Eine neue polnische Teilung? – Das polnische Mediensystem in Zeiten der Filterblasen Teil 2

K. Bader: "Polen hat eine Tradition getrennter Öffentlichkeiten" (Foto: Benjamin Ganzenmüller)

(Foto: Benjamin Ganzenmüller)

von Hauke Fehlberg und Frank Segert

Im ersten Teil des Interviews mit Prof. Dr. Katarina Bader sprachen wir über das polnische Mediensystem und welche Reformen die PiS-Regierung nach dem Regierungsantritt angestrebt und umgesetzt hat.

Der zweite Teil widmet sich dem Inhalt der Veranstaltung „In der Filterblase“, für die Polen.pl die Medienpartnerschaft übernommen hat. Katarina Bader war als Expertin zum Fachgespräch in der Reihe „Wglądy“ der Evangelischen Akademie zu Berlin eingeladen. Dies ist der zweite Teil des Interviews, welches wir vor der Diskussion am 7. Februar 2017 führen konnten.

Polen.pl: Kommen wir zur Veranstaltung «In der Filterblase: Geschlossene Diskursräume digital und analog». Auch bei Polen.pl erleben wir, dass der Umgangston im Netz rauer wird. Gleichzeitig erscheint es uns zu einfach, pauschal die Schuld an dieser Entwicklung bei den sozialen Medien zu suchen. Faszinierend ist doch vielmehr die Gleichzeitigkeit solcher Entwicklungen in Deutschland und in Polen oder auch dass man sich in der Diagnose, soziale Medien seien schuld an der Diskursunfähigkeit ganzer Gesellschaften, so einig ist, ohne die These belegen zu können. Am Safer-Internet Day 2017 war die massive Brutalisierung im Internet und wie man ihr entgegentreten kann, großes Thema. Welche polnischen Versuche kennen Sie, um diesen Tonfall im Netz mit besseren Umgangsformen zu verbessern?

Screenshot: "Blue Feed, Red Feed" beim Wall Street Journal

Screenshot: „Blue Feed, Red Feed“ beim Wall Street Journal

Prof. Dr. Katarina Bader: Es gibt in den USA Versuche, über gesellschaftliche Gräben hinaus wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. So werden etwa Schüleraustauschprogramme gestartet, in denen Menschen aus rein konservativen Trump-Wählerbereichen liberalen Küstenbewohnern begegnen. Und es gibt viele weitere Aktionen, bei denen z.B. Konservative und Liberale ihren Facebook-Newsfeed tauschen. Im polnischen Diskurs gibt es auch Stimmen, die fordern, dass man sehr viel mehr miteinander reden sollte, aber aus der Distanz scheint es mir, dass da gegenwärtig Trotz vorherrscht. Ich lese immer wieder solche Kommentare wie „Lasst mir doch meine Filter-Bubble! Ich will mit diesen Idioten gar nicht sprechen! Ich weiss schon wie die denken. Ich will es aber gar nicht genauer wissen, weil mir schlecht wird.“ Überzeichnet gesprochen.

Polen ist ein Land, das immer relativ stark polarisiert war und das auch eine Tradition getrennter Öffentlichkeiten hatte: eine offizielle und eine Untergrund-Öffentlichkeit. Polen ist in diesem Zusammenhang ziemlich schmerzresistent gegen das so völlige Auseinanderbrechen der Öffentlichkeit. Meiner Deutung nach vielleicht ein bisschen zu schmerzresistent. Es gibt natürlich kritische Stimmen, die das – manchmal überzeichnend – bemängeln. Aber ich glaube, die sollten noch viel lauter sein. Sie sollten den Dialog mit der sogenannten „Gegenseite“ offensiv versuchen, immer wieder versuchen. Egal, ob es weh tut oder nicht – und immer wieder einfordern, dass beide Seiten einander zuhören.

Das betrifft nicht nur die Mediensphäre. Aus der Berliner Polonia, die groß ist und sich wohl weitgehend als liberal bezeichnen würde, heißt es häufiger: „Natürlich ist die Gegenseite schuld an der Spaltung. Wir werden doch denen jetzt nicht eine Plattform bieten und jemanden von der PiS für eine Diskussion einladen.“

Ich bin häufig auf Veranstaltungen eingeladen und habe den Eindruck: Das sind immer entweder reine Anti-PiS-Veranstaltungen oder Pro-PiS-Veranstaltungen. Dabei steht als Überschrift fast immer „Diskussion“ drüber. Aber die Diskussion besteht dann darin, dass sich alle in dem bestärken, was sie ohnehin schon denken. Der echte Diskurs ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, was übrigens auch für den deutsch-polnischen Diskurs gilt. Und das ist jammerschade. Gerade jetzt müssten wir noch viel mehr und viel offener miteinander sprechen.

