Erste Erfahrungsberichte zur Einführung der elektronischen Maut in Polen

Hier ein Stadtbus in Szczecin (Stettin). Photo: Polen.pl

Ein Stadtbus in Szczecin (Stettin): Maufrei.

(Warschau, BD) Eines der meistgelesenen Themen auf Polen.pl ist tatsächlich die seit dem 1.  Juli eingeführte Maut für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen. Wir berichteten detailliert über die neuen Regelungen, die Anmeldemöglichkeiten für die Mautgebühr und die hierfür geltenden Vorschriften. Sogar Betrüger nutzten das Interesse an der Maut, wie der Betreiber berichtete. Die große Nachfrage nach diesem Thema hat uns ein wenig überrascht, aber auch bestärkt, nun über die ersten Tage nach der Mauteinführung zu berichten. Vorab ein kurzes Fazit: Vieles funktioniert, nicht alles ist schon perfekt.

Start scheint (fast) problemlos

In polnischen Zeitungen werden nun die ersten Erfahrungsberichte zur neuen LKW-Maut in Polen veröffentlicht. Entgegen zahlreicher Befürchtungen, die österreichische Firma Kapsch werde mit dem Aufbau der nötigen Infrastruktur nicht fertig, scheint das System weitgehend problemlos gestartet zu sein. Technisch jedenfalls gab es keine bemerkbaren Ausfälle.

Dorota Prochowicz, Vertreterin der Firma Kapsch, sagte in einem Interview der Zeitung wyborcza.biz, dass bereits mehr als 117.000 Verträge mit Fahrern und Logistikunternehmern unterschrieben seien und schon mehr als 360.000 ‚Viatoll-Boxen‘, die zur Mauterfassung benötigt werden, ausgehändigt worden seien.

Zeitungen in Polen berichten auch über Probleme

Die Einführung der Maut hatte allerdings auch ungewollte Folgen: So berichtet die wyborcza.biz gleichsam über eine wichtige Lücke im System. Diese Lücke betrifft die Landstraße  Nr. 1. Diese Straße verläuft parallel zur neuen Autobahn A1, die von Gdańsk (Danzig) nach Toruń (Thorn) führt. Offenbar durch einen Fehler des Ministeriums blieb diese sich als Alternativstrecke anbietende Route gebührenfrei. Da die A1 privat betrieben wird und der Betreiber verhältnismäßig hohe Mautgebühren verlangt, wird naturgemäß die Landstrasse Nr. 1 intensivst vom Schwerlastverkehr benutzt. Damit sparen sich die LKW-Fahrer die Autobahngebühr. Die  Anwohner dagegen fühlen sich dem Lastverkehr völlig ausgeliefert.

Ein ähnliches Problem betrifft die Landstrasse 92, die von Września nach Konin in Großpolen führt. Sie verläuft parallel zur A2 und kann ebenfalls kostenlos benutzt werden kann. Klar, dass die unter Kostendruck stehenden Transportunternehmer hier gern ausweichen.

Buslinien durch die Maut teurer?

Mit einem anderen Problem finanzieller Art müssen sich mehrere städtische Bustransportunternehmen auseinandersetzen: Wenn ihre Buslinien auf Strecken verkehren, die nun zum gebührenpflichtigen Netz gehören, fallen Kosten an. Diese scheinen einige Unternehmen nicht eingeplant zu haben, was zu Überlegungen führt, die Fahrscheine teurer zu machen. Dies berichten zumindest Vertreter einiger Gemeinden, die mit diesem Budgetloch nicht gerechnet haben.

Vor den im Herbst stattfindenden Parlamentswahlen und angesichts der erhöhten Inflation (5 Prozent im Juni 2011) will keine der polnischen Parteigruppierungen  mit Preiserhöhungsplänen vorstoßen. Sollte sich eine Stadt oder Gemeinde dennoch für eine Preisanpassung entscheiden, so kann sich diese der sofortigen Reaktion der Opposition sicher sein: Unter anderem wirbt zur Zeit die PiS-Partei in Warschau mit einer Unterschriftensammlung für ein Referendum gegen Preiserhöhungen in der polnischen Hauptstadt. Die Wahlpolitik-Show mit dem großem Finale voraussichtlich im Oktober 2011 hat scheinbar bereits begonnen.

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Comments
  1. barbarainer
  2. Jens

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