film erklären. Die Darstellung aller polnischen Bauern als dick und dumm sowie die Darstellung aller Untergrundkämpfer als antisemitisch seien vermutlich deren Ergebnis. Keineswegs sei man in Polen darüber erzürnt, dass antisemitische Untergrundkämpfer dargestellt würden; auch viele polnische Werke täten das. Und dies auch zu Recht, da es unter Widerstandskämpfern erwiesenermaßen antisemitische Tendenzen als Randerscheinung gab. Kritik entstand durch die einseitige Darstellung.

Beste Aufarbeiter

Diskussion beim DPG-Bundeskongress. Foto: Polen.pl (JW)

Kontroverse Meinungen dazu, was Spielfilme dürfen

Neben der Unachtsamkeit im Umgang mit der polnischen Geschichte beim Dreh von ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ gab es auch Kritik am ‚Lehrreflex‘ der deutschen Medienmacher. Weil in Deutschland eine umfassende Aufarbeitung des Nationalsozialismus erfolgt sei, bestehe noch lange keine Berechtigung dazu, auch die Aufarbeitung der Geschichte von Nachbarländern in die Hände von Deutschen zu legen.

Ein Dialog auf Augenhöhe zu historischen Themen hatte beim Entstehen solcher Filme noch nicht bestanden, so ein Fazit. Wie man beim beauftragenden Sender trotz aller Zwischenabnahmen erst nach Ausstrahlung die Risiken der Darstellung bemerken könne, sei die entscheidende Frage. Die Antwort: Weil man mit erstaunlicher Ahnungslosigkeit an das Thema herangegangen sei. Eigentlich seien also nicht die Mängel in der Recherche das Problem, sondern die Tatsache, dass diese Mängel entstehen konnten und bis zur ausgestrahlten Version nicht beseitigt wurden. Auch würden wichtige historische Themen für Polen, etwa der Warschauer Aufstand, in deutschen Medien so gut wie gar nicht aufgenommen.

Zuletzt konnte in der Diskussion dann doch noch etwas Gutes am Film entdeckt werden, der in seinen anderen Passagen auch als sehr gut gelobt wurde: In der deutsch-polnischen Debatte habe er zu mehr Sensibilität geführt und im Gegensatz zu dokumentarischen Darstellungen auch manchen der zweiten oder dritten Generation persönlich näher an das Thema gebracht.

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