Können Medien eine gesellschaftliche Kluft schließen?

Kommen wir zurück zu den Medien: Sie heben in Ihrem Beitrag von 2016 auch darauf ab, dass es in Polen eine weit verbreitete Medienskepsis gibt. Heißt das nicht im Umkehrschluss, dass Medien, selbst wenn sie konsensorientierter arbeiten würden, gar nichts zur Schließung der gesellschaftlichen Kluft beitragen können?

Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich zu der Fraktion der Kommunikationswissenschaftler gehöre, die nicht glauben, dass Medien allmächtig sind und dass Medien allein eine Gesellschaft zusammenbringen oder spalten können. Ich glaube, Medien wirken immer nur im Zusammenspiel mit verschiedenen anderen gesellschaftlichen Faktoren.

Insofern glaube ich nicht, dass die Medien eine gesellschaftliche Kluft schließen können. Jedoch können Medien dazu beitragen, dass wir ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Und das können die Journalisten auf der einen Seite, aber das können auch die Mediennutzer. Es macht nicht immer Spaß, Medien zu lesen, deren Meinung man ganz und gar nicht vertritt, aber es hilft – und sei es nur, um die eigenen Argumente zu schärfen und zu differenzieren.

J. Kaczyński in der Youtube-Satire-Serie "Ucho Prezesa" (Screenshot: Ucho Prezesa)

J. Kaczyński in der Youtube-Satire-Serie „Ucho Prezesa“ (Screenshot: Ucho Prezesa)

Heute nehmen viele Menschen den politischen Gegner – egal ob in den USA oder in Polen – nur noch über Parodien war. Wer Trump nicht mag, hört selten eine Rede von Trump – sondern immer nur drei absurd wirkende Ausschnitte. Wer Kaczyński nicht mag, kennt ihn eigentlich nur in parodierter Form. Das hat auch mit den internetspezifischen Nachrichtenwerten zu tun. Dinge, die wir lustig finden, teilen wir nun mal – so sind wir im Internet; das ist auch ok. Aber das führt natürlich dazu, dass ganz viel ernsthafte Auseinandersetzung gar nicht mehr stattfindet. Sich im Netz mit Politik zu beschäftigen bedeutet oftmals eher übereinander zu lachen oder sich übereinander aufzuregen, als in die Argumente des anderen „hineinzukriechen“, um sie in ihrer Substanz zu verstehen. Wir beschäftigen uns lieber mit den aus unserer Sicht peinlichen Ausrutschern unserer Gegner als mit dem, was sie eigentlich meinen mit ihrer Argumentation. Medien der Gegenseite zu konsumieren kann helfen, das eigentlich Gemeinte besser zu verstehen. Diese Fähigkeit sollten wir wirklich nicht verlieren.

Nach welchen Regeln soll das neue Mediensystem funktionieren?

Es haben sich im Nachgang zum polnischen Mediengesetz kleinere Medieninitiativen gebildet, wie z.B. oko.press, die dank einer Anschubfinanzierung durch die Konzerne Agora und Polityka mit Fact-Checking begannen, d.h. die den Wahrheitsgehalt von Meldungen untersuchen. Welche Rolle spielen diese Initiativen in ihren Augen? Können sie z.B. die Rolle des Versöhnenden einnehmen?

Screenshot: oko.press - Ośrodek Kontroli Obywatelski

Screenshot: oko.press – Ośrodek Kontroli Obywatelski

Ich finde solche Initiativen ganz wichtig; die gewinnen ja gerade weltweit an Gewicht. Da gibt es ganz viele Ideen und Initiativen und ich glaube, es ist unabdingbar, dass wir da eine Bürgergesellschaft aufbauen. Die öffentliche Kommunikation ist massiv im Umbruch, wir sind gerade an einer Nahtstelle, so wie es sie zuletzt vor hundert Jahren gab. Es hat sehr lange gedauert, bis wir für unser heutiges Kommunikationssystem ein Regelsystem geschaffen haben, mit Pressekodex usw. Ich glaube, wir müssen für dieses neue Online-Kommunikationssystem, das mit einer ganz anderen, individualisierten Grundlogik über das Teilen läuft und auch ganz anders funktioniert, ein ebensolches Regelsystem entwickeln. Und dafür brauchen wir genau diese Nicht-Regierungsorganisationen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Katarina Bader ist Professorin für Online-Journalismus an der Fakultät Electronic Media der Hochschule der Medien Stuttgart. Ihre Dissertation mit dem Titel „Medialisierung der Parteien, Politisierung der Medien. Interdependenzen zwischen Medien und Politik im postsozialistischen Polen“ ist im Springer VS Verlag erhältlich.

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  1. Jens Hansel
